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So So Ciety

Haldern Pop Festival 2017 - 1. Teil

Rees-Haldern, Alter Reitplatz Schweckhorst
10.08.2017

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Shame
Das 34. Haldern Pop Festival hatte mit dem Untertitel "So So Ciety" seit längerer Zeit wieder mal ein Leitmotiv, das - zumindest in der Festival-Zeitschrit "Datt Blatt" und dem aus Diskussionsrunden und Vorträgen bestehenden Rahmenprogramm (das erstmals auch im Halderner Jugendheim und auf dem Festivalplatz in einem Zelt des Sponsors Trivago stattfand) - eine Rolle spielte; wenn auch eher im ideologischen Sinne, denn musikalisch schlug sich das nicht nieder. Das Musikprogramm nämlich unterteilte sich in diesem Jahr, verteilt auf die bis zu sieben (nicht konstant bediente) Spielstätten Kirche, Haldern Pop Bar, Jugendheim, Tonstudio Keusgen, Trivago-Zelt, Spiegelzelt und Hauptbühne in etwa wie folgt: Auf der Hauptbühne dominierten die angesagten Populäracts mit enormem Deutsch-Anteil dieses Mal eindeutig das Geschehen, während im Spiegelzelt die Indie-Freunde auf ihre Kosten kamen und in den kleinen Spielstätten eher die Nachwuchsförderung stattfand. Wie gesagt: In etwa - mit Regeln bestätigenden Ausnahmen. Wie üblich begann das Programm bereits am Donnerstag im Ort selbst, während die Haupt-Spielstätten erst am späten Nachmittag zugeschaltet wurden. Anders als in den letzten Jahren, gab es in der Kirche am ersten Tag ein eher konventionelles Songwriter-Programm, während die experimentelleren Klassik- und Avantgarde-Exkursionen auf den Freitag beschränkt blieben. Als entspannter Festival-Einstieg war das aber trotzdem ganz angenehm, da im Folgenden die vollkommen falsch prognostizierte Großwetterlage für ein wasserhaltiges Programm auf dem Festivalgelände Sorge trug.
Der Londoner Piano-Man Matt Maltese sorgte statt mit der angekündigten großen Geste mit einer sympathisch zurückhaltend inszenierten Programm für einen versöhnlichen Beginn des Programmes. Maltese kommt tatsächlich musikalisch eher aus der Rock-, als der Pop-Ecke, was sich aber natürlich alleine mit Klavierklängen und Stimme eher erahnen als wirklich heraushören ließ. Der Verzicht auf sonstiges Beiwerk und Effekte und der allürenfreie Vortrag mit Konzentration auf das Songmaterial ließen das Set unspektakulär - aber gerade deswegen auch recht sympathisch und nahbar - erscheinen.

Fran O'Hanlon, der sich lieber nach einem Voodoo-Priester Ajimal nennt, ging da noch einen Schritt weiter. Bei dem jungen Mann geht es weniger um Songformate, sondern darum, seinen Gefühlen auf atmosphärische, raumgreifende Weise Ausdruck zu verleihen. Dafür benötigt er viel Klangfläche, wenig Struktur und Geschichten, die auch ohne viel Worte auskommen. Insbesondere aufgrund des ausgezeichnet ausgepegelten Sound-Designs gelang dieses klangmalerische Vorhaben dann auch eindrucksvoll - vorausgesetzt man ließ sich auf den ambientmäßigen Flow ein. Zu dem o.a. Sounddesign gehörte übrigens ein ins Publikum gerichteter Monitor, der dieses Mal das Klangloch in der Kirche (in dem bisher gerne schon mal gerne die Vocals verschwunden waren) effektiv schloss.

