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Nothing This Beautiful

Orange Blossom Special 21 - 2. Teil

Beverungen, Glitterhouse-Garten
03.06.2017

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Orange Blossom Special 21
Wayne Graham ist kein Mann. Wayne Graham ist - genau genommen - auch keine Band im eigentlichen Sinne. Vielmehr sind die Brüder Kenny und Hayden Miles auf die Idee gekommen, die Namen der respektiven Großväter als Projektnamen zu verwenden und sich für die aktuelle Tour mit zwei deutschen Musikanten zu verstärken, um dann doch wieder als Band agieren zu können. Das ist aber weniger kompliziert, als es sich anhört, denn nachdem Remberts Ansage "besser als Wilco" zunächst nur ein müdes Lächeln auf die Gesichter der um diese Zeit bereits anwesenden Fans gezaubert hatte, blieb dieses - angesichts dessen, was die Miles-Brothers im Folgenden abfeierten, allgemein dann doch im Halse stecken, denn es stimmte schon, dass Wayne Graham ihren Standard-Americana-Folkpop mit den ein oder anderen Wilco-kompatiblen Vibes anreicherten. Anders als Tweedy & Co. zeigte Wayne Graham - die Band - dann sogar noch ein Herz für die Fans und stand am Road Tracks Stand händeschüttelnd für Interessierte zur Verfügung.
Die Schwedin Christine Owman war zuletzt 2013 auf dem OBS zu Gast gewesen und hatte dort mit ihrem - sagen wir mal - klangorientierten Ansatz für offenes Staunen gesorgt - etwa indem die einen Staubsaugerschlauch statt ihres hauseigenen Cellos zum Musizieren verwendet hatte. Inzwischen hat sich die Sache ein wenig gelegt. Während Christine immer noch an Dramatik und Klangdesign interessiert ist, hat sie sich auf ihrem letzten Glitterhouse-Album "When On Fire" auch konventionellen Songstrukturen gegenüber offen gezeigt. Das machte sich beim aktuellen Konzert insofern bemerkbar, als dass Christines Musik - übrigens unterstützt von einer coolen Allstar-Band mit z.B. Magnus Svenningsson von den Cardigans (die im folgenden komplett den Fans zum Signieren zur Verfügung stand) - im aktuellen Setting einfach viel versöhnlicher und zugänglicher geworden ist. Dass sie dieses mit eher konventionellen Mitteln (= Gitarre statt Schlauch) erreicht, muss dabei ja nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen sein.

John Blek und seine Ratten sorgten dann im Glitterhaus-Garten wieder für eine eher heitere Note. Der riesige Ire mit seinem wirren Dichter-Haarschnitt und seine Ratten sorgten für eine folkig-poppige Zielrichtung, die sich - aufgrund dessen, dass hier eben eine europäische Band am Werke ist - angenehm von den ansonsten in diesem Sektor eher dominierenden Americana-Akzenten fernhielt - freilich ohne dabei gleich in Irish-Folk-Seligkeit zu verfallen. John Blek trägt einfach sein Herz auf seinem Ärmel und bietet live das, was man von ihm auch erwartet. Auch weiß er den direkten Kontakt mit den Fans zu schätzen und führte die gesamte Band zum Meet & Greet.

Ein radikaler Schnitt sorgte dann allgemein für Ernüchterung und Verwirrung. Die deutsche Band Messer sieht sich in der Tradition der großen bundesrepublikanischen Verstörer-Acts: Von den Einstürzenden Neubauten über Palais Schaumburg bis zu Abwärts werden da die Tugenden der Altvorderen Extremitäten-Combos - mit einer gnadenlosen Lautstärke und viel überschüssiger Energie - hochgehalten. Das war scharf kalkuliert und stand lange Zeit auf des Messers Schneide. Allerdings nur wegen der Wortspielerei: Musikalisch passierte da - mit viel Muskel und wenig Feingefühl - nur gerade so viel, dass die Texte des agilen Frontmannes Hendrik Otremba unverständlich im Post Punk stecken blieben. Ein Publikum fand sich nicht so recht für diese Art der Volksbelustigung. Die, die verweilten, taten das eher notgedrungen und die wenigen Messer-Fans im Auditorium mussten dann sehen, wo sie blieben. ABER: Der Rembert wird schon wissen, warum er sowas macht. Vielleicht wird uns das erst in einigen Jahren so richtig klar werden.

