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Comedy adé

Dear Reader
Josin

Köln, Gebäude 9
17.03.2017

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Dear Reader
"Langsam fängt es an Spaß zu machen", erklärte Cherilyn MacNeil eingangs bei dem Dear Reader-Konzert im Kölner Gebäude 9 mit Bezug auf die gerade laufende Tour, "bisher war alles eher ziemlich anstrengend - aber ihr in Köln lacht ja immer so gerne." Damit begrüßte sie ihre wohl treuesten Fans, denn seit Dear Reader 2009 mit ihrer ersten Dear Reader-Konstellation in der Domstadt aufgetreten war, hat sie dort sozusagen Heimvorteil. Und das liegt eben daran, dass es - bislang - bei Dear Reader-Konzerten auch immer besonders viel zu lachen gab. "Trotzdem bin ich froh, euren Karneval verpasst zu haben", fügte Cherilyn dann noch hinzu.
Dann wurde es allerdings gleich wieder ernst... wie zuvor auch schon bei dem Auftritt von Arabella Rauch - besser (aber noch nicht flächendeckend) bekannt unter ihrem Nom de Plume Josin. Deren hochkonzentrierte musikalische Wellenbewegungen sind aber auch keineswegs zum Scherzen geeignet. Josin, die sich beim Publikum als "Kölsches Mädchen" vorstellte (da sie eine Zeitlang in Köln gelebt hatte), erschien zunächst mal ein wenig angespannt - was aber eigentlich auch kein Wunder ist, da sie vollkommen alleine auftritt und dabei ein komplexes Geflecht virtuoser Piano- und Keyboard-Spielereien, Soundeffekte und Loops sowie vielseitig/rhythmischer Gitarrenparts zu jonglieren hat; mal mit, mal ohne Gesang und teilweise gar alles zusammen. Dabei hat sie im Laufe der Zeit einen recht eigenständigen Stil entwickelt, der darin besteht, ihre harmonisch durchaus anspruchsvollen Klangkunstwerke auf dramaturgisch geschickte Art in zum Teil ungeahnte Höhen hinaufzuschrauben, die zuweilen am Extase-Abgrund entlangtaumeln - freilich ohne hineinzufallen. Zwischen den Tracks erklärt sie dann gerne, dass es in den metaphernreichen Songs um vergleichsweise banale, aber persönlich nachvollziehbare Themen geht, wie z.B. in "Daily Grind" um den täglichen Überlebenskampf oder in "Oceans Wait" um die falschen Hoffnungen, Dinge kontrollieren zu können, die man nicht kontrollieren kann. Noch ein Detail am Rande: Die Tochter von zwei Opernsängern schafft es mit ihrem elektronisch-organischen Soundmix mühelos, Klassik, Artpop, Ambient und Club-Elemente zusammenzuführen. Dass so etwas nicht ohne eine gewisse Ernsthaftigkeit und Konzentration geht, zeigt sich dann daran, dass Josin nahezu ausschließlich mit konzentriert zusammengekniffenen, geschlossenen Augen singt, während sie sich im Groove ihrer Songs wiegt.
Das - also die gewisse Ernsthaftigkeit und die konzentrierte Verkniffenheit - war dann bei der Performance von Cherilyn MacNeil und ihrer neuen Band ganz ähnlich. Während Cherilyn früher keine Gelegenheit ausließ, mit ihren jeweiligen Musikern in eine Art Screwball-Wettbewerb einzutreten, bei dem sich die Bonmots sozusagen im fliegenden Wechsel die Klinke in die Hand gaben, lief die Sache dieses Mal wesentlich stärker auf die Musik konzentriert ab. Das hat freilich seine Gründe: Während Emma Greenfield und Sam Vance-Shaw (die als Traded Pilots auf der letzten Tour von Dear Reader als Support und Begleitmusiker dabei waren) auf einer ähnlichen Humorwellenlänge wie Cherilyn MacNeil schwammen, waren die neuen Musiker der international besetzten Band - Evelyn Saylor aus den USA, Stella Veloce aus Italien und Olga Nosova aus Russland - eher daran interessiert, ihre musikalischen Beiträge konkret auszuführen. Und das war gar nicht so einfach - und ein weiterer Grund dafür, warum es kaum noch Comedy-Einlagen gab: Die Arrangements insbesondere des Materials vom aktuellen Album "Day Fever", das es ja zu präsentieren galt, erfordern ein exaktes Zusammenwirken aller Beteiligten und sind extrem miteinander verzahnt. So arbeiten Cherilyn & Co. vor allen Dingen mit diversen Keyboards, ohne eigenen Bassisten (dafür war dann Cellistin Stella Veloce zuständig, die gelegentlich auch Keyboard spielte) und nur gelegentlich mit Gitarren oder Mandoline. Dazu kommen dann aber noch die komplexen Vokal-Arrangements, die ebenfalls punktgenau austariert sein müssen. Das alles führte wohl auch dazu, dass kaum ältere Tracks den Weg auf die Setlist fanden (wie z.B. "Took Them Away", "Camel" der übliche "Great White Bear" oder "Victory" - was aber ja eine A-Cappella-Nummer ist), sondern alles auf die neuen Tracks zugeschnitten erschien - die dann auch in Gänze gegeben wurden. Allerdings verhinderten die sehr spezifisch ausgearbeiteten Arrangements, dass so etwa spontane Improvisationspassagen entstehen hätten können - denn da musste schon alles an seinem festen Platz sein. Letzteres holte Cherilyn dann insofern nach, als dass sie als herausgeklatschte, letzte Zugabe Springsteens "Dancing In The Dark" spielte und dann - weil das Publikum so schön mitmachte - den Refrain am Ende des Stückes gleich drei Mal zusätzlich dranhängte.

Das bedeutete übrigens keineswegs, dass die Show wegen der o.a. Prioritäten-Änderung deswegen schlechter oder langweiliger gewesen wären als frühere Dear Reader-Shows - dafür sorgte alleine ja schon die Qualität des Songmaterials und letztlich auch die Intensität des Vortrages - es war halt alles nur etwas anders bislang gewohnt. Die Stücke selbst - die ja immerhin von der bislang persönlichsten Dear Reader-Scheibe stammen und hauptsächlich von Cherilyns "Neurosen und Psychosen" handeln (sofern sie ihre Inspiration nicht von "Game Of Thrones" bezieht) - sind denn ja auch denkbar ungeeignet, sich darüber in irgendeiner Form lustig zu machen. Eine Besonderheit gab es aber noch zu vermelden: In dem Bemühen, etwas zu erschaffen, was der Ästhetik des Cover-Motives von "Day Fever" entspricht, hatte Cherilyn aus Stoff-Fetzen Kostüme und Bühnendekorationen in der Art eines Quilts (der ja auf dem Cover abgebildet ist) gebastelt. Letztlich war das dann alles schon sehr stimmig und auch aufgrund der familiären Atmosphäre ein wunderschöner Konzertabend.

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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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