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Konzert-Bericht
 
...und im Hintergrund fährt ein Trecker

Bernd Begemann & Die Befreiung

Bielefeld, Nr. z. P./ Düsseldorf, FFT
28.12.2016/ 11.01.2017

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Bernd Begemann
Zwischen den Jahren faulenzen? Nicht in diesem Jahr, dachte sich wohl Bernd Begemann. Während andere versuchten, die Gebrauchsanleitung ihrer Geschenke zu verstehen, oder sich fragten, ob das Glitzer-Geschenkpapier in die Gelbe Tonne oder doch besser ins Altpapier muss, packte der Liedermacher und Entertainer noch einmal die Instrumente (und seine Begleitband Die Befreiung) in den Caddy und machte das, was er am besten kann: stundenlang zwischen Klamauk und Ernsthaftigkeit mit seinen Hits und Hymnen unterhalten. Neben Berlin und Hamburg stand dabei auch seine alte Heimat in OWL auf dem Programm. Nun gut, in Bad Salzuflen spielte Begemann zwar nicht, aber zumindest im real-existierenden Bielefeld. Statt im JZ Kamp traten Begemann und Co. dieses Mal im Nr. z. P. im Schatten der Stadtautobahnbrücke am Hauptbahnhof auf, und auch wenn der Exil-Hamburger sich nicht ganz mit dem schmucklosen Hobbyraum-Charme des Venues anfreunden konnte ("Das Ambiente ist doch recht sachlich", befand er), wurde es am Ende doch wieder ein ganz typisches Begemann-Konzert.
"Ich möchte wie ein Actionheld sein, aber nicht auf einem 00er-Jahre-Film, denn dort fragen sie immer nur: 'Wie schlimm ist es?' Das ist mir zu negativ. Ich möchte so sein wie die Typen in den 80er-Jahre-Actionfilmen, die gesagt haben: 'Scheiß drauf, wir gehen rein!'", rief Begemann seinem Publikum zu, bevor er sich kurz vor Mitternacht nach den obligatorischen drei Stunden mit seinem aktuellen Ohrwurm "Unoptimiert" vom beeindruckenden Background-Chor des Publikums praktisch auf einer Woge der Begeisterung von der Bühne tragen ließ. Doch auch davor hatte es viel Action der alten Schule gegeben. Denn obwohl es sogar "Hübscher als sonst" zu hören gab, wurde auf Raritäten an diesem Abend weitestgehend verzichtet. Außer einer Handvoll Lieder aus der neuen Platte gab es deshalb eigentlich nur die "Greatest Hits" zu hören: "Ich kann dich nicht kriegen, Katrin", "Oh, St. Pauli" und gleich hinterher das Sequel "St. Pauli hat uns ausgespuckt", "Unten am Hafen" ganz ohne Gitarre, dafür mit - kein Scherz - Gospelfeeling in der Mitte (und die ganze Gemeinde singt mit!), und "Judith mach deinen Abschluss" mit einem "Gastauftritt" des französischen Charmeurs Jean-Claude, der auf eine ganz andere Art von Abschluss mit der "Schickse ohne Fremdsprachenkenntnisse" aus ist, bevor das Lied mit einem Abstecher zu Joe Dassins "Les Champs-Elysees" ausklang, waren nur einige der Klassiker, die ihren Weg ins Programm fanden. Auch nach Publikumswünschen fragte Begemann gleich mehrfach, spielte aber letztlich eigentlich nur die reingerufenen Lieder, die eh jeden Abend im Programm sind. "Es klappt heute nicht mit dem Fahrrad" verweigerte er zum Beispiel mit der Begründung: "In Ostwestfalen brauchst du ein Scheißauto", und auch sonst gab es natürlich viele, viele Kommentare zu seiner alten Heimat, wie seine Charakterisierung der Menschen des Landstrichs: "Wenn Ostwestfalen wirklich erregt sind, sagen sie 'Joa!' - und im Hintergrund fährt ein Trecker!"

