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Konzert-Bericht
 
Auf der Suche nach dem inneren Kind

Valerie June
Will Varley

Köln, Gebäude 9
04.05.2017

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Valerie June
"Das hätte ich mir eigentlich leerer vorgestellt", meinte ein durchaus erfreuter Fan, als sich bereits vor dem eigentlichen Einlass eine stattliche Anzahl Interessierter im Vorraum des Kölner Gebäude 9 versammelt hatten, um dem Abschlusskonzert der Europa-Tournee von Valerie June und ihrer Band zu lauschen. Es mag dann auch daran gelegen haben, dass Valerie gerade mal zwei Termine in Deutschland absolvierte und somit die Fans aus allen möglichen Himmelsrichtungen (und auch aus dem nachbarschaftlichen Ausland) nach Köln gereist waren, dass das Konzert am Ende sehr gut gefüllt erschien. Dennoch gab es am Ende die Gelegenheit, hier eine Künstlerin, die in den USA schon in einer ganz anderen Liga spielt, noch ein Mal im vergleichbar überschaubaren Rahmen und zum Anfassen erleben zu können.
Die Sache begann zunächst mal erfreulich unterhaltsam mit dem Auftritt des Londoner Folkies Will Varley. "Ich heiße Will Varley", erklärte dieser, "das ist so ähnlich wie Bob Marley - nur mit einem V statt M und einem Will statt Bob. Nur falls ihr euch das mal merken wollt." Varley gehört zu jener Sorte Musikanten, die aktiv den Kontakt zum Publikum suchen und sich nicht damit zufrieden geben, introvertiert ihre Songs zum Besten zu geben. Dabei hatte er es in Köln vergleichbar leicht, denn eine ganze Gruppe von Fans, die offensichtlich wegen ihm gekommen waren, besetzte den Platz direkt vor der Bühne und unterstützte den Meister mit inspirierten Zwischenrufen, Songwünschen und begeistertem Mitgegröle. "Da hat sich mein Papa ins Publikum geschlichen", meinte Varley dann auch entschuldigend. Die Songs seiner immerhin vier bisher erschienenen LPs haben vor allen Dingen eines gemeinsam: Während es inhaltlich um so unterschiedliche Themen wie vertonter Männerschmerz, anschauliche philosophische Betrachtungen über den Sinn des Lebens, politische Protestsongs oder natürlich melancholische Liebeslieder geht, kommen diese immer wieder mit einem Schmunzeln um die Ecke. Bierernst ist Will Varley eigentlich nur, wenn er Bier trinkt. Ansonsten gibt es auch immer wieder einen ironischer Schlenker hier oder einen amüsanter Reim dort, die von Varley entweder in nachdenklichen Balladen wie "From Halcyon" oder gut gelaunten Epen wie "King For A King" (in dem Varley mit den Worten 'King For A King, Eye For An Eye - The Birds Still Sing When They Fall From The Sky" ein ganzes Leben Revue passieren lässt) platziert werden und den Hörer sozusagen gar zum Hören zwingen. Oder eben zum Mitsingen. Das galt übrigens auch für Valerie June, die sich die Show vom Bühnenrand aus anschaute.
Valerie June ist dabei aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Während sie gerne einräumt, auf der Bühne auch mal ein wenig albern sein zu können und im echten Leben durchaus herzlich und gut gelaunt auf die Fans zugeht, so sind ihr die Songs selbst dann doch eher heilig (auch, wenn auf der Bühne gut gelaunt die Post abgehen darf). Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Valerie schreibt ihre Songs weniger selbst, als dass sie diese - von der Muse geküsst - "empfängt". Das erklärte sie diverse Male während des Konzertes - insbesondere dann, wenn es um Material wie "Twined & Twisted" geht - einen der Songs, die ihr im Traum gekommen sind. "Ich singe euch den Song vor, so wie ich ihn im Traum vorgesungen bekommen habe - das ist nicht besonders kompliziert und ich schwöre euch, dass ich nicht verrückt bin", erklärte sie während einer der drei Gelegenheiten, zu denen sie ihr Material - durchaus anrührend - in einem intimen Rahmen solo vortrug. Das bedeutet am Ende, dass Valerie June mit einer für Songwriter ungewohnten Ehrfurcht, Respekt und Intensität an ihr Material herangeht. Anders als viele Kollegen, die gerne jeden Aspekt ihres Tuns kontrollieren möchten, betrachtet sich Valerie June eher als Spielball ihrer Musik und Kreativität. Was nicht bedeuten soll, dass sie auf der Bühne nicht zu jeder Zeit die Hosen anhätte - auch wenn sie einen Mini-Rock trägt. Denn den Aspekt, den Valerie dann doch kontrolliert, ist die musikalische Umsetzung dessen, was sie zuvor auf spirituelle Weise aufoktroyiert bekommen hat. Und hier überraschte dann doch die ganze Band.

