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On The Road

Whitney Rose

Mülheim/Ruhr, Raumfahrtzentrum Saarner Kuppe
27.04.2018

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Whitney Rose
Man macht sich als Konsument und Fan ja keine Gedanken um solche Themen - aber tatsächlich verbringen Künstlerinnen wie Whitney Rose (und ihre Musiker) den größten Teil ihres professionellen Lebens nicht auf der Bühne (wie man denken könnte), sondern auf der Straße; auf dem Weg von einem Auftrittsort zum anderen. In dem Fall kommt das natürlich mit dem Territorium: Whitney Rose stammt ursprünglich aus Kanada und werkelte einige Zeit in Toronto musikalisch vor sich hin, bevor sie dann nach Austin zog, wo sie seither ihren Lebensmittelpunkt hat, von dem aus sie dann vor allen Dingen den nordamerikanischen Kontinent bereist. Aber auch bei uns in Europa war sie schon ein Mal zu Gast - und das kam dann offensichtlich so gut an, dass sie nun, mit ihrer ersten "echten" LP namens "Rule 62", die sie auf dem für sie neuen Plattenlabel Six Shooter Records veröffentlichte, auch wieder in unseren Breiten unterwegs war.
Dass freilich in Europa auch nicht alles so dicht beieinander liegt, wie Amerikaner oft denken, mussten Whitney und ihre Mannen erfahren, als sie nach acht Stunden Fahrt aus dem französischen Lyon zum Hauskonzert auf der Saarner Kuppe völlig erledigt - und erst kurz bevor die ersten Gäste eintrudelten - aus dem Van kletterten. Da hilft es natürlich, wenn man - wie Whitney Rose - zu den abgehangenen Vollprofis gehört, die nichts so schnell aus der Ruhe bringt - einfach weil sie sich auf die eigenen Fertigkeiten blind verlassen können. Und so war dann auch der Soundcheck eher als gespielter Witz zu verstehen. Anstatt umständlich alles einzupegeln und auszutarieren, wurden kurz die Instrumente eingestöpselt und die Band spielte drauflos, während Whitney dazu improvisierte: "I check, I check, I check - until I don't check anymore..." Fertig. Es konnte dann auch gleich losgehen. Nun ja: Nachdem sich Whitney zurecht gemacht hatte, natürlich, denn als Vertreterin des Texas-Country-Stils legt sie natürlich Wert auf das richtige Setting - und dazu gehören zumindest Cowboy Boots und ein Stetson Hut. Nicht, dass Whitney als Songwriterin übermäßig viel mit Cowboy-Seligkeit am Hut hat, aber in den USA (zumindest in den Südstaaten) gehört ein richtiges Outfit einfach mit dazu.

In einem früheren Gespräch erzählte uns Whitney schon, dass sie alle Arten von Musik liebe - so lange es sich nur um Country-Musik handele. Dabei muss gleich dazu gesagt werden, dass es in ihrem Fall keineswegs um sülzigen Kommerziell-Country-Pop à la Nashville geht, sondern um eine recht knackige Bakersfield-Variante, in der nicht mal Steel-Gitarren, Fideln und Banjos einen Platz haben. Stattdessen sorgen die Gitarristen Mike Muller und Davin Jones für einen ausgefeilten, druckvollen Sound - der nicht unbedingt als rockig durchgeht, aber mit viel Punch, Tremolo und Twang daher kommt. Während Muller das Ganze eher Showman-mäßig interpretiert und gerne auch mal den Virtuosen raushängen lässt, arbeitet Devin Jones dabei eher songdienlich und subtil - wäre aber im Gesamtbild der Band unverzichtbar. Whitney spielt dazu akustische Rhythmusgitarre, die sie bei besonders intensiven Momenten auch mal zur Seite legt und singt - meist mit geschlossenen Augen - je nach Song-Erfordernis mal sanftmütig und mal energisch. Bezeichnend dabei ist der Umstand, dass sie ihre eigenen Songs mit Agenda wie etwa "Can't Stop Shakin'" (der sogar politische Untertöne mit einschließt) oder den Scheidungs-Song "I Don't Want Half (I Just Want Out)" tatsächlich eher sanftmütig und zurückhaltend inszeniert, während sie dann bei Coverversionen wie "Suspicious Minds" oder "You Don't Own Me" (schon '63 von Leslie Gore publik gemacht) so richtig aus sich herausgeht und auch schon mal die Belterin raushängen lässt. Das hängt damit zusammen, dass Whitney Rose nicht einfach Texte schreibt, weil sie da sein müssen, sondern es bei ihr immer sehr stark um die Inhalte geht, die sie eben nun mal eben auf verschiedene Weise emotional verarbeitet. Keine Frage: In den USA gibt es Bands wie die von Whitney Rose wie Sand am Meer (insbesondere in ihrer neuen Heimat Texas) - bei uns bekommt man so etwas in der Perfektion, wie das im Wohnzimmer der Saarner Kuppe zu erleben war, aber wahrlich nicht oft geboten. Auch wenn Whitney Rose jetzt vielleicht nicht die nahbarste Künstlerin sein mag, die je dort aufgetreten ist: Rein musikalisch und performerisch ließ diese Show keine Wünsche offen - nicht ein Mal unter dem Aspekt, dass ja nun gewiss nicht alle Anwesenden ausgewiesene Country-Liebhaber gewesen sein mochten.

