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Alles ist wichtig

Anika
Swan Meat

Köln, Bumann & Sohn
09.03.2022

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Anika
Eigentlich hatte Anika vorgehabt, die Tour zu ihrem zweiten Album "Change" bereits Ende letzten Jahres durchzuziehen. Damals sah es ja noch ganz gut aus und einige Termine - darunter ein vielbeachteter Auftritt beim Synästhesie-Festival in Berlin - hatten ja auch noch stattfinden können - und dann kam Omicron. Ergo musste die Tour dann auf den März verschoben werden. Es ist halt schwer, in unseren Zeiten noch so etwas wie perfektes Timing hinzubekommen. So ganz schlecht war das aber dann aber gar nicht, denn zum einen konnte sich so das Momentum und das Interesse noch mal aufbauen (was z.B. dazu führte, dass aufgrund des großen Interesses für Köln noch ein Zusatzkonzert angesetzt werden musste) und zum anderen erschien dann gerade eben im Februar die Sammlung "Change: The Remixes" mit sechs Remixen von fünf Tracks des ursprünglichen "Change"-Albums. Das passt wiederum ganz gut zu dem Umstand, dass Anika neben ihrer Tätigkeit als Musikerin auch als Radiomoderatorin und DJane tätig ist. Letztlich erklärte das dann auch, wieso Anika bei ihren Kölner Terminen dann von der aus Washington, DC, stammenden Wahl-Lokalmatadorin Swan Meat mit einem DJ-Set unterstützt wurde.
Auf ihrer Bandcamp-Seite (wo eine Vielzahl ihrer Arbeiten zu bestaunen sind) bezeichnet sich Reba Fay a.k.a. Swan Meat als "Sludgetrance Avenging Angel" - und schwört hoch und heilig, dass sie im echten Leben niemals einen Schwan essen würde. Besonders gefährlich (und nicht ein mal besonders düster) wirkte ihr Set, das sie bemerkenswerterweise nicht von der Bühne, sondern vom hauseigenen Desk aus steuert, dann auch gar nicht. DJ-Sets als Support-Acts bei Live-Shows sind ja immer so eine Sache, denn meistens handelt es sich dabei ja um eher autistisch angelegte Veranstaltungen, bei der sich Publikum und DJ geflissentlich ignorieren - da eben die Erwartungshaltungen bei einem interessierten Live-Publikum und einer feierwütigen Disco-Crowd eben doch nicht eben deckungsgleich sind. So auch in diesem Fall. Zwar bemühte sich Swan Meat durch einige eingesprochene Vokal-Passagen das sterile Knöpfchendrücker-Setting etwas aufzulockern - und ließ sogar eine minimale Beleuchtung zu - richtete jedoch nicht ein einziges Mal den Blick ins Publikum. Dieses zeigte sich auf der anderen Seite nur moderat aufnahmebereit. Getanzt wurde jedenfalls nicht und der übermäßige Einsatz von Kunstnebel, der unaufhörlich von der Bühne quoll, machte eine Beobachtung des Sets dann sowieso problematisch. Auf der musikalischen Seite darf man Swan Meat indes attestieren, dass diese nicht einfach nur existierende Aufnahmen aneinanderreihte, sondern ihre Tracks mit psychedelischen Effekten, Samples, Pads und einer Prise anarchistischen Humors auf kreative Weise zu einem ordentlichen, lebendigen Trance-Mindfuck verdichtete.

