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The Gospel according to Rhiannon Giddens

Rhiannon Giddens
Jordan Mackampa

Köln, Gloria
29.03.2017

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Rhiannon Giddens
In den USA hat sich der Status von Rhiannon Giddens vom Kultstatus in Sachen authentischer Folk-Verwaltung in den letzten Jahren zur medienübergreifenden Ikone gewandelt. Nicht nur, aber sich sicher auch wegen ihres sozialen Engagements, einer Einladung von Michelle Obama ins Weiße Haus oder ihre Rolle in der Fernsehserie "Nashville". Hierzulande scheint Rhiannon indes zunächst und vor allem ein interessiertes Fachpublikum anzuziehen - und so war dann zu beobachten, dass das Publikum im Kölner Gloria sich aus Leuten reiferen Alters zusammensetzte, die man bei Konzerten dieser Art eigentlich eher selten antrifft. Obwohl Rhiannon auf ihrem neuen Album "Freedom Highway" sich musikalisch wesentlich zeitgemäßer aufstellte, als auf ihren bisherigen Veröffentlichungen - auch als Frontfrau der Carolina Chocolate Drops -, spielte das bei ihrem Konzert in der Domstadt eine eher untergeordnete Rolle, denn das reichhaltige Instrumenten-Sammelsurium, das die fünfköpfige Band bediente, diente einzig dem Zweck, den jeweiligen Tracks das authentischste historische Klang-Kolorit angedeihen zu lassen - und nicht etwa, um Konzessionen an den Zeitgeschmack zu etablieren.
Eine gewisse Zeitlosigkeit zeichnete auch das Tun des Support-Acts, den Rhiannon für die aktuelle Europa-Tour gebucht hatte aus. Nur dass Jordan Mackampa seine Folkpop-Songs solo darbot. Mackampa wurde dereinst in Kinshasa - der Hauptstadt des Kongo - geboren, wuchs in London auf gibt vor, auf dem Land - in Coventry - zum Musiker geworden zu sein. Wenn man möchte, kann man das als Zuhörer durchaus auch aus seinen Songs heraushören. Nicht inhaltlich - denn dort beschäftigt sich Mackampa auf eher allegorische Art mit den universellen Lebensfragen um Liebe, Tod und Teufel, die er auf unsere Zeiten projiziert. Aber musikalisch hat Mackampa tatsächlich einen Weg gefunden, seine folkigen Gitarrenläufe mit jazziger Leichtigkeit und afrikanischer Spielfreude zu einer letztlich coolen (weil düsteren) Melange zu verquicken, die ideal erscheint, seinen gedanklichen Ruminationen ein entsprechendes musikalisches Bett zu bereiten. Bislang hat Mackampa lediglich eine EP namens "Physics" veröffentlicht, der nun eine weitere folgen soll. Aber obwohl er nur fünf Tracks spielte, bot er doch einiges an Potential feil, das neugierig macht, auf das Klanguniversum Jordans. Jordan war das erste Mal in Deutschland unterwegs und offenbar überrascht von der hier vorherrschenden Tradition, aufmerksam zuzuhören und erst am Ende des Songs artig zu klatschen. "Seid ihr noch da?", fragte er gleich mehrfach ins Auditorium und war dann sichtlich erleichtert, als das vom Publikum positiv beschieden wurde.
Wie das bei uns läuft, das wusste Rhiannon ja bereits - da sie schon mehrfach in Köln gastiert hatte. Das reicht immerhin so weit, dass sie mir durchaus passablen Brocken auf Deutsch zeigte, dass sie zumindest rudimentär in unserem Wortschatz auskennt. Das Thema der Tour ist natürlich die Präsentation der Songs von "Freedom Highway" - auf dem sich Rhiannon erstmals auch als Songwriterin präsentierte, während es ihr zuvor stets um die Bearbeitung traditionellen Materials gegangen war. Das machte sich aber im Live-Kontext deutlich weniger stark bemerkbar, als zu erwarten gewesen wäre, denn auch bei ihren eigenen Songs orientiert sich Rhiannon an Vorlagen, die sie der Historie entreißt. Das Anliegen Rhiannons ist es deshalb auch, zu vermitteln, dass man aus der Geschichte lernen kann. Das erklärte sie auch an diesem Abend deutlich. Man muss die Geschichte kennen, um erkennen zu können, was heutzutage abläuft. Musikalisch äußert sich das darin, dass Rhiannon sich am wohlsten fühlt, wenn sie sich in archaischen Musikformen austoben kann. "Ich werde oft gefragt, warum ich mich für diese Art von Musik entschieden habe", erklärte sie das Ganze nonchalant, "und das geschah wegen des Tanzens. Denn das ist das, was ich auf dieser Welt am allerliebsten mache - auch wenn man das jetzt nicht merkt, weil ich auf der Bühne immer so still stehe." Dazu muss noch angemerkt werden, dass Rhiannon das Potpourri aus den "Highway Tracks" (und einigen Songs von ihrem Solo-Debüt "Tomorrow Is My Turn") immer wieder gerne mit Tanzliedern der etwas anderen Couleur aufmischte. Dazu gehörten ein paar "Créole Tunes" (damit waren Zydeco und Cajun-Stücke gemeint, wie Rhiannons musikalischer Partner Dirk Powell erklärte, der "Freedom Highway" mit produziert und konzipiert hatte und an diesem Abend Gitarre, Piano, Fidel und Akkordeon spielte und diese Songs teilweise auf französisch vortrug) und ein paar kanadische Folktunes auf Fiedel-Basis, die als "Quebecois" auf der Setlist zusammengefasst waren.