Mit Klanglöchern haben Celeste "CC" Spina und Anthony "Tone" Catalano alias Little Hurricane nicht so viel am Hut. Das Duo aus San Diego brauchte zwar einige Zeit, um das aus Drumkit und diversen Gitarren-Installationen bestehende Equipment in der Pop Bar einzupegeln, dann jedoch ging es zwischen Roots-Rock, Blues, ein wenig Indie-Pop wie gewohnt ordentlich und laut zur Sache. Auf der aktuellen Scheibe "Same Sun Same Moon" des Duos aus San Diego gibt es einen Song namens "OTL (One True Love)". Auf die Frage, ob sie diesen Song vielleicht über sich selbst geschrieben haben, antworteten CC und Tone weiland mit "Ja" - einfach auch weil sie die Fans nicht mehr über ihren persönlichen Status im Unklaren lassen wollten. Dass das nicht gelogen war, ließ sich daran erkennen, dass CC und Tone im Oktober offensichtlich ihr erstes Kind erwarten. Dieses wurde dann beim Auftritt in der Pop-Bar somit schon mal von der fröhlich herumwirbelnden Mutter gründlich auf seine musikalische Zukunft vorbereitet.

In der Kirche gab es derweil das Deutschland-Debüt der Londoner Songwriterin Mahalia zu begutachten. Diese hat sich - ähnlich wie Izzie Bizu im vergangenen Jahr - auf eine Art Soul-Pop spezialisiert, den sie hier indes akustisch, solo vortrug - aber mit wortreichen Erklärungen und vielen guten Ideen (wie z.B. einem in einen A-Cappella-Vortrag eingebetteten Gedicht) anreicherte. Dabei redete sie sich dann um Kopf und Kragen, erzählte von ihren Identitätskrisen, ihrem Männerverschleiß und ihrer Situation als Songwriterin. Zum Glück gab's das dann auch noch mal im griffigen, soulig/poppig/jazzigen Songformat. Bei einer anschließenden Video-Session auf dem Kirchhof wurde Mahalia dann noch von einem Nachbarshund vereinnahmt, der sie zum Stöckchen apportieren nötigte - obwohl er überhaupt kein Englisch verstand. Das gehört dann wohl zum Berufsrisiko.

Während auf dem Festival-Gelände ein Gewittersturm von der Qualität eines mittleren Monsuns niederging, stand im Spiegelzelt das Publikum dicht gedrängt. Hier zeigte sich dann auch langsam, dass das Wetterproblem auf Haldern dieses Jahr ein sehr vielschichtiges war, denn innerhalb des Spiegelzeltes (und teilweise auch auf der Hauptbühne) war nicht der Regen, sondern der Nebel das eigentliche Problem. Dergestalt liberal wurde jedenfalls die Kunstnebelproduktion auf Haldern bislang noch nicht angekurbelt. Das führte dann dazu, dass die meisten Protagonisten größtenteils während ihres Vortrages - wenn überhaupt - nur schemenhaft zu erkennen waren. Mag sein, dass es für die Fernsehkameras notwendig ist, mit ein wenig Nebel eine gewisse Bildtiefe zu erzeugen - in dem Fall schoss man aber auf Haldern 2017 meilenweit über das Ziel hinaus und (und zwar konsequent und penetrant über die gesamte Spielzeit).

Dennoch gab es im Spiegelzelt bereits am frühen Donnerstagabend eine ganze Reihe Höhepunkte. Hurray For The Riff Raff etwa, die in ihrer Musik intelligent, clever und charmant weitreichende Einflüsse verarbeiten und im Spiegelzelt immer dann richtig begeisterten, wenn sich ihre Songs vom Americana in Richtung New Wave verschoben. Sicherlich waren Frontfrau Alynda Segarra und die Ihren nicht die einzige Band, die - etwa mit der kämpferisch nach vorn orientierten spanischsprachigen Nummer "Pa'lante" - an diesem Wochenende Bezug auf die Situation in ihrer US-amerikanischen Heimat Bezug nahmen, aber nur wenige taten das mit so viel Humor wie die New Yorkerin mit puertoricanischen Wurzeln ("Ich bin eine "Newyorikanerin", sagt sie selbst), wenn sie dem Publikum in bester Patti-Smith-Manier zurief: "Wir sind Amerikaner, aber wir kommen in Frieden!" Augenzwinkernd kündigte sie dann auch die letzte Nummer an: "Das Lied wurde vom einzigen Boss geschrieben, auf den ich höre", erklärte sie spitz, bevor sie sich mit ihrer Band in eine fast schon überraschend mitreißende Version von Bruce Springsteens eigentlich längst totgeorgelten "Dancing In The Dark" warf. So bringt man eine Festival-Crowd spielend auf seine Seite!