Genug davon: Anika hatte sich ja zwischen ihrem Debüt-Album von 2010 und ihrer nun vorliegenden, zweiten LP "Change" mit ihrer Solo-Karriere ordentlich Zeit gelassen. Das soll nicht heißen, dass sie herumgetrödelt hätte, sondern nur, dass sie sich zwischen ihren zahlreichen Kollaborationsarbeiten (unter anderem mit dem mexikanischen Freestyle-Ensemble Exploded View) intensiv und sorgfältig auf ihre Rolle als Songwriterin, Indie-Pop-Ikone und neuerdings auch Bandleaderin vorbereitet hat und heutzutage das Publikum mit einer brillanten, ausformulierten Performance zu überraschen imstande ist, die man ihr in dieser Konsequenz und Schlüssigkeit nicht ohne weiteres zugetraut hätte. Bei ihrem "Testgig" auf dem Synästhesie-Festival wirkte Anika - die im richtigen Leben auch nicht gerade ein Ausbund an aufdringlicher Selbstdarstellung ist - noch vergleichsweise schüchtern, zurückhaltend und nervös. Obwohl sie bei der ersten Kölner Show im Bumann & Sohn dann damit kokettierte, nach der langen Fahrt von Berlin so durch den Wind zu sein, dass sie gerade hirntot sei und sich nicht richtig konzentrieren könne, gefiel das Set dann gerade dadurch, dass sie zwischen den Tracks - mal auf Englisch, mal auf Deutsch - als durchaus charmante und humorvolle Conferencieuse durch das Programm führte und dabei den Sinngehalt ihrer Songs hinlänglich erläuterte. Dabei erfuhr man erstaunliche Dinge - zum Beispiel, dass es bei dem Song "Never Coming Back" um die Vögel gehe - von denen es ja immer weniger gäbe und die dann auch nicht mehr zurückkämen. Im Falle der Tracks "Change", "Rights" und "Freedom" ginge es allerdings vor allen Dingen darum, dass diese Attribute allesamt irgendwie wichtig seien. Es sei auch wichtig ab und zu mal "Nein" zu sagen, wie im Song "Naysayer" - zum Beispiel zu Hause, auf der Arbeit oder zur Band. "Nein - bei der Band brauche ich niemals nein zu sagen", schränkte Anika das gleich darauf wieder ein, "die sind alle ganz nett." Und kompetent obendrein! Mit Keyboarderin Zooey Agro (13 Year Cicada), Bassistin Sally Sellerie und Drummerin Eilis Frawley (Laura Lee & The Jettes) - allesamt versierte Musikerinnen der Berliner Indie-Szene - hat Anika nämlich Gleichgesinnte gefunden, die genau verstanden haben, worum es Anika geht. Denn faszinierenderweise ergänzten sich die Damen nicht nur punktgenau ("tight" sagt der Franzose dazu), sondern schafften es auch immer wieder, genau die richtigen Elemente zu akzentuieren. Insgesamt führte das dazu, dass selbst die eher bewusst monoton angelegten Tracks wie zum Beispiel "Naysayer" oder auch "Sand Witch" - der eher Drone-lastigen Abrechnung Anikas mit dem, was sie an England störe - zu atemberaubend spannenden und kurzweiligen Klangerlebnissen wurden. Andere Nummern wie das auf der EP fast tranceartig angelegte "Freedom" erhielten durch den satt groovenden Banddrive eine Art musikalischer Generalüberholung und das abschließende "Wait For Something" ging dann ohne Weiteres auch als Rock-Hymne durch. Anika selbst mag dabei vielleicht keine schillernde Frontfrau abgeben, hatte aber auf der anderen Seite das Zögerliche früherer Tage weitestgehend abgelegt und überzeugte insbesondere auch als Sängerin (was ja nicht immer ihre hervorragendste Stärke gewesen war). Öfters legte sie dabei die Gitarre ganz zur Seite - und wenn sie auf diese zurückgriff, dann eher als Effektgerät. Dazu blätterte sie mit den Worten "Das ist so dunkel hier. Ich kann gar nichts sehen - aber zum Glück fahre ich ja gerade auch nicht" in einem Büchlein, in dem sie die Settings für ihr Effektpedal notiert hatte und lockte dem Instrument auf diese Weise immer wieder unübliche Klänge hervor.

