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Konzert-Bericht
 
Das musikalische Oxymoron

Conor Oberst
Miwi La Lupa/ Phoebe Bridgers

Köln, Gloria
20.01.2017

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Conor Oberst
Fast schon gewohnheitsgemäß tritt Conor Oberst in seinen verschiedenen Inkarnationen im Kölner Gloria auf, wenn er denn mal wieder mit einem neuen Projekt am Start ist. So auch dieses Mal - und deswegen war das Konzert natürlich im Handumdrehen ausverkauft. Zumal Conor angekündigt hatte, (fast) alleine aufzutreten, um die Songs seines aktuellen Albums "Ruminations" in einem adäquaten Setting präsentieren zu können. (Dass es unter dem Titel "Salvations" im März eine Neuauflage dieses Albums geben wird, auf dem dann die Tracks von "Ruminations" und einige mehr in einem Band-Setting zu hören sein werden, stand zu diesem Zeitpunkt wohl noch nicht fest.)
Das eh schon als "Early Show" angekündigte Ereignis begann bereits deutlich vor 19 Uhr noch vor halbleeren Rängen mit einem Auftritt von Conors neuem Sidekick, Miwi La Lupa. Der Dreadlock-bewehrte Miwi stammt - wie Ani Di Franco und Rick James - aus Buffalo im Staate New York und begann seine musikalische Laufbahn, indem er eine Band gründete - und zwar als Posaunist. Heutzutage positioniert sich der Mann als Songwriter "irgendwo zwischen Ron Sexsmith und Stuart Murdoch" und fand in New York - über den Zirkel der Musiker um den Avantgardisten Bill Frisell - zu seinem eigenen Sound, den er - in abgespeckter Form alleine mit einer elektrischen Gitarre bewaffnet - nun auch im Gloria präsentierte. Miwi hat inzwischen zwei eigene CDs - "New Way Home" und "Beginners Guide" (an denen auch Conor Oberst mitwirkte) veröffentlicht und verfügt offenbar über eine ziemlich große musikalische Bandbreite. Er gefiel durch seine klare, sonore und betont melodisch geführte Gesangsstimme und geradlinige, angenehm temperierte Popsongs, die er mal im Folkpop-Setting und mal als Rocksongs präsentierte. In diesen Momenten erinnerte das Ganze bemerkenswerterweise (und zwar wegen der Melodieführung und Miwis Timbre) an das, was die Kollegen von Nada Surf zuweilen zu bieten haben - aber auf eine angenehme Art, denn Miwi ist kein Musiker, der es nötig hat, andere zu emulieren.
Nach seinem Set kündigte Miwi seine Kollegin Phoebe Bridgers an, die - wie er - einige eigene Songs zum Besten geben würde, bevor dann Conor Oberst die Bühne beträte. Der jungen Dame aus Los Angeles eine brillante Karriere als Songwriterin zu prophezeien, dürfte nicht mit allzugroßen Risiken behaftet sein - denn neben Conor Oberst (der im Folgenden Phoebes kommendes Debüt-Album über alle Maßen anpries) gehört Ryan Adams zu ihren Freunden und Förderern. Dieser schrieb ihr eine anrührende Empfehlung für die auf seinem hauseigenen Label herausgebrachte 7" Single "Killer". So bezeichnet er Phoebe als "musikalisches Einhorn", lobt ihre Fertigkeiten als Gitarristin (die sie auch mit mehreren Instrumenten im Gloria demonstrierte) und meint en passant, dass Phoebe vermutlich ein Glas mit Sand klingen lassen könne wie Dylans "Blood On The Tracks". Der Grund, warum sich Songwriter-Kollegen zu Phoebes Kunst hingezogen fühlen, dürfte wohl an ihrer Fähigkeit liegen, mit wenigen Akkorden unterlegte, wunderhübsche, poetische Songs zu fabrizieren - wobei sie ein Faible für blumenreiche Metaphern und Bilder hat, von denen einige - wie zum Beispiel "Emotional Motion Sickness" (da muss man ja auch erst mal drauf kommen) auch bei ihrer Show zum Tragen kamen. Des Weiteren gefällt Phoebe durch die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der sie ihr Material darbietet und eine angenehm weiche Gesangsstimme, die in interessantem Kontrast zu ihrer eher kräftig-sonoren Sprechstimme steht. Wie gesagt: Da könnte was draus werden.

