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TILMAN ROSSMY QUARTETT
 
Neues vom Survivor
Tilman Rossmy Quartett
Letztlich ist ihm ganz einfach das Leben dazwischengekommen. Nach einem Vierteljahrhundert ohne Hit hat sich Deutschlands bester Singer/Songwriter Tilman Rossmy in den letzten fünf Jahren mehr um seine Familie und seinen Job in seiner Schweizer Wahlheimat gekümmert als um das Tilman Rossmy Quartett. Seinen inzwischen über ganz Deutschland verstreuten Mitstreitern - Gitarrist Folke Jensen, Keyboarder Ralf Schlüter und Schlagzeuger Flo Kapfer (der nach dem letzten Album 2008 Rob Feigel ablöste) - ging es vermutlich ganz ähnlich. Ganz losgelassen hat ihn die Musik dennoch nie. 2012 erschien mit "Intuition" immerhin eine Download-only-EP, weitere sollten eigentlich folgen. Doch anstatt uns die neuen Songs häppchenweise zu servieren, liefert das Tilman Rossmy Quartett nun mit "Ich weiß nicht wer du bist" ein ganzes, noch dazu sehr vielschichtiges Album ab, auf dem verschiedene alte und neue Ideen zusammenkommen. Typische TRQ-Elemente vermischen sich mit der bereits im letzten Gaesteliste.de-Interview 2008 "angedrohten" (Fast-)Verwirklichung eines TRQs mit weiblicher Stimme, unerwartet, aber dennoch sehr willkommen ist zudem die Fokussierung auf ruhigere Momente im letzten Drittel des Albums. Inhaltlich stehen derweil nach den Experimenten mit Coverversionen, englischen und literarisch inspirierten Texten dieses Mal wieder die klassischen Rossmy-Themen im Vordergrund. Höchste Zeit also, sich ein weiteres Mal mit dem Mann zu unterhalten, der vor drei Jahrzehnten mit seiner legendären ersten Band Die Regierung "Supermüll" produzierte, der Anfang der 90er zu einem wichtigen Impulsgeber der Hamburger Schule avancierte, dessen Songs sowohl von den Walkabouts als auch den Lassie Singers gecovert wurden und der seit inzwischen fast 20 Jahren unbeirrt Songwriter-Pop, Americana-Twang und behutsame Rückgriffe auf den Classic Rock der 70er zusammenfließen lässt.
GL.de: Tilman, wo bist du, als du diese Fragen beantwortest, und wie ist die Stimmung?

Tilman: Ich sitze im Zug von Zürich nach Bern. Ich arbeite gerade beim Schweizer Fernsehen und muss deshalb fast jeden Tag hin- und herfahren, hab also schon mal ein bisschen Zeit für solche Geschichten. Die Stimmung ist gut, es ist Freitagabend, außerdem hat es geschneit, und das heißt: Morgen gibt es Pulverschnee! Bin gerade allein zu Hause, also kann ich das ganze Wochenende in den Bergen verbringen.

GL.de: Wirklich schön, endlich eine neue Platte von dir zu hören! Sechs Jahre nach den letzten Konzerten haben viele deiner Fans ja fast schon nicht mehr daran geglaubt. Hand aufs Herz, ging es dir zwischenzeitlich mal ähnlich?

Tilman: Ja, das war und ist mir natürlich schon klar, dass es für uns gerade nicht so leicht ist, was aufzunehmen, geschweige denn auf Tour zu gehen. Ralf und ich haben ja beide zwei kleine Kinder zu Hause und dazu noch die Arbeit, das hat jetzt einfach Priorität. Dietmar Post von Playloud Records, der die "Supermüll" noch mal auf Vinyl veröffentlichen will, hat mich mal gefragt, ob wir nicht eine Regierung-Reunion machen wollen, und ich hab ihm gesagt, das machen wir, wenn wir in Rente gehen. Das habe ich mehr scherzhaft gemeint, aber das fühlte sich ganz richtig an. Vielleicht kann ich ja dann mal wieder ein bisschen mehr in die Musik investieren.

GL.de: Was hat letzten Endes den Ausschlag gegeben zu sagen: Kommt, wir bringen wieder eine Platte raus?

Tilman: Folke musste sein Studio aufgeben, hatte es aber noch einen Monat, und da haben wir uns gesagt: "Komm, machen wir die Platte jetzt endlich fertig." Wir hatten bereits das Grundgerüst für die Songs der Session mit der Sängerin Ana Detree, der Tochter eines Freundes aus München, und dann noch einige Homerecordings. Den Rest haben wir dann remote eingespielt, ich in Bern, Folke in Hamburg und Ralf in Berlin, Flo war nur bei den Stücken mit Ana dabei. Das Ende des Ultraschall-Studios war auch das Ende einer Ära für uns, und das wollten wir nicht einfach so sang- und klanglos vorüberziehen lassen.

GL.de: Man hätte vermuten können, dass die längere Pause damit zusammenhing, dass du an einem / deinem Ziel "angekommen" bist, gerade auch mit den Texten des letzten Albums im Hinterkopf. In den neuen Songs klingt es dagegen eher so, als gäbe es ihn nach wie vor, den Suchenden in dir?

Tilman: Nein, das hatte damit nicht so viel zu tun. Das ist einfach die Familie, die so ein Arbeiten wie früher nicht mehr möglich macht... Es sei denn, wir hätten dann doch mal einen Hit. Ich muss auch sagen, dass ich nach all den Jahren das 500-km-Fahren, um einen Auftritt vor 12 zufällig vorbeischauenden Leuten in einem Jugendzentrum zu spielen, nicht mehr so wirklich brauche. Und suchen tust du natürlich immer, und wenn es nur ein Geburtstagsgeschenk für deine Tochter ist.

