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Konzert-Bericht
 
Alte Tugenden und frischer Wind

Chuck Prophet
Max Gomez

Wesel, JZ Karo
12.02.2017

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Chuck Prophet
Nein, schlechte Kritiken hat Chuck Prophet auch für seine Alben der jüngsten Vergangenheit nicht bekommen. Trotzdem reagierte so mancher Anhänger des Sängers, Gitarristen und Songschreibers, der einst als Teil von Green On Red dem Paisley Underground in seiner Heimat San Francisco zu Popularität verholfen hatte, auf "Temple Beautiful" und "Night Surfer" eher verhalten euphorisch, weil sich der heute 53-jährige Haudegen zwischen Singer/Songwriter-Kunst und althergebrachter Rock- und Power-Pop-Wucht bisweilen ein wenig zu sehr auf seinen Lorbeeren ausruhte. Dieser Tage legt er nun mit "Bobby Fuller Died For Your Sins" ein Album vor, auf dem er immer wieder überraschen kann und vor allem abseits des ausgetrampelten Pfades punktet, wenn er beim Titelsong den Hut vor dem früh verstorbenen Rock'n'Roll-Helden aus Texas den Hut zieht, "Jesus Was A Social Drinker" gewissermaßen als Spoken-Word-Blues zelebriert oder "Alex Nieto", einem Opfer von Polizeibrutalität, widmet. Der frische Wind, der durch die LP fegt, war auch bei seinem feinen Auftritt im Jugendzentrum Karo in Wesel spürbar. Nur die Ansagen waren hier und da ein wenig zu vorhersagbar, denn es hätte wohl niemand im Saal ernsthaft geglaubt, dass Prophet Donald Trump oder den Brexit (mit all seinen Folgen für tourende Musiker) gutheißt würde.
"Ladies, ich hoffe, ihr habt bequeme Schuhe an, denn das wird ein langer Abend", begrüßte der vom ersten Ton an bestens aufgelegte Amerikaner sein Publikum am Niederrhein, und das war nicht geflunkert, denn zusammen mit seiner Band The Mission Express verließ er die Bühne erst zwei Stunden später wieder. Zwei Stunden, in denen er gemeinsam mit seinen perfekt eingespielten Mitstreitern Vicente Rodriguez (Drums, Stimme), James DePrato (Slidegitarre, Stimme), Kevin White (Bass) und seiner Ehefrau Stephanie Finch (Keyboards, Stimme) den Abwechslungsreichtum seines neuen Albums bewies, aber sich vor allem im Rock'n'Roll-Modus nicht zu schade war, seine Einflüsse offen zutage treten zu lassen. Einmal mehr huldigte er seinen Helden der 70er, den Stones, Big Star und immer wieder den Flamin' Groovies, wenn er wild und ungestüm durch "Temple Beautiful" jagte, dem inzwischen nicht mehr hergestellten "Ford Econoline" ein ohrenbetäubendes Denkmal setzte oder aus "Countrified Inner City Technological Man" ein messerscharfes Groove-Monster machte. Dazwischen sorgten Nummern wie das fast neunminütige Pop-Highlight "Summertime Thing" (mit einem nicht enden wollenden Gitarrensolo) oder die hymnische Mitmach-Nummer "Wish Me Luck" dafür, dass Band und Publikum immer mal wieder Kräfte sammeln konnten für die nächste Rock-Offensive, für das nächste Gitarrenduell zwischen Prophet und DePrato. Zu den Rosinen aus Prophets Back-Katalog der letzten 15 Jahre (weiter ging es in Wesel nicht zurück) gesellten sich auch einige feine Coverversionen, die nicht immer so offensichtlich waren wie "Shake Some Action", das Prophet in den vergangenen Jahren gerne gespielt hatte. Stattdessen gab es im Karo die Chuck Berry-Obskurität "Ramona Say Yes" zu hören, ein herzergreifendes "Iodine" von Leonard Cohen und ganz am Ende sogar noch den Doppelschlag mit Bobby Fullers "Let Her Dance" und einem punkig krachenden "Mr. Pharmacist" von The Fall. So hält man die Gitarrenrock-Flagge aufrecht!
Für die Zugaben holte Prophet Max Gomez zurück auf die Bühne, einen jungen Liedermacher aus New Mexico, der zuvor mit bisweilen aufreizender Lässigkeit einen wirklich tollen Auftritt im Vorprogramm abgeliefert hatte. Seine Stimme hat etwas von Neil Diamond und seine detailverliebten Runterbringer-Songs knüpfen an Townes Van Zandt oder John Prine an, sein Aussehen erinnert dagegen ein wenig an das des Comedians Jimmy Fallon - und ganz offenbar hat er auch dessen Sinn für Humor, wie seine schluffig-sympathischen Ansagen unterstrichen, bei denen er die Hintergründe seiner Folk- und Country-Nummern erläuterte oder Woody Guthrie zitierte. So verriet er, dass er beim Dreh zu seinem ersten, gleich von Kiefer Sutherland inszenierten Video, "Run From You", noch ganz ohne schauspielerische Erfahrung, eine hübsche junge Dame küssen musste. "Das hab ich dann natürlich 20, 30 Mal verhauen", erzählte er augenzwinkernd. "Warum? Weil ich es mir leisten konnte." Zu den Liedern seines 2013er-Debüt "Rule The World" kamen auch neue Stücke seiner gerade entstehenden neuen Platte, von denen vor allem das wunderbar simple "Make It Mine" im Gedächtnis blieb. Mehr als zwei Griffe auf der Gitarre brauchte Gomez dabei nicht, um zu begeistern. Ganz am Ende wollte der Applaus deshalb gar nicht enden, sodass der junge Troubadour noch einmal zurück auf die Bühne kam. "Ich denke, das war deutsch für 'Noch ein Lied'", kommentierte er die Ovationen lakonisch und beendete sein Set mit "Cherry Red Wine", dessen Refrain die ungekünstelte Attitüde beide Acts und die Stimmung des Abends prima einfängt: "Got me a guitar and some whiskey / And now I'm here singing to you". Wenn doch alles so leicht wäre.

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Surfempfehlung:
chuckprophet.com
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www.maxgomezmusic.com
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Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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