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Konzert-Bericht
 
Fischkopfsuppe, Insekten und Gartenarbeit

Haley Heynderickx
Tre Burt

Bremen, Karton/ Köln, Die Lichtung
20.09.2017/ 04.10.2017

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Haley Heynderickx
Es ist keine zehn Monate her, dass Haley Heynderickx das Publikum in Deutschland, Österreich und der Schweiz zum ersten Mal mit ihren im Folk verwurzelten Storytelling-Songs und ihrem virtuosen Können als Instrumentalistin verzauberte, doch trotzdem wird schon gleich am ersten Abend ihrer stolz von Gaesteliste.de präsentierten Mammuttournee durch den deutschsprachigen Raum klar, dass die junge, zierliche Singer/Songwriterin aus Portland, Oregon einen großen Satz nach vorn gemacht hat. Trotz eines stressigen ersten Tages in Deutschland mit liegen gebliebenem Mietwagen und Knöllchen fürs Falschparken: Selbstsicherer, mutiger ist ihr Auftreten jetzt, ohne dass die schwer in Worte zu fassende Melange aus niedlicher Verschrobenheit, unbedingter Ehrlichkeit und einer erstaunlich großen musikalischen Bandbreite, mit der sie schon letztes Jahr so fasziniert hatte, darunter leiden würde.
Doch nicht nur Haleys Bühnengebaren ist anders: Weil ihre Konzertgitarre auf dem Flug den Geist aufgegeben hat, spielt sie eine geliehene Gretsch-Halbakustik in Quietschorange über einen niedlich winzigen Verstärker in Kofferradiogröße und setzt sich damit allein schon visuell von all den jungen Damen mit Wandergitarren ab, die sich derzeit überall großer Beliebtheit erfreuen. Passend zum gesteigerten Selbstbewusstsein stellt sie bei ihrem Café-Auftritt in der heimeligen Plüschsofa-Atmosphäre des Bremer Kartons ihre sperrigsten neuen Lieder an den Anfang, die, so sagt sie zumindest, alle von Gartenarbeit oder Insekten handeln, denn "die guten Liebeslieder sind alle schon geschrieben worden." Nachdem die ambitioniertesten Nummern mit den abenteuerlichsten Tunings und jazzigen Passagen erst einmal aus dem Weg geräumt sind, fällt es Haley dann leicht, das Publikum charmant für einen Singlalong beim unverschämt eingängigen Refrain ihrer just an diesem Tag veröffentlichten neuen Single "Oom Sha La La" einzufangen. Dass beim Testlauf nur zwei, drei Leute mitsingen wollten, stört sie dabei gar nicht: "Das reicht, um genug Gruppenzwang auszulösen, dass die anderen später auch mitmachen", sagt sie spitz - und hat natürlich vollkommen recht mit ihrer Prognose. Überhaupt passt der oft subtile Humor ihrer ausführlichen Ansagen ganz ausgezeichnet zu ihren Liedern, die trotz eines Hangs zu einer gewissen Düsternis stets auch amüsant sind. Als "Doom Folk" bezeichnet Haley nicht vollkommen ernsthaft selbst ihre Musik.

In der zweiten Hälfte des rund einstündigen Auftritts widmet sie sich dann ihren älteren Songs wie "Fish Eyes", mit dem sie augenzwinkernd die erste Verabredung ihrer philippinischen Mutter und ihres amerikanischen Vaters beschreibt, die sich, kein Scherz, über den Christian Pen Pal Service kennengelernt haben, oder "The Drinking Song", ein Lied, das, wie sie mit einem Lächeln sagt, "von der einen Sache handelt, die uns verbindet - dass wir alle sterben müssen." Auch die klug gewählten Coverversionen, mit denen sie letztes Jahr bereits begeistert hatte, fehlen dieses Mal nicht. So macht sie sich Jackson C. Franks "Blues Run The Game" und Bob Dylans "Girl Of The North Country" mühelos zu eigen, wenngleich die Fremdkompositionen im Kontext der neuen Lieder von Haleys im Frühjahr 2018 bei der Mama Bird Recording Co. erscheinender Debüt-LP "I Need To Start A Garden" dieses Mal eine weit weniger konzerttragende Rolle spielen als noch im Jahr zuvor. Apropos Bob Dylan: Zur Mitte des Auftritts bittet sie ihren Tour-Buddy und Instant Support Act Tre Burt auf die Bühne, um mit ihm gemeinsam "Only A Hobo" zu singen, eine Reminiszenz an die gemeinsamen Tage als Straßenmusiker in Portland, wo sie sich kennengelernt haben.