Whitney Rose
NACHGEHAKT BEI: WHITNEY ROSE

GL.de: Was hat es eigentlich mit dem Titel des neuen Albums "Rule 62" auf sich (der auf dem Cover der CD zudem in einem Straßenschild positioniert wurde)? Dem Vernehmen nach geht es ja dabei um eine Regel der Anonymen Alkoholiker.

Whitney: Ja, das stimmt. Als die Anonymen Alkoholiker sich in den USA gründeten, beschlossen sie, dass es bei ihren Treffen nur eine einzige Regel geben sollte - und das war die Regel 62: Nimm dich selbst nicht zu verdammt ernst. Das hat bei mir durchaus mitgeschwungen, denn ich denke schon, dass sich die Leute selbst zu ernst nehmen und das verursacht einfach zu viele unnötige Konflikte und Spannungen.

GL.de: Und warum ist das Regel 62?

Whitney: Das mit der Regel 62 ist ein Insider Witz. Denn als die AA-Zentrale im Staate New York gegründet wurde, bat man alle 61 Büros je eine Regel einzureichen, um zu einem Regelwerk kommen zu können. Es stellte sich dann aber heraus, dass diese Regeln ziemlich dämlich waren. Es gab dann Vorschläge, dass nur diese und jene Leute zugelassen werden sollen, dass die Kekse auf den Veranstaltungen nur so und so lange gebacken werden dürften oder dass der Kaffee auf eine bestimmte Weise zuzubereiten sei. Dann sagte man sich: Wisst ihr, ihr nehmt euch alle viel zu ernst. Es gibt jetzt nur noch eine Regel, und das ist Regel 62 - dass ihr euch eben nicht zu ernst nehmen sollt.

GL.de: In der Bio zur neuen Scheibe hieß es, dass Whitney auf ihrer Scheibe einige zornige Trennungs-Songs versammelt habe…

Whitney: Nun, "zornig" ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich würde eher sagen "ängstlich gespannt". Ich habe nämlich Probleme mit Angstzuständen. Teilweise geht das so weit, dass sich das physikalisch äußert und ich anfange zu zitttern. Der ganze Zweck von Regel 62 ist aber nun der, diese unangenehmen Situationen zu nehmen und diese von eine heiteren Perspektive aus zu betrachten. Zum Beispiel indem ich einen Tanz-Song wie "I Can't Stop Shakin'" draus machte oder das Thema Scheidung auch nicht allzu ernst zu nehmen.

GL.de: Das erklärt vielleicht auch, warum diese Songs gar nicht auf eine besonders zornige oder energische Art präsentiert werden - jedenfalls was den Gesang angeht.

Whitney: Absolut. Das ist so beabsichtigt.

GL.de: Dann gibt es noch etwas, das auf der CD thematisiert wird: Die abschätzige Art, mit der Frauen im Musikbusiness behandelt werden.

Whitney: Das ist nicht nur im Musikbusiness ein großes Thema, sondern generell. Ich meine - es ist noch gar nicht so lange her, dass wir das Wahlrecht bekommen haben. Ich will ja nicht sagen, dass die Sachen nicht besser würden - wofür ich dankbar wäre, wenn ich überhaupt dafür dankbar sein müsste - was nicht der Fall ist. Ich meine einfach, dass es schon vor einer langen Zeit absolute Gleichberechtigung hätte geben sollen. Ich kann nur sagen, dass ich hauptsächlich mit Männern zusammen bin und ganz genau weiß, dass ich genau so klug - wenn nicht sogar klüger - bin als die meisten von denen.

GL.de: Und dann gibt es ja noch das Thema "Fernfahrer". Auf dem neuen Alben beschäftigen sich gleich zwei Stücke - "Trucker's Funeral" und "Tied To The Wheel" mit Truckern.

Whitney: Wenn man so viel Zeit auf der Straße verbringt wie ich, dann kommt man auf dieses Thema. Ich fühle mich ja selbst zuweilen ein wenig wie ein Fernfahrer. "Trucker's Funeral" entstand als ich bei einem Bank-Termin in Austin der Sachbearbeiter die Geschichte seiner Familie erzählte. Er war gerade auf dem Weg zur Beerdigung seines Vaters, der als Fernfahrer gearbeitet hatte und hatte erst nach dessen Tod erfahren, dass dieser eine zweite, geheime Familie auf der anderen Seite des Kontinents hatte. Das fand ich interessant, weil sowas heutzutage in Zeiten von sozialen Medien und Smartphones kaum noch möglich wäre.

GL.de: Das Thema Reisen und Herumfahren ist ja eine typisch nordamerikanische Sache, oder? Engländer singen ja zum Beispiel eher über die Heimat und das zu Hause.

Whitney: Ja, das muss aber fast zwangsläufig so sein bei den Entfernungen, die wir zurücklegen. Das Thema Trucker reizt mich schon alleine auch deswegen, weil Musiker und Trucker sehr viel gemeinsam haben. Wir sind uns sehr ähnlich!

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Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
 

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