Der Tatsache, dass die ganze Welt derzeit zum Teufel zu gehen scheint, trugen dann auch die inzwischen in Europa heimischen Australier Parcels Rechnung. Wie schon bei ihrem Auftritt in der Haldern Pop Bar vor Jahresfrist verwandelten die fünf Herren mit unbändiger Energie und sichtbarem Spaß nun auch das Spiegelzelt kurzerhand in eine Disco, um mit viel Synths, aber einem dennoch handgemachten Sound, gefälligem Mehrstimmengesang und unwiderstehlichen Grooves das Publikum zum Tanzen zu bringen. Auch wenn ihnen die richtig großen Hits noch fehlen, um sich aus Indiehausen in Richtung der großen Pop-Bühnen zu verabschieden: Gut unterhalten konnte man sich dennoch fühlen.

Das Quintett Giant Rooks aus Hamm hatte anschließend das Publikum von der ersten Sekunde an problemlos im Griff. Das liegt daran, dass die Jungs ihren unprätentiösen, organischen Indie-Pop mit BritPop-Touch auf originelle und betont lebhafte Weise mit einer Nonchalance präsentieren, wie sie bei originären BritPop-Bands ansonsten eher selten zu finden ist. Ganz mal davon abgesehen, dass Frederik Rabe und seine Mannen überhaupt nicht blasiert sind, sich noch echt über ihren Zuspruch freuen und bei ihrem Auftritt mehr potentielle Hits im Ärmel hatten, als so manche Band in ihrer ganzen Karriere zusammenbekommt. Schön, dass so etwas heutzutage überhaupt noch möglich ist.

Zeitgleich sorgte Tim Neuhaus für ein völlig unangekündigtes Highlight im kleinen Session-Zelt des Sponsors Trivago. Der in Berlin heimische Tausendsassa war eigentlich nur als Schlagzeuger von Clueso nach Haldern gereist, begeisterte aber auch bei seinem halbstündigen Spontanauftritt als Solist. Hatten wir Neuhaus, der im September sein neues Album "Pose I+II" veröffentlicht, bei früheren Soloauftritten als gefühlt achtarmige Ein-Mann-Band mit allen möglichen (und unmöglichen) Utensilien erlebt, fehlten dieses Mal all die Glöckchen und Loops und auch das Kofferschlagzeug. In Haldern unterstrich Neuhaus allerdings, wie gut seine ungemein eingängigen englischsprachigen Pop-Songs mit Köpfchen auch auf Stimme und Akustikgitarre reduziert funktionieren. Da war selbst eine Mitmach-Nummer kein Problem, und sogar einen Gastauftritt (von Stefan Honig bei "Troubled Minds") gab es. Ein Konzert, der eine größere Bühne verdient gehabt hätte!

Im Spiegelzelt stand derweil der heimliche Höhepunkt des ersten Tages an - oder jeden anderen Tages, denn ergreifendere Konzerte als Lisa Hannigan spielt derzeit einfach niemand. Auch in Haldern faszinierte die liebenswerte Irin wieder mit ihrer außergewöhnlichen Gabe, wunderbar sparsam arrangierte und höchst zerbrechlich erscheinende Lieder so fesselnd darzubieten, dass das Publikum so still und andächtig wie wohl sonst bei keinem anderen Act des gesamten Wochenendes war. Bisweilen brauchte sie dazu noch nicht einmal ihre drei Mitstreiter, etwa, wenn sie den augenzwinkernden Road-Song "Passenger" ganz allein mit ihrer samtweichen Stimme und ihrer Ukulele zelebrierte. Für die größten Gänsehaut-Momente ihres leider nur 45-minütigen Auftritts benötigte Hannigan dann aber doch etwas mehr Unterstützung. Umringt vom 35-köpfigen Chor Cantus Domus sang sie das vertonte Seamus-Heaney-Gedicht "Anahorish" und ihr eigenes "Fall". Wow! Danach hätte sie den Chor am liebsten gar nicht mehr von der Bühne gelassen, oder wie sie es selbst lachend ausdrückte: "Wir brauchen jetzt einen größeren Bus."