Beides, seine Liebe zu Dylan und seine Vergangenheit als Straßenmusikant, war zuvor bereits bei Tres Auftritt deutlich geworden. Mit superentspannter, typisch kalifornischer Lässigkeit hatte der ursprünglich aus Sacramento stammende Folkie durch sein Akustikset geführt, mit dem er sich nur genau so weit vom klassischen Vorbild des Dylan'schen Frühwerks entfernte, wie es nötig war, um das Publikum im Hier und Jetzt bei der Stange zu halten. Auch wenn er zwischen den Songs ein bisschen mit sich haderte und nachher am Merch-Tisch verriet, dass er bei seinem allerersten Europakonzert überhaupt "zum Aufwärmen" nur seine leichtesten Songs (und seine Version von Jackson Brownes "These Days") gespielt hatte - mit seiner angenehm ungeschliffenen Stimme und seiner ein wenig an Richie Havens erinnernden Bühnenpräsenz fand er in Bremen dennoch schnell neue Freunde, Fans und Abnehmer für sein neues Sechs-Track-Minialbum "No Foolin'". Kunststück, haben Haley und er doch mit viel Understatement für einen ganz feinen Konzertabend in der Hansestadt gesorgt, der bis Ende Oktober bei über 30 Auftritten in unseren Breiten eine ausführliche Fortsetzung findet.

Ein gutes Beispiel dafür, wie man sich als Künstler selbst motivieren kann, lieferten Tre Burt und Haley Heynderickx mit ihrem Auftritt im Rahmen der von Gaesteliste.de präsentierten Mega-Tour in der Kölner Lichtung am 04.10.17. Denn hier gab es ein ganz anderes Setting als beim Tourauftakt in Bremen eine Woche zuvor. Zwar blieb sich Tre Burt bei seinem Support-Act seinem Dylan-meets-Guthrie-looking-like-Richie-Havens-Shtick durchaus treu - spielte aber im Stehen und haderte mit seiner sich mehr und mehr verstimmenden Hohner-Mundharmonika, für die er in Kanada viel Geld bezahlt hatte, worüber er sich nun mächtig ärgerte, weil er diese hierzulande billiger hätte erstehen können. Sei es drum: Burt wies darauf hin, dass sein ernstes Bühnengesicht genetisch bedingt und überhaupt nicht realistisch und dass er sich auf der Bühne durchaus wohl fühle und coole CDs im Angebot habe. Das war dann - alles in allem - recht unterhaltsam.

Haley Heynderickx trat mit einem ganz anderen Konzept als in Bremen an: In Köln lullte sie nämlich die Zuhörer mit ihren eher zugänglichen und melodischen Songs ein - spielte etwa "The Drinking Song" gleich zu Beginn, den "Fish Eyes"-Song genau in der Mitte des Sets und setzte ein Highlight mit dem "Untitled God Song". Letzterer - in Bremen nicht gegebene - Song ist auch ein gutes Beispiel für Haleys skurrilen Humor und ihre philosophische Weltsicht. Es geht darum, wie Gott wohl aussähe, wenn es sie tatsächlich gäbe, und was sie denn wohl texten würde, wenn es darum ginge, Verabredungen zu planen. Nicht, dass Haley sich entschieden habe, ob sie heute religiös sei - aber sie sei zumindest so erzogen worden und aus diesem Grund bewundere sie auch die europäischen Kirchen so sehr, die wir doch bitte nicht als gegeben hinnehmen möchten, da die Kirchen auf dem amerikanischen Kontinent ja maximal 200 Jahre alt seien. Und ein psychedelisches Slide-Solo baute sie auch noch in den Song ein. Das komplex/anspruchsvolle "No Face", in dem es letztlich um die unsinnige Rassenfrage geht - wenn auch aus der Beobachtung einer deswegen entstandenen Kneipenschlägerei heraus -, gab es zum Schluss des Sets und brachte eine ernstere Note ins Spiel. Natürlich pflegte Haley auch ihr Faible für obskure Coverversionen und bot den Song "One By One" von Conny Converse. Quasi als Entschädigung dafür gab es dann - neben einer eigens einstudierten (wie sie gar meinte, "kitschigen") Version von Townes Van Zandts "If I Needed You" noch zwei Mal Dylan - ihrer "Safety Zone", wie sie erklärte: Ein Mal "Hobo Dream" - wie Jackson Brownes "These Days" im Duett mit Tre Burt - und abschließend "It Ain't Me Babe" unplugged und mit typischen Heynderickx-Eigenarten und -Schlenkern verziert. Den hervorragenden Eindruck, den sie als Performerin bereits letztes Jahr bei ihrem Europa-Debüt hinterlassen hatte, bestätigte Haley Heynderickx jedenfalls auch mit dieser Show erneut. Auch sie selbst war offensichtlich davon angetan und freute sich, dass vier von den sechs Leuten, die letztes Jahr ihre Show in Köln gesehen hätten, auch wieder anwesend seien. "Es geht aufwärts mit mir", jubilierte sie am Ende.

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Surfempfehlung:
www.haley-heynderickx.com
facebook.com/haleyhannahheynderickx
haleyheynderickx.bandcamp.com
www.rolamusic.com/artists/haley-heynderickx
www.mamabirdrecordingco.com/haley-heynderickx
www.facebook.com/treburt
treburtmusic.bandcamp.com
Text: -Carsten Wohlfeld (HB) / Ullrich Maurer (K)-
Foto: -Carsten Wohlfeld-

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Mehr über Haley Heynderickx:
Interview
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