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Wieder da draußen

Die Regierung

Dortmund, Subrosa
10.04.2017

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Die Regierung
"Diese Regierung ist 'ne Diktatur", sang die Regierung auf ihrem Debüt "Supermüll" vor mehr als 30 Jahren - und ein bisschen war da durchaus etwas dran. Denn auch wenn die Essener Band nie explizit politisch war, das Mandat des Volkes fehlte ihr lange Zeit. Kritikerlieblinge waren Tilman Rossmy und die Seinen durchaus, aber als die Leute auf der Straße endlich begannen, die Band wahrzunehmen, die mit für die Initialzündung des deutschen Indierock verantwortlich zeichnete, war sie eigentlich schon wieder Geschichte. Jetzt, beim Comeback mehr als 20 Jahre später, ist das anders. Gleich zum Tourstart platzt das Subrosa in Dortmund aus allen Nähten. Das ist allerdings nicht der einzige Unterschied zu früher.
Vor zwei Jahren, bei ihrer umjubelten Rückkehr auf die Live-Bühne im Essener Grend, hatten wir die alte Regierung erlebt, die sich mit Klassenfahrtsfeeling in einen Rausch spielte: Tilman Rossmy an Gitarre und Gesang, Robert Lipinski am Bass, Thomas Geier am Schlagzeug - der Kern der klassischen Besetzung der Band, die 1989 zusammengekommen war. In Dortmund dagegen schlägt die Geburtsstunde der neuen Regierung, die um zwei Kabinettsmitglieder erweitert wurde: Ivica "Ivi" Vukelic spielt jetzt - sitzend! - die zweite Gitarre, Ralf Schlüter, lange Jahre Rossmys Begleiter beim Tilman Rossmy Quartett, ist für Keyboards, für Synths und manchmal für eine hübsche Vintage-Gitarre zuständig.

Doch auch wenn Rossmy sein Können an der Gitarre nicht für abendfüllend hält und auf der bereits viel gelobten neuen LP "Raus" allerhand Tasteninstrumente zu hören sind - ein wenig hat man an diesem Abend schon das Gefühl, die drei Originalmitglieder hätten die Ressorts durchaus unter sich allein aufteilen können. Denn Vukelics Americana-Licks (die eigentlich besser zum Quartett als zur Regierung passen) und Schlüters neue Parts bei Songs, die auf Platte gut ohne Keyboards ausgekommen waren, nehmen der Band ein wenig von der elektrisierenden Spannung, die das Konzert in Essen vor zwei Jahren zu solch einem unvergesslichen Highlight für alle Anwesenden gemacht hat.

Aber urteilen wir nicht vorschnell, denn im Subrosa erleben wir fraglos eine Band, die sich gerade erst findet. Das macht sich auch beim Tempo bemerkbar. Positiv ausgedrückt nimmt sich die Regierung bei ihrem ersten Auftritt in dieser Besetzung viel Zeit, sich langsam einzugrooven. Weil sich an "Es hat keinen Namen" und "Ein Idiot mehr" ein ganzer Block mit neuen Songs anschließt, geht es trotz einiger kurzer Velvet Underground-Outros betont fast schon behäbig los. An der Qualität der Lieder liegt das nicht, schließlich gehören "Immer mehr so wie du bist" und "Konjunktiv 2" (Tilman: "Ich habe überlegt, was wohl ein guter Blumfeld-Titel wäre") zu den Highlights der neuen LP. Was manchmal ein bisschen fehlt, ist der Anschluss an das, was die Band in den 80ern und 90ern erst zur Legende gemacht hatte. Das zeigt auch "Wie die Motte in das Licht", das später am Abend ein echtes Highlight ist - allerdings klanglich deutlich abseits dessen, was Rossmy einst zum Klassenältesten der Hamburger Schule gemacht hatte.

Erst als nach einer halben Stunde mit "Natalie sagt", "Corinna", "1975" und "Da draußen" die vom Publikum begeistert begrüßten Klassiker Schlag auf Schlag folgen, kommt echtes Regierungs-Feeling auf, zumal Rossmy dazu auch nette alte Anekdoten von seiner ersten Nacht nach dem Umzug nach Hamburg in den frühen 90ern oder von seinem nachgeholten Schulabschluss ("Abi mit 32, nicht wie ihr mit 17!") zum Besten gibt und seine Bandkollegen mit gespielt sorgenvoller Miene fragt, ob es denn wirklich ratsam ist, die größten Hits schon so früh zu spielen. Anschließend bedankt er sich bei den Zuschauern fürs Mitsingen, denn: "Die Stelle unseres Sängers ist immer noch vakant. Solange wir keinen besseren finden, mach ich das, aber die Stelle ist immer noch ausgeschrieben!"

Danach bleiben die Musiker bei den alten (und einigen ganz alten) Stücken, kehren musikalisch aber zum Ausgangspunkt zurück. "Ganz tief unten" spielen sie zwar nur zu dritt nah am Original, alte Gassenhauer wie "Das Geräusch das mein Herz macht" oder "Immer jemand im Busch" aber werden ohne die nervöse Energie der Originale vergleichsweise gemütlich gejammt, ehe sich das schon auf Platte betont entspannte "Seltsam" wirklich nahtlos anschließt.

Wenn zum Schluss hin mit der "Supermüll"-Nummer "Häng hier nicht rum", einem herrlich rauen "Ich lieb dich später" und "30 Jahre mehr", dem musikalisch vielleicht am deutlichsten rückwärts deutenden Song der neuen Platte, das Energielevel noch einmal spürbar steigt, bevor sich die Band unter lauten "Zugabe, Zugabe"-Rufen nach mehr als zwei Stunden endgültig verabschiedet, gesellt sich bei so manchem professionellen Fan vor der Bühne zur Freude über die Rückkehr dieser bis heute einzigartig gebliebenen Band die Erkenntnis, dass der Hedonismus der sagenumwobenen alten Zeiten heute nur noch in den Liedern weiterlebt. Das ist aber vollkommen okay, denn wie Rossmy in Dortmund goldrichtig feststellt: "Die Welt hat sich weitergedreht."

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Surfempfehlung:
facebook.com/dieregierung
tilman-rossmy.de
Text: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Carsten Wohlfeld-


 
 

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