Draußen regnete es danach immer noch in Strömen, das aber hielt vor allem die jüngeren Besucher nicht davon ab, sich im Matsch vor der Hauptbühne zu drängeln, um Clueso zu sehen. Die Diskussion, ob der "Neuanfänger" aus Erfurt nun nach Haldern gehört oder nicht, sollen andere austragen, fest steht jedenfalls, dass er dem miserablen Wetter zum Trotz vom ersten Ton an für reichlich Begeisterung sorgte. Dabei hätte er es selbst fast gar nicht zum Auftritt geschafft: Ein Stuhl half ihm bei den ersten Liedern, seine Rückenschmerzen zumindest etwas zu lindern. Lange hielt es Clueso allerdings nicht auf seinem Sitz. Spätestens als bei "Chicago" die Videowände die Bühne in ein kunterbuntes Lichtermeer tauchten, stand er am Bühnenrand und versuchte trotz breitem Sicherheitsgraben auf Tuchfühlung mit dem Publikum zu gehen. Für "Wenn du liebst" und "Anderssein" bittet er Kat Frankie als Duettpartnerin auf die Bühne, bei "Cello" dagegen grüßt Udo Lindenberg lediglich von der Leinwand. Auch wenn das eingedeutschte Bruce Springsteen-Cover "Es brennt wie Feuer" ziemlich albern war: Am Ende spendet sogar der Wettergott Beifall und der Regen hört endlich auf.

Im Zelt gab es derweil Punkrock: Das musikalische Repertoire der englischen Radaubrüder Shame ist äußerst überschaubar, aber was dem Aggro-Quintett aus dem Südlondoner Stadtteil Brixton an ordentlichem Songmaterial fehlt, das machen die jungen Bubis (dem Vernehmen nach alle noch keine 20) mit der ungezügelten Energie ihrer Performance locker wieder wett. Mit ihrer Bühnenshow zeigen Shame mit Verweisen auf das Frühwerk von The Fall und The Libertines dem Establishment permanent den Mittelfinger - und deshalb galt für sie natürlich auch nicht das überall auf großartigem Tafeln angemahnte Rauch- und Stagedive-Verbot. Erst stand Sänger Charlie Steen - natürlich mit nacktem Oberkörper - in Jesuspose kettenrauchend auf der Bühne, dann kletterte er auf den Boxenturm neben der Bühne, um schweißnass den Abflug in die Menge zu wagen. Diese Mischung aus Arroganz und Unwissen zeigte sich auch bei den Ansagen. Wo andere Acts des Wochenendes bisweilen mit Detailwissen über Haldern und ihre Gastgeber geglänzt hatten, musste bei den Rotznasen von Shame ein knappes "Hello Germany" reichen. Was für Barbaren...

Das man ein Festivalpublikum auch mit viel gesitteteren Mitteln in Bewegung bringen kann, unterstrichen danach als letzter Acts des Abends (bzw. der Nacht, denn inzwischen war es kurz vor 2.00 Uhr morgens) The James Hunter Six. In Anzügen und mit viel Vintage-Instrumenten (Hammond-Orgel, Kontrabass, Bläser) schlossen der smarte britische Frontmann James Hunter und seine Mitstreiter bei ihrem Auftritt die Lücke zwischen 60s-Soul und Rhythm'n'Blues und warfen dabei nicht nur mehr als zwei Jahrzehnte Bühnenerfahrung in die Waagschale, sondern auch all das, was sie von Genre-Größen wie James Brown oder Van Morrison über eine distinguierte Show gelernt haben. Die Zuschauer nahmen die Einladung zur Oldschool-Dance-Party gerne an und verlangten dem Sextett um kurz vor 3.00 Uhr sogar noch eine Zugabe ab.


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www.haldernpop.com
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Text: -Ullrich Maurer / Carsten Wohlfeld-



 
 

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