Aus Conor Oberst ist natürlich längst etwas geworden. Der Mann, der auf der Bühne auch immer sehr von seinen täglichen Gemütsschwankungen abhängig ist, hatte in Köln dieses Mal einen sehr guten Tag erwischt. Ein wenig überwältigt von seiner neuen Kurzhaar-Strubbelfrisur setzte er sich zunächst mal ans Piano (hinter dem ein Stage-Manager saß, dessen Aufgabe es war, ihm verschiedene Mundharmonikas - frisch gespült - aus einem Wasserglas zu reichen) und begann sein Set wie auch die Scheibe mit dem Track "Tachycardia". Miwi La Lupa spielte hierzu ein Instrument. Das muss so formuliert werden, weil nicht so recht klar wurde, was er da eigentlich tat - nämlich eine Gitarre wie einen Bass zu spielen bzw. mit einem Gitarrensynthesizer zu hantieren, der auch mal wie eine Orgel klingen konnte oder alles zugleich oder wie Jerry Carcia. Conor hingegen konzentrierte sich dann auf das Wesentliche: Gitarre, Mundharmonika und Stimme natürlich. Nachdem er auch gleich den Track "Gossamer Thin" mit dem Rücken zum Publikum am Piano sitzend aufgeführt hatte, machte sich schon die Befürchtung breit, dass dies das Thema des Abends sein könnte, bevor er sich dann für "Barbary Coast" doch an die Gitarre bemühte - und ab da kam auch Leben in die Bude. Nicht unbedingt in Bezug auf die Songs - denn mit dem abschließenden Bright Eyes-Klassiker "At The Bottom If Everything" gab es eigentlich nur genau eine einzige Up-Tempo Nummer - aber in Bezug auf die Verve, mit der der Meister sein Material präsentierte. So traktierte er z.B. seine Gitarre dergestalt massiv mit dem Ringfinger, dass es nicht nur ständig im Gebälk knackte, sondern auch gleich eine Saite riss. Dazu fauchte uns spuckte er, was das Zeug hielt und sorgte auch ansonsten recht expressiv für steigenden Blutdruck - während Miwi La Lupa das Ganze eher mit stoischer Gelassenheit (und zuweilen merkwürdig blubbernden Sounds seines "Instrumentes") begleitete.

Es ist dann schon interessant, Conor Oberst mal über längere Strecken in einem solch überschaubaren Rahmen erleben zu können, denn auf diese Weise fällt zuweilen gar nicht auf, wie vertrackt und komplex seine Songs (nicht nur Band-Nummern wie der "Ladder Song" oder "White Shoes" von der Mystic Valley Band, sondern auch die neuen Tracks wie "Counting Sheep" oder "A Little Uncanny") selbst im geradlinigen Solo-Setting eigentlich angelegt sind. Neben der Tracks des Ruminations-Albums verzichtete Conor Oberst an diesem Album im Wesentlichen auf sein sonstiges Solo-Material und baute stattdessen einige Bright Eyes-Nummern und insbesondere ihm am Herzen liegende Coverversionen ein. So stand auf der Setlist zum Beispiel der "Rockefeller Druglaw Blues", den er ja auch schon zusammen mit den Felice Brothers intoniert hatte, und so ehrte er die Replacements mit "Here Comes A Regular". Die Replacements kommen - wie Conor selbst - aus dem Heartland der USA. Das ("Heartland") nämlich - so Conor - sei ja fast schon ein Oxymoron (ein aus eigentlich gegensätzlichen Begriffen wie "heißkalt" zusammengesetzter Begriff). Wenn man sich das so recht überlegt, ist das ja eigentlich auch, was Conor selbst musikalisch zuweilen verfolgt - und wohl auch der Grund dafür, dass viele seiner Songs so komplex erscheinen.

Das Highlight der Show kam dann aber erst im zweiten Teil des Sets zum Tragen - nach einer kurzen "Büropause", wie der ungewöhnlich mitteilungsfreudige Oberst das formulierte - in der man seine Facebook-Aktivitäten abarbeiten könne, damit auch alles gleich geposted werden könne. Hier lud nämlich Conor zusätzlich zum stets anwesenden Miwi noch Phoebe Bridgers ein, das Klangbild mit ihren Beiträgen zu bereichern. Es folgte dann eine hinreißende Coverversion von Gillian Welchs "Everything Is Free Now" - einem der wenigen Tracks der Songwriterin, aus denen sich eine politische Aussage herauslesen ließe. Conor nutzte die Ansage zu diesem Song zu einer eigentlich in dieser Form noch nie dagewesenen Rede an die Fans, in denen er sein Unbehagen über die am Vortag erfolgte Inauguration Donald Trumps zum Ausdruck brachte und alle Anwesenden eindringlich aufforderte, alles dafür zu tun, dass so etwas nicht auch bei uns in Europa passieren könne. Phoebe blieb dann noch für die Bright Eyes-Nummer "Lua" auf der Bühne - und auch dieser Song stellte so einen Höhepunkt der Show dar. Als Conor dann - mit tatkräftiger Unterstützung des Publikums - die Show mit dem bereits erwähnten "Bottom Of Everything" ausklingen ließ, wurde deutlich, dass man an diesem Abend den Meister in seiner unmittelbarsten, persönlichsten und engagiertesten Form hatte erleben dürfen. Das muss der Mann bei seinem nächsten Besuch erst mal toppen!

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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