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Konzert-Bericht
 
Nicht lustig!

Lucy Dacus
Jamie Cruickshank

Köln, Blue Shell
03.05.2018

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Lucy Dacus
"I Don't Want To Be Funny Anymore" heißt einer der Tracks auf Lucy Dacus' Debüt-CD "Burden". Und auch wenn diese gar nicht im Zentrum ihrer ersten Headliner-Show in Köln stand, war dieser Titel denn doch ganz gut geeignet, zum Thema des Abends zu gereichen. Ob Lucy Dacus überhaupt jemals so richtig lustig war, dürfte dann angesichts der ernsthaften, ja teilweise sogar feierlichen Note, mit der sie zusammen mit ihrer brillanten Band die Tracks vor allem ihrer aktuellen, zweiten LP "Historian" zelebrierte, vielleicht sogar bezweifelt werden. Am deutlichsten wurde Lucys Einstellung zur unerträglichen Leichtigkeit des Seins vielleicht an der Stelle, an der sie den Tod ihrer Großmutter, der sie das Stück "Pillar Of Truth" gewidmet hat (obwohl Omi eigentlich nur Hymnen so richtig gut fand und keine Rock-Nummern), als eine der positivsten Erfahrungen ihres Lebens bezeichnete.
Aber zum Glück war da ja auch noch der britische Weird-Folkie Jamie Cruickshank aus Bristol. Der zusammen mit seinem multiinstrumentalem Kumpel Tom Crosley-Thorne (mit dem er zusammen musiziert, seit beide acht Jahre alt waren) zwar auch musikalisch kein Feuerwerk der Fröhlichkeit abbrannte, der aber mit seiner lockeren Art und seinem sehr speziellen Musikanten-Humor ("Was passiert war, ist dass meine G-Saite beim letzten Song verstimmt war und ich das ganze Stück ohne G-Saite gespielt habe - was ich gut hinbekommen habe - falls ihr euch das gerade gefragt haben solltet") und seinem fröhlichen Naturell zumindest ansatzweise Stimmung in die Bude brachte. Musikalisch hat sich Cruickshank einer speziellen Songwriter-Subnische verschrieben, die gerade in der blühenden Bristoler Szene aktuell zu sein scheint. Hier gilt es, eigenartige Themen wie "Where Mosquitos Breed" oder "Loserville ("I'm On A Losing Streak")" mit viel umtriebigen Rumgefolke und unkontrollierten strukturellen Eskapaden zu einem teilweise epischen, angeschrägten aber auch humorigen Song-Schwall zu verdichten. Dass Jamie dabei ständig von seinen veröffentlichten oder noch zu veröffentlichten Single-Titeln sprach, war dabei eher ein Treppenwitz, denn nichts scheint ungeeigneter als Single-Titel als ein Jamie Cruickshank-Song. Und das ist nicht mal als Kritik gemeint, denn unhörbar sind seine Elaborate keineswegs - sie sprengen halt nur übliche Konventionen wie zum Beispiel Single-Formate. Und ein Folkie ist der schratige Mann auch nicht ausschließlich, wie er mit seinen Bandprojekten Human Bones und The Gnarwhales eindrucksvoll belegt, wo er auch mal hinlangen kann. Freilich war die Idee, mit seinen Solo-Songs als Gegengewicht für die dann folgende, konsequente Rock-Vollbedienung der Lucy Dacus Band aufzutreten, sicherlich richtig.
Lucy Dacus scheint in der Live-Performance nicht unbedingt die Erfüllung ihrer Träume zu sehen. Jedenfalls gelang es ihr nicht, eine glaubwürdige Verbindung zum Publikum aufzubauen, die diese Show zu einem echten Gemeinschaftserlebnis hätte werden lassen können. Hier war ganz deutlich die Kluft zwischen Performern und Zuhörern zu spüren. Vielleicht aber liegt es auch gar nicht in Lucy Dacus’ Absicht, sich anderen Menschen gegenüber noch weiter zu öffnen, als sie das in ihren Texten sowieso schon tut. Hier geht es ja oft und gerne um ernsthafte, düstere Themen, um viele Zweifel, Vorwürfe, offene Fragen, emotionale Tiefpunkte und der Suche nach einem Platz im Leben. Das sind ja alles auch keine heiteren Themen - obwohl sie selbst am Ende ihres Albums "Historian" einen Silberstreif am Horizont sieht. Sie brachte es dann in einer der wenigen Ansagen - vielleicht versehentlich - selbst auf den Punkt, als sie sagte: "Wir kommen aus Richmond, Virginia, und sind jetzt schon eine Weile weit weg von zu Hause. Das ist natürlich hart - aber es kann auch hart sein, zu Hause zu sein." Und das ist dann das, was sie in ihren Texten zum Ausdruck bringt. Dass ihr diese Texte am Herzen liegen, lässt sich schon alleine daran erkennen, dass sie diese mit glasklarer Diktion zum Vortrag bringt - was recht bewundernswert ist, denn die Band agiert nicht eben leise, sondern legt großen Wert auf einen ziemlich kohärenten, druckvollen Rocksound. Auch wenn natürlich nicht alle Tracks so abgehen wie "Strange Torpedo" oder eben "Funny" wurde streng darauf geachtet, dass auch die eher komplex strukturierten Tracks des neuen Albums "Historian" mit dem nötigen Punch serviert wurden. Eine Folk-Sängerin ist Lucy Dacus auch dann nicht, wenn sie Tracks wie "Night Shift" eher konventionell und zurückhaltend antäuscht - denn am Ende gibt es dann in fast jedem Song eine gitarrentechnische Explosion. Das Sounddesign der Band - mit etlichen digitalen Effektpedalen und einer ziemlich straighten, schnörkellosen Rhythmusarbeit - war dabei sicherlich Geschmackssache - es kann aber Lucy & Co. niemand vorwerfen, konzeptlos an die Sache heranzugehen und angenehm bemerkbar machte sich das Fehlen jedweder Americana-Referenzen. Tatsächlich haben Lucy & Co. einen recht eigenständigen Stil für sich erarbeitet.

Rein handwerklich gab es denn auch an dieser Show nichts zu meckern (ganz im Gegenteil, denn Lucy & Co. kitzelten so manches Highlight aus dem Material heraus) - aufgrund der Distanz zwischen Performerin und Publikum erreichte diese aber nicht die emotionale Tiefe, die sich manche vielleicht gewünscht hätten.

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Surfempfehlung:
lucydacus.com
www.facebook.com/lucy.dacus
www.jamiecruickshank.com
www.facebook.com/jamiecruickshankmusic
Text: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-


 
 

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