Größer als zum nächsten Act hätte dann der stilistische Sprung kaum sein können. Der Norweger Moddi war mit seiner ganzen Band angereist, um die Songs seines aktuellen Albums "Unsongs" zu präsentieren, auf dem es darum geht, politisch unopportune Protestsongs oder zensierte Kunst dem kollektiven Vergessen zu entreißen - was Rembert als bemerkenswerte Attitüde zu recht lobend erläuterte. "Eigentlich ist das hier aber auch mehr als ein Konzert", erklärte Moddi, der vor Begeisterung über die Möglichkeit sich mitzuteilen, förmlich vibrierte, "wir nehmen euch nämlich mit auf eine musikalische Weltreise." Und in der Tat erklärte er im folgenden die Historie der besagten Songs, die er auf der ganzen Welt zusammengetragen hat: In Russland, in Chile, in Israel, in Algerien - aber auch zum Beispiel - im Falle von Kate Bushs "Army Dreamers" - in England. Dabei - so Moddi - gehe es gar nicht darum, die musikalische Qualität des Materials (das - wie im Falle eines Pussy Riot-Songs zuweilen eher als politisches Statement gemeint ist) zu propagieren (obwohl er das durch seine liebevollen Folkpop-Treatments im typischen Moddi-Stil durchaus tat), sondern die Freiheit der Kunst an sich zu zelebrieren. Was vielleicht zu einer trockenen philosophischen Abhandlung hätte werden können, geriet stattdessen - nicht zuletzt aufgrund Moddis sympathischer Art - zu einem anrührenden, emotionalen Highlight. Müßig zu erwähnen, dass Moddi sich im Anschluss mehr als eine halbe Stunde Zeit nahm, mit interessierten Fans deren eigene oder seine Lebensgeschichte auf englisch, deutsch oder spanisch zu diskutieren, dazu Bildergeschichten zu malen, Fotos zu machen, Hände zu schütteln und Autogramme zu geben.

Zwischen den Acts auf der Hauptbühne bemühten sich - eigentlich über das gesamte Gelände verteilt - eine Vielzahl von "Support-Acts" um ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm: Schreng Schreng & La La mit Nonsense-Liedermacher-Moritaten, eine Splitterfraktion der Builders & Butchers mit einem Folk-Jamboree, Rocco Recycle - die beste Ein-Mann-Rockband der Welt mit der besten Ein-Mann-Rockshow der Welt und der deutschsprachige Torpus-Ableger Ove mit einem bemerkenswert runden und unterhaltsamen Songwriter-Deutschpop-Set auf der kleinen Bühne.