So begann die Sache zunächst mal verhalten mit einem längeren Jazz-Intro des Drummers und einem Gospel-Vorspiel mit einer fast lautmalerischen Version von "Man Done", während Valerie im folgenden zu ihrem Lieblingsinstrument, dem Banjo griff (das für diese Show zudem noch durch eine Mini-Ausgabe seiner selbst in Form einer Banjo-Ukulele vertreten war) und dann gab es mit "Shakedown" die erste Rock-Session des Abends. Hier griff Valerie dann nämlich zur elektrischen Gitarre und outete sich im Folgenden als brillante Rhythmus-Gitarristin, was dann - in Kombination mit der Lead-Gitarre und im Falle von "Can't Be Told" sogar durch eine Besetzung mit drei E-Gitarren - zu regelrechten Led Zeppelin Momenten führte. Freilich ging das auch ganz anders - zum Beispiel, wenn Valerie anhand der souligen Ballade "Tennessee Times" von der letzten CD "Pushing Against The Stone" ihr Verhältnis zur Zeit erläuterte (was ja eigentlich das große Thema der aktuellen Scheibe "The Order Of Time" ist). Am tiefsten hineinschauen in die Gedankenwelt der Valerie June durften die Zuhörer anlässlich der Präsentation der epischen Psychedelia-Ballade "Astral Plane", ein Song, der sich - so Valerie - wieder ein Mal sozusagen von selbst geschrieben hatte und in dem es darum geht, sich im alltäglichen Leben das innere Leuchten zu bewahren, das man als Kind inne gehabt hatte - was Valerie anhand von Beispielen aus dem Alltagsleben anschaulich erläuterte. Zu diesem Zeitpunkt näherte sich die Show bereits dem Ende - nicht ohne vorher überraschend aus dem Ruder gelaufen zu sein, denn nachdem Valerie und Band die Show zunächst mit einem bluesig rockenden "Working Woman" abgeschlossen hatten, gab es dann ungewöhnlicherweise gleich fünf Zugaben - wobei beim drittletzten Song Valeries Kostüm-Top in die Knie ging - weswegen sie sich für die letzten Songs dann noch eine Jacke anziehen musste. "Das habe ich natürlich nicht absichtlich gemacht", witzelte sie nachher entschuldigend, "denn ansonsten hätte ich euch natürlich aufgefordert, mir Dollar-Scheine auf die Bühne zu werfen."

Das absolute Highlight der Show war dann die immens lebhafte Version des abschließenden CD-Tracks "Got Soul", der zwar nicht inhaltlich, aber musikalisch das Leitthema vorgegeben hatte. Wieder mit einigen schönen Led Zeppelin-Momenten versehen, aber auch mit einer gewissen Stax-Energie dargeboten, entwickelte sich der Song zu einer Art Showcase-Jam-Session für alle Bandmitglieder und Valerie selbst, die einfach nur seht schwer sterben wollte. Sehr viel effektiver hätte sich diese Party dann auch kaum beenden lassen. Insgesamt überzeugte Valerie June auf eine zugleich unterhaltsame und absolut glaubwürdige Art als sensible Künstlerin, die zwar nicht die absolute Kontrolle über den kreativen Prozess haben mag, die aber sehr genau weiß, wie sie ihr Material dann effektiv, dramatisch und inspirierend in Szene zu setzen hat.

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Surfempfehlung:
valeriejune.com
www.facebook.com/valeriejunemusic
www.facebook.com/willvarleymusic
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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