Den Studierenden in den "modernistischen Hallen der Bielefelder Uni" rief er zu, dass es noch viel schlimmere Orte gäbe als die Leineweberstadt, "obwohl Bielefeld besser war, als das Scala Kino noch operierte und Vormittagsvorstellungen hatte. Netflix kann einiges ersetzen, aber nicht die leckeren Knuspersachen morgens um zehn in der Scala, wenn man 'Poltergeist II' sieht." Herrlich auch der Exkurs zum Thema trügerische ländliche Idylle und Frauen, die "alles im Griff haben, wie so ein Typ bei 'Game Of Thrones', der im Hintergrund die Fäden zieht", und trotzdem sagen: "Bei uns macht das alles mein Mann." Allerdings musste Begemann auch zugeben, dass er sich an Gespräche seiner Eltern erinnern kann, bei denen es genau umgekehrt war, à la: "Die Rütherhenkes, das ist ja alles sie!" Danach spielte er - natürlich! - "Bad Salzuflen weltweit" und hängte, weil es gerade so schön kleinstadtromantisch war, treffenderweise sogar noch "Deutsche Hymne ohne Refrain" in einer wirklich feinen Version dran. Dann verlangte Bernd seiner Band, den Bossanova Banditos, wie er die Befreiung an diesem Abend nannte, ein bisschen "vulgäre Bumsmusik" ab, um sich dazu seines Hemdes und seiner Krawatte zu entledigen, aber so richtig trafen die Herren dabei offenbar nicht seinen Geschmack: "Könnt ihr nicht mehr schmutzig spielen? Das ist nicht mehr das Feeling, das wir hatten", beschwerte er sich. "Das ist so abgefuckt, was ihr spielt!" Vermutlich war das alles Teil der Show, allerdings ließen die versteinerten Gesichter der Musiker auch andere Schlüsse zu. Bei explosiven Power-Pop-Songs wie "Mein Niveau", "Ich habe nichts erreicht außer dir" und "Unsere Liebe ist ein Aufstand" hatten Kai Dohrenkamp (Tasteninstrumente), Achim Erz (Schlagzeug) und Ben Schadow (Bass) dann allerdings noch ausgiebig Gelegenheit, richtig zu glänzen.

Am Ende waren deshalb trotz einiger Schnitzer zwischendurch nicht nur die zufrieden, bei denen der Alkohol das Kritikvermögen längst ausgeschaltet hatte. Aber wie heißt es im ostwestfälischen Volksmund so schön? Nirgendwo auf dieser Welt ist es schöner als (auf einem Bernd Begemann-Konzert) in Bielefeld!

Zwei Wochen nach dem Greatest-Hits-lastigen Band-Auftritt in Bielefeld zeigte sich Begemann beim ersten Konzert im neuen Jahr in Düsseldorf von einer ganz anderen Seite. Solo, mit einer ordentlichen Portion Melancholie im Gepäck, spielte er sich durch ein Programm, das trotz weit über 30 Songs fast gänzlich ohne die Lieder auskam, an denen sonst kein Weg vorbeiführt: Kein "Oh, St. Pauli", kein "Fernsehen mit deiner Schwester", kein "Zweimal 2. Wahl", kein "Bist du dabei?", kein "Kelly Family Feeling", kein "Bleib zuhause im Sommer" und auch kein "Eigentlich wollte ich nicht nach Hannover". "Judith, mach deinen Abschluss" gab es auf Zuruf aus dem Publikum zwar zu hören, wurde aber von Begemann abgebrochen, denn: "Ich hab das Gefühl, dass ihr nicht richtig dabei seid, aber das ist nicht eure Schuld, das ist die Schuld von der Person, die sich dieses Scheißlied gewünscht hat." Eine klare Ansage!