Dann kam es allerdings zum Pandämonium. Es hätte schon zu denken geben sollen, dass Rembert die Finnen von Teksti-TV 666 mit den Worten ankündigte: "Schade, dass die Jungs nur mit vier statt fünf Lead-Gitarristen angetreten sind." Was dann folgte spottete eigentlich jeder Beschreibung. Nachdem sich die Jungs ein wenig warmgespielt hatten, stolperten die besagten vier Leadgitarristen dermaßen ungestüm über die Bühne, dass sie sich zunächst mal kabelmäßig entknoten mussten. Es folgte eine Show, in der jeder einzelne Stadiengeste, die mit einer elektrischen Gitarre zu bewerkstelligen ist, Formvollendung ausgekostet wurde. So weit, so gut. Dann öffnete der Himmel seine Schleusen und ein Gewittersturm brach über das Festivalgelände herein. Anstatt sich aber zu verdrücken, nutzte das Publikum vor der Bühne die Gunst der Stunde, und begann mit einer Massenpolka (denn Finnen spielen grundsätzlich immer nur Polka - ungeachtet des eigentlichen Stils) den Bereich vor der Bühne in eine Art tänzerisches Schlachtfeld zu verwandeln. Das wiederum verleitete dann die Tekstis dazu, sich ihrerseits an dem bunten Treiben zu beteiligen, so dass das Publikum in den Genuss kam, die ersten crowdsurfenden Leadgitarristen in der Geschichte des OBS feiern zu dürfen. Szenen wie diese hatte man in der 21-jährigen OBS-Geschichte tatsächlich so noch nicht gesehen. Kaum zu glauben: Aber es gab weder Tote noch Verletzte - dafür aber jede Menge glücklicher Gesichter.

Die Kanadier von Wintersleep hatten es mit ihrem großartigen Breitwand-Power-Pop-Grunge-Folk-Rock dann fast schon schwer, die zuvor gezeigte Begeisterung wieder halbwegs in geordnete Bahnen zu lenken. Was ihnen aber dank des ausgezeichneten Songmaterials, einer sympathischen No Nonsense-Herangehensweise ohne Starallüren und einer Reihe begeisterter Hardcore-Fans, die jede Zeile jedes Winterspleep-Songs mitsingen konnten, dann aber doch gelang. "Wir hatten die Jungs schon länger auf dem Schirm", hatte Rembert die Jungs aus Halifax angekündigt. Nach dem Auftritt wussten alle auch, warum.

Meister Blaudzun hatte schon bei seinem OBS-Debüt 2013 für offene Münder und strahlende Augen gesorgt. Und dass, obwohl er damals noch gar nicht auf dem Glitterhouse Label gewesen war. Das ist jetzt anders - zumindest außerhalb Benelux, wie Rembert zähneknirschend einräumen musste - und auch bei Blaudzun musste das Konzert einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, denn obwohl er sich gerade in der Planungsphase für den dritten Teil seiner Jupiter-Trilogie befindet, hatte er sich ausgebeten, beim OBS wieder auftreten zu dürfen. Die Sache ist dabei die: 2013 hatte Blaudzun weniger durch seine sympathische, volksnahe Art überzeugt, sondern eher dadurch, dass er eine Reihe begeisterter Musiker um sich geschart hatte, die seine großartigen Artpop-Power-Pop-Songs mit dermaßen viel Herzblut zum Leben erweckten, dass dieses förmlich von der Bühne geschwappt war. Inzwischen hat er fast seine komplette Band ausgetauscht (und hatte es sich nicht nehmen lassen, seinen neuen Drummer Simon Levi mit zum Meer & Greet zu bringen und den Fans vorzustellen) - und hatte hierbei offensichtlich die Musiker wieder danach ausgesucht, inwieweit diese Bereit sein würden, vollkommen in ihrer Performance aufzugehen. Und auch das funktionierte wieder: Alle Musikanten - einschließlich des Meisters selbst - stürzten sich mit einer der gestalten Inbrunst und Begeisterung ins Getümmel, dass am Ende wieder nur das Fazit blieb, dass Blaudzun - egal in welcher Konstellation - die beste Live-Band der Welt auf die Bühne stellt. Das wurde bei diesem Set immer dann besonders deutlich, wenn sich die Musiker - allen voran die neue Perkussionistin Linda van Leeuwen - in eine Art Jam-Rausch - oft auf rhythmischer Ebene - hineinsteigerten und dabei alles mitrissen, was nicht irgendwo festgenagelt war (was bei Zuschauern ja eher selten der Fall ist). Die zwei Zugaben hatten sich Blaudzun & Co. zum Abschluss jedenfalls redlich verdient.


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Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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