Als das aktuelle Album dann abgearbeitet war, musste sich Anika nicht lange um eine Zugabe bitten. "Das war ja ein wenig kurz", erklärte sie nämlich, "na gut, dann spielen wir noch ein paar Stücke vom ersten Album." Das besagte, selbst betitelte Debütalbum war ja gewisserweise ein Zufallsprodukt, das dadurch entstanden war, dass Geoff Barrow (Portishead) mit seiner Zweitband Beak> eine Jam-Session organisierte, um mit einer Frauenstimme an Dub- und Reggae-Rhyhmen zu experimentieren. Daraus entstand dann jene Songsammlung, die Anika dann schließlich als Debüt-Album veröffentlichte. Das absolute Highlight stellte auch bei der Kölner Show eine inzwischen mit epischer Wucht ausgearbeitete Monster-Version von Dylans "Masters Of War" dar, die Anika und die Band aus der straighten und der Dub-Version zusammengebastelt und um einen monumentalen Jam-Teil ergänzt haben. In eine ähnliche Richtung zielte dann auch ihr eigener Track "No One's There" - der allerdings heutzutage weniger reggaelastig dargeboten wird und Dank des starken, mehrstimmig dargebotenen Refrains eine fast schon poppiges Flair bekommen hat. "So, das war jetzt genug", beendete Anika dann die rundum gelungene Show, "morgen geht es dann weiter - aber heute nicht mehr."
Anika
NACHGEHAKT BEI: ANIKA

GL.de: Kannst du noch mal zusammenfassen, was vor dem Album "Change" musikalisch für dich passiert ist?

Anika: 2009 habe ich in Bristol Geoff Barrow und die Band Beak> kennengelernt und wir haben dann ja das erste Album zusammen aufgenommen - was ursprünglich aber gar nicht geplant war. Wir hatten uns eigentlich nur getroffen, als ich als Veranstalterin gearbeitet habe, und langsam keine Lust mehr hatte, weil immer nur dann genug Leute zu den Konzerten kamen, wenn ich Scheiß-Bands gebucht hatte und Geoff ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hatte. Wir haben dann einfach etwas aufgenommen - ohne Ziel. Deswegen gibt es auch die Coverversionen. Danach bin ich nach Berlin zurückgekehrt, weil ich es in Bristol nicht mehr ausgehalten habe. Ich habe dann versucht, in Berlin eine neue Band zusammenzustellen - aber das hat überhaupt nicht geklappt. Und dann dachte ich, dass ich überhaupt keine Lust mehr hätte und bin nach Mexiko gegangen, um der Musikindustrie schnell den Rücken zu kehren. Ich brauchte damals Geld für einen Flug und habe dann ein Konzert organisiert und eine Band zusammengestellt - nur um diesen Flug zu bezahlen. Das hat dann aber so viel Spaß gemacht, mit denen zu spielen, dass ich so wieder Freude an der Musik gewonnen habe. Wir haben dann auch zwei Scheiben zusammen gemacht.

GL.de: Wenn man etwas über Anika liest, wird immer darauf hingewiesen, dass du ursprünglich als politische Journalistin gearbeitet hast. Was hat es damit auf sich?

Anika: Ja, ganz am Anfang wollte ich das in Berlin machen. Ich wollte eigentlich nach Brüssel, um in der EU-Politik zu arbeiten. Ich musste mich dann aber zwischen Musik und Politik entscheiden und wählte dann die Musikindustrie. Geoff hatte mich nämlich in Berlin angerufen und mich gefragt, ob ich Lust hätte die Songs, die wir in Bristol aufgenommen hatten, als Platte zu veröffentlichen - und dann habe ich mich dafür entschieden.

GL.de: Woran lag es denn eigentlich, dass es so lange gedauert hat, bist du dich entschlossen hast, ein zweites Solo-Album anzugehen?

Anika: Es gab auch oft wieder diese Situationen, wo ich wieder aussteigen wollte und ich mir dachte, dass ich keine Energie und kein Geld mehr hätte. Dann gab es aber diese Situation in meinem Leben, wo so viel los war, dass ich die positive Einstellung zu der neuen Platte wiedergefunden habe. Ich wollte aber einfach keine "zweite erste" Platte machen. Ich wollte das alles nicht wiederholen. Deswegen habe ich auch so lange gebraucht. Ich wollte auch warten, bis ich etwas zu sagen hätte.

