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Konzert-Bericht
 
Wenig Aufwand, große Wirkung

Joseph
Old Sea Brigade

Köln, Yuca
14.02.2017

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Joseph
Eine Akustikgitarre, eine Stompbox, ein Tamburin und ihre drei Stimmen, die fantastisch harmonieren - wie schon bei ihrem umwerfenden Gastspiel in der winzigen Haldern Pop Bar letzten Sommer brauchten Natalie, Meegan und Allison Closner auch bei ihrem Gastspiel am Valentinstag in Köln nicht mehr, um alle im Saal zu entzücken. Dabei sind heimelige Unplugged-Auftritte wie im Yuca Club nur das Sprungbrett für die Pop-Karriere, die die drei Schwestern mit ihrem Mainstream-freundlichen aktuellen Album "I'm Alone, No You're Not" zweifelsohne anstreben. Auf der LP sorgt zwar allein die Mitwirkung von Produzent und Conor Oberst-Intimus Mike Mogis für einen Hauch von Indie, die auf Hit gebürsteten Arrangements im Sound der Zeit bei vielen Songs dagegen unterstreichen, dass das Damen-Trio lieber heute als morgen in die Charts will. Mit der Platte setzen sie dort an, wo ihre Seelenverwandten First Aid Kit bei ihrem Majorlabeldebüt "Stay Gold" aufgehört hatten, und machen althergebrachte Songwriter-Kunst fit für die Radios, Kinofilme und Werbespots von heute, schließlich verdient man mit in Vinyl gepresstem Schönklang allein heute höchstens noch das Spritgeld für die Fahrt zum nächsten Konzertort. Joseph war bei ihrem Konzert in der Domstadt allerdings noch nicht einmal das vergönnt, da ihre Tonträger postalisch nach Amsterdam fehlgeleitet worden waren... Den Anfang machte zunächst ein junger Herr aus Nashville mit dem klangvollen Namen Old Sea Brigade.
Ein wenig komisch war das schon: Da stellte sich also dieser junge Mann auf die bis auf drei Gesangsmikrofonständer leere Bühne des Kölner Yuca Club und behauptete von sich, die Old Sea Brigade aus Nashville, Tennessee, zu sein um dann seine wohltemperierten, Americana-Storyteller-Folksongs zum Valentinstag zu präsentieren. Der Valentinstag hat in den USA einen ganz anderen Stellenwert als bei uns (was im Folgenden bei der Show des Headliner Trios Joseph noch deutlich werden sollte) – komisch war das Ganze aber deswegen, weil Ben Cramer – so der eigentliche Name des Protagonisten – hier sein Projekt Old Sea Brigade ganz alleine präsentierte. Im letzten Jahr veröffentlichte Cramer in den USA seine Debüt-EP, die mit dem – auch in Köln gegebenen - Song "Better Days" auch eine Art Achtungs-Erfolg enthielt und noch bevor im Laufe des Jahres sein Debütalbum erscheint, folgte vor Kurzem eine zweite EP mit dem Titel "Wash Me Away". Auf beiden EPs präsentiert sich Cramer mit einem Händchen für elaborierte, teilweise gar wagemutige und oft poppig-orchestrale Arrangements, die er mit einer Vielzahl von Instrumenten anreichert. Bei seinen Solo-Shows (zum Beispiel als Support für Hiss Golden Messenger, Julien Baker oder nun eben Joseph) gibt es allerdings nur die nackten Basics. Allein mit seiner Stimme und seiner Gitarre vermag es Cramer allerdings, die geneigten Zuhörer durchaus in seinen Bann zu ziehen. "Geneigt" heißt es hier deswegen, weil sich ohne das Verständnis zu Cramers persönlich gefärbten Selbstbespieglungs-Geschichten der Zugang allein über das vergleichsweise konventionell konstruierte Songmaterial sich ohne die o.a. Arrangements in diesem Setting nicht so recht erschließt. Immerhin: Cramer machte seine Sache souverän und überzeugte sowohl als sonorer Sänger und variabler Instrumentalist. Lediglich der Gitarrenwechsel beim letzten Song hätte nicht unbedingt sein müssen, da das Instrument vorher wesentlich besser geklungen hatte.
Ohne Band und produktionstechnisches Brimborium im Rücken konnten Joseph anschließend beweisen, was für eine hervorragende Band sie auch jenseits ihrer Pop-Ambitionen sind. Ganz auf ihren nicht nur bei den immer wieder eingestreuten A-cappella-Parts zum Heulen schönen Harmoniegesang konzentriert, waren die drei ihren Folk- und Country-Wurzeln an diesem Abend viel näher als auf ihrer Platte und mussten selbst den Vergleich zur legendären Carter Family nicht scheuen. Das kleine Setting bot auch Raum für Spontaneität, etwa wenn die drei bei ihren "Bandmeetings" zwischen den Songs kurzerhand entscheiden konnten, eine Nummer etwas schneller als noch am Abend zuvor zu spielen. Anders war als noch bei den Konzerten im Sommer dieses Mal dagegen, dass sich die Damen nach Dutzenden von Konzerten in den letzten Monaten ein Stück weit professioneller, etwas weniger ungezwungen gaben - das bewiesen ihre ebenso gut gelaunten wie oft eher inhaltsleeren Ansagen genauso wie die Tatsache, dass sie die Setlist für ihren genau 60-minütigen Auftritt nicht auf Papier, sondern auf dem Smartphone mitgebracht hatten. Songs aus ihrem Debüt "Native Dreamer Kin" standen übrigens nicht darauf, dafür hatten Joseph eine echte Valentinstag-Song-Trilogie vorbereitet und sangen Britney Spears' "Toxic" (für alle Singles auf der Suche), Coldplays "Magic" (für alle glücklich Verliebten) und das von Bonnie Raitt populär gemachte "Can't Make You Love Me". Passend zum Konzertdatum widmete Natalie dann auch noch den Lovesong "Blood And Tears" ihrem Ehemann Chris - genau sechs Monate und einen Tag nach ihrer Hochzeit im letzten August. Doch bei aller Naturbelassenheit - ganz ließ Joseph das Pop-Ding auch an diesem Abend nicht los. Gleich mehrfach animierten die Mädels das Publikum zum Mitsingen, und beim Überhit "White Flag" durfte auch bei der Unplugged-Version hemmungslos mitgeklatscht werden. Für die Zugabe baten sie dann Old Sea Brigade zurück auf die Bühne, um gemeinsam mit ihm "Eyes To The Sky" zu singen. Mit vier Stimmen und einer Gitarre bewiesen Joseph dabei ein letztes Mal, wie wenig eine mitreißende Performance braucht - natürlich nur, wenn man so wunderbar gesanglich harmoniert wie sie.

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Surfempfehlung:
thebandjoseph.com
www.facebook.com/thebandjoseph
www.oldseabrigade.com
facebook.com/oldseabrigade
Text: -Ullrich Maurer & Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-

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