Überhaupt fiel auf, dass - obwohl Rhiannon generell dem stilistisch zugetan ist, was man gemeinhin als Americana bezeichnet - sich die Band Stilarten ausgesucht hatte, die in diesem Zusammenhang eher ungewöhnlich sind. Neben Kreolischem und Kanadischem waren dies z.B. Swing, Ragtime, appalachischer Folk, einer Art von jazziger Scat-Einlagen (bei "Hey Bebe"), Honky Tonk, erstaunlich wenig Blues - dafür aber immer wieder Gospel in jedweder Form. Abgerundet wurde das Ganze durch den überraschenden Opener, "Spanish Mary" - immerhin ein Track mit einem Text von Bob Dylan, den Rhiannon im Rahmen des "New Basement Tapes"-Projektes vertont hatte und - im Zugaben-Block - einer abschließenden Hommage an Rosetta Tharpe - einer der ersten Frauen, die Gospel-Musik mit dem Rock'n'Roll verband. Rhiannons Art, an den Gospel heranzugehen, ist dabei eine ganz eigene. Denn selten geht es etwa in den von ihr in diesem Setting präsentierten Songs um typische Gospel-Themen - sondern um die Portraits starker Frauen-Gestalten aus der dunklen Zeit der Sklaven-Historie und so nimmt sie lediglich die Intensität dieser Art von Musik, die sie durch eine meisterhafte Kontrolle sowohl über ihre eigene Stimme wie auch das dargebotene Material zugleich emotional und inbrünstig wie auch technisch perfekt auf die Spitze treibt. Den - zuweilen politischen - historischen Kontext erläutert sie dabei zwischen den Stücken. Sie selbst brilliert dabei nicht nur als Sängerin, sondern auch mit dem Nachbau eines historischen Banjos (das ergo mit organischen Saiten bestückt ist und nicht solchen aus Stahl - was einen ganz eigenen Klang erzeugt) und als Fiedlerin, die zuweilen von Dirk Powell in gleicher Funktion ergänzt wird. Auch ihrem New Yorker Gitarristen Hubby Jenkins (der obendrein auch Banjo, Mandoline und "Knochen"-Perkussion) spielte, überließ Rhiannon gelegentlich das Spotlight - etwa indem dieser den Song "Children Go" (selbstredend auch eine Gospel-Nummer) vortrug.

Die Zeit verging angesichts dessen, was auf der Bühne alles passierte wie im Fluge und nachdem gegen Ende der Show mit den nachdenklichen Balladen "Julie" und "Birmingham Sunday" das Tempo etwas gedämpft worden war, gab es zum Abschluss mit "Freedom Highway" (für das Jordan Mackampa nochmals auf die Bühne gebeten wurde) eine regelrechte abschließende Jam-Session, bevor dann im Zugabenblock dem Gospel nochmals eingeheizt wurde. Es blieb dann auch tatsächlich nichts mehr, was sich dem noch hätte hinzufügen lassen. Rhiannon Giddens lieferte hier zweifelsohne eine - übrigens höchst spielfreudige und kurzweilige - Vollbedienung in Sachen authentischer amerikanischer Musikkultur ab.

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Surfempfehlung:
rhiannongiddens.com
www.facebook.com/RhiannonGiddensMusic
www.facebook.com/JordanMackampaMusic
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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