GL.de: Musikalisch oder inhaltlich?

Anika: Beides. Es ist sowieso alles voneinander abhängig - die Wörter, der Gesang und die Musik. Ich habe fünf Tage im Studio in Berlin gebucht. Ein paar Songs - "Finger Pies", "Freedom" und "Wait For Something" hatte ich zwar zu Hause aufgenommen, aber eigentlich wollte ich aus meinem Haus raus. Ich habe die anderen Songs von Anfang bis Ende im Studio aufgebaut. Ich habe mit Drumloops angefangen, und habe dann Synths aufgebaut, ein paar Akkordfolgen ausprobiert, diese geloopt und dann mit den Wörtern angefangen. Dazu hatte ich eine Kiste Tagebücher mitgenommen und es war dann alles sehr abhängig von meiner Stimmung. Ich habe oft auch viel improvisiert. Dann hatte ich die ganzen Demos und wollte dann, dass Martin von Exploded View die Live-Drums spielt, weil ich gerne mit ihm auch als Produzent zusammen arbeite und selber auch mitproduzieren wollte.

GL.de: Hat die Scheibe dann auch etwas mit der Pandemie zu tun?

Anika: Ja, alles. Es gab 2020 ja sowieso so viele Themen - auch in meinem persönlichen Leben, wie auch in der Welt und die Pandemie.

GL.de: Wonach suchst du denn als Songwriterin?

Anika: Ich muss etwas zu sagen haben. Ich höre sehr viel unterschiedliche Musik gerne. Aber wenn ich selbst etwas schreibe, muss es einen Grund dafür geben. Man muss dann dranbleiben und einfach immer weiter machen und Geduld zeigen, weil alles sehr viel Zeit braucht - und das fällt mir schwer, weil ich immer möchte, dass alles ganz schnell geht.

GL.de: Machst du eigentlich alles selber?

Anika: Ich entscheide alles selber, arbeite aber mit einem sehr guten Team zusammen. Ich habe mir ein Label, einen Publisher, eine Rechtsanwältin und meine Band ausgesucht und alle Deals selbst gemacht. In dieser Industrie muss man nämlich sehr vorsichtig sein und sich die Möglichkeit erhalten, auch mal 'nein' sagen zu können und Entscheidungen zu revidieren. Es bringt auch sehr viel Verantwortung mit sich.

GL.de: Was inspiriert dich musikalisch?

Anika: Ich höre viel unterschiedliche Musik. Während der Pandemie habe ich z.B. im Auto Sachen wie Hole oder Patti Smith oder Goldie gehört - eine Mischung aus meiner Kindheit. Ich finde, man kann von jedem Genre etwas lernen. Es gibt einen Grund für jedes Genre. Ich mag nicht nur eine Richtung.

GL.de: Krautrock magst du aber schon, oder?

Anika: Ja - ich mag Can. Aber das ist ja nicht nur Krautrock, sondern auch experimentell. Ich mag auch Beak> - und das ist ja Englisch. Ich habe auch ein Projekt mit Michael Rother gemacht und das fand ich interessant, denn er hat ja auch ein Platte mit Brian Eno gemacht - und so etwas finde ich auch super. Ich möchte aber auf jeden Fall weiter forschen. Wenn etwas zu sicher ist, dann ist das nämlich nicht das Richtige für mich.

GL.de: Gibt es denn Visionen für die Zukunft?

Anika: Ja, ich wollte immer mal mit einem Streichorchester arbeiten. Aber das habe ich vorletztes Jahr irgendwie schon erreicht, denn ich habe ein Projekt mit dem Berliner Solisten-Ensemble Kaleidoskop gemacht, bei dem wir die Platte "Desertshore" von Nico neu interpretiert und im August 2020 live aufgeführt haben.

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www.youtube.com/watch?v=U_wAsa2dkWw
Text: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-


 
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