Dass es kein ganz gewöhnliches Konzert werden würde, war eigentlich schon direkt nach dem Einstieg klar. Denn auch wenn es mit "Es fällt mir schwer zu glauben, dass du schüchtern bist" samt iPod-Begleitband einen vergleichsweise trivialen Einstieg gegeben hatte, deutete bereits "Sie gehört den Sternen" an, dass dieser Abend nicht unbedingt Begemanns klamaukigster werden würde. "Beschädigt", "Die Verlassenen" und "Meine vergiftete Stimme" noch vor der Pause bestätigten die Vermutung sehr schnell. Selbst die Mitmachnummern hatten grüblerische Zwischentöne, ganz egal, ob es "Mein Powertier ist ein Gnu" war oder "Nazi Tattoo Papa". "Selbst meine lustigen Lieder sind so etwas wie Klagelieder!", befand dann auch Begemann und erzählte von einem Posting in seiner Facebook-Timeline, bei dem offenbar jemand eines seiner alten Lieder falsch gedeutet hatte: "Ich dachte: Oh, jemand postet meinen tollen alten Song 'Schluss mit dem Quatsch (Jetzt wird Geld verdient)', aber das war der Werbeslogan für ein Managerseminar! Ich war kurz davor, drunter zu posten: 'Habt ihr euch das Lied überhaupt mal angehört, das ist ziemlich nachdenklich!'" Zum Lachen brachte er sein Publikum an diesem Abend eher mit Ansagen wie: "Ich habe abgenommen. Als ich das letzte Mal hier war, konnte ich diesen Anzug nicht tragen. Heute ist die Hose von selbst gerutscht. Ich schäme mich dafür, dass mich das so freut, aber selbst wenn es Frieden im Nahen Osten gäbe, glaube ich nicht, dass mich das so glücklich machen würde."

Wer gedacht hatte, dass nach dem Festival der selten gespielten Stücke in der ersten Hälfte der zweite Teil den Hits vorbehalten sein würde, hatte sich getäuscht. Zwar spielte Begemann gleich zu Beginn den Zuschauerwunsch "Was macht Miss Juni im Dezember", doch als er danach rief: "Ab jetzt ist jedes Lied ein Mitsing-Song", war das ein wenig geflunkert. Denn nach "Weil wir weg sind" mit ordentlich Power standen auch in der zweiten Halbzeit vor allem gedämpfte Lieder im Mittelpunkt. Besonders emotional dabei: "Ich bin noch nicht fertig mit dir", "Brauch dich so" und "Aber du meine Liebste" - alle hintereinander weg. Auch wenn zwischen den Liedern 30 Jahre liegen, klang es schon ein wenig so, als könnten sie alle von der gleichen Dame handeln...

Dann trank Begemann erst mal ein Altbier, um sich beim geduldigen Düsseldorfer Publikum wieder beliebt zu machen ("Alt macht jovial, aber stylisch, Kölsch dagegen macht jovial, aber misstrauisch", erklärte er), und hielt anschließend ein ausführliches Referat über Getränke-Gourmets, denn: "Weinkenner waren schon die Geißel meiner Mittelstandsjugend." Es folgten amüsante Anekdoten aus Begemanns jungen Jahren, von seinem Tierarzt-Vater und natürlich auch die passenden Lieder dazu wie "Bad Salzuflen weltweit" und die "Deutsche Hymne ohne Refrain". Nachdem er zuvor schon Tom Pettys "American Girl" in "Bielefeld Girl" umgedichtet hatte, war damit der OWL-Gehalt in der Landeshauptstadt fast so groß wie zwei Wochen zuvor in seiner alten Heimat. Der Petty-Song war übrigens nicht der einzige Abstecher auf das Terrain anderer Songwriter, versuchte sich Begemann doch auch noch an "Ich bin kein schöner Mann" von Billy Sanders und "Ich bin ein Tiger" von Peter Kraus, bevor er mit "Warum kommst du nicht zu mir rüber" einen der besten Rock'n'Roll-Songs aus eigener Feder gleich noch dranhängte. Die Nummer ist übrigens die B-Seite der allerersten Single von Begemanns alter Band Die Antwort gewesen - nur, falls jemand die Raritäten mitzählen möchte!

Auffällig auch, wie viele ganz alte Songs im Programm waren. Die letzte halbe Stunde bestand fast ausnahmslos aus alten Antwort-Songs wie "Der brennende Junge", "Mitleid mit den Dummen" oder sogar "Romantischer Narr", und als Rausschmeißer spielte Begemann kurz vor Mitternacht doch tatsächlich noch "Simone de Beauvoirs Geliebter"! Klar zu definierende Highlights gab es ob der vielen, vielen selten gehörten Songs an diesem Abend übrigens eigentlich nicht. Der Auftritt begeisterte eher in der Gesamtheit als mit einzelnen Songs, die besonders hängenblieben. Aber auch das passte natürlich zu diesem höchst ungewöhnlichen Begemann-Konzert.

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Surfempfehlung:
www.bernd-begemann.de
Text: -Simon Mahler-
Foto: -Simon Mahler-

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