GL.de: Songs schreibt man am besten, wenn man unglücklich ist, heißt es. Wenn man glücklich ist, will man den Moment leben und sich nicht mit einer Gitarre verkriechen und darüber schreiben. Erklärt das die (scheinbare?) Diskrepanz zwischen den Fotos einer glücklich aussehenden Familie auf Deiner Facebook-Seite und dem - schon im Albumtitel anklingenden - nachdenklichen Tenor einer Reihe Lieder auf der neuen Platte?

Tilman: Zum Songschreiben braucht man vor allem Zeit, vielleicht hat man mehr davon, wenn es einem nicht so gut geht. Aber, wenn man viele Leute fragt, was meine besten Songs sind, dann gehören die Sachen von der "Unten" und von "Willkommen zuhause" sicher dazu, und das waren eigentlich sehr gute Zeiten für mich, als ich das geschrieben hab. Als ich noch in Hamburg gewohnt hab, kam meine Nachbarin mal zu mir und sagte: "Deine Lieder sind ja sehr schön, aber musst du sie wirklich tausendmal hintereinander spielen?" So ist das, tausendmal spielen braucht tausendmal drei Minuten, und wenn du sie gerade nicht am Stück zur Verfügung hast, dann brauchst du halt länger, und so gehen schon mal ein paar Jahre ins Land. Und was glückliche oder traurige Lieder betrifft, ist das doch vollkommen egal, wenn es ein gutes Lied ist, oder?

GL.de: Wie hat deine in den letzten Jahren gewachsene Familie deine Inspiration, deine Herangehensweise an deine Texte verändert?

Tilman: Im Prinzip gar nicht, ich sehe mich nach wie vor wie ein Angler, der seine Angel ins Wasser hält, und manchmal beißen die Fische und meistens nicht. Daran hat sich nichts geändert, außer, dass meine emotionale Basis jetzt deutlich stabiler ist und dass die Songs schon mal was von meinen Kindern oder meiner Frau erzählen, aber auf eine nicht so offensichtliche Art, hoffe ich.

GL.de: Die bisweilen grüblerischen Texte, die Rückschau auf die alten Zeiten - schwingt da ein bisschen Wehmut bei der Erkenntnis mit, dass das gute wilde Leben, so wie du es früher kanntest, heute hinter dir liegt? Hattest du nicht schon vor sechs Jahren gesagt, dass du keine Ambitionen mehr hast, im Musikbusiness etwas zu reißen?

Tilman: Du meinst "Beinahe berühmt"? Ich finde das Lied nicht grüblerisch und auch nicht wehmütig, sondern einfach eine Wertschätzung von dem, was war. Ich meine, Liebe in Hotelzimmern und Partys in den Häusern unserer Fans, das ist schon eine Erinnerung wert, das erlebt ja auch nicht jeder, der in einer Band spielt. Ja, und dass auch das vorbeigeht, das macht es doch alles nur noch besser! Was meine Ambitionen im Musikbusiness betrifft, so ist das wahrscheinlich wie mit dem Rauchen. Ich brauche das überhaupt nicht, aber sobald ich wieder eine Zigarette rauche, denke ich, dass ich absolut nicht ohne leben kann, also werde ich schön die Finger davon lassen.

GL.de: Inzwischen sind es 30 Jahre im Musikbusiness (ohne Hit). Erinnerst du dich an den Punkt, an dem dir bewusst wurde, dass Platten machen womöglich eine Lebensaufgabe werden könnte? Denn - Ambitionen hin oder her - immerhin veröffentlichst du ja noch neue Musik und spielst nicht nur mal einen alten Song auf irgendeinem 50. Geburtstag im Partykeller...

Tilman: Ich glaube, ich habe immer gewusst und gefühlt, dass das, was ich mache, was Besonderes ist. Ich dachte, dass es vor allem das Songschreiben ist, aber seit Kurzem merke ich, dass es auch meine Performance ist, auch meine Stimme. Ich bekomme ab und zu immer noch erstaunliches Feedback von Leuten, das ist oft sehr berührend. Wahrscheinlich findet jeder Song seinen Hörer. Vor Kurzem hat mir mal jemand geschrieben, dass er "Schiff in der Wüste" seit 2002 mindestens einmal pro Woche hört, ich hatte das Lied selbst schon vollkommen vergessen, und so konnte ich es noch mal neu entdecken, mit dieser Lieblingslied-Qualität, wenn du weißt, was ich meine. Ich hatte halt mal diese Phase, da habe ich das versucht, das Profimusiker-Ding. Das hat nicht nur nicht geklappt, ich habe auch gemerkt, dass das nichts für mich ist. Ich hab gemerkt, dass ich die Musik nicht benutzen kann, um etwas zu erreichen. Das hat lange gedauert, ich hab das immer wieder versucht und es ist immer wieder schiefgegangen, zum Glück!

GL.de: Zwischenzeitlich konnte man ein wenig den Eindruck haben, dass euch der Ausstieg eures langjährigen Drummers Rob Feigel weiter zurückgeworfen hat, als das für gewöhnlich der Fall ist, wenn "nur" der Schlagzeuger aussteigt...

Tilman: Robs Ausstieg kam ja unmittelbar bevor die Kinder kamen, insofern ist das schwer zu sagen, auch wenn Rob noch mit dabei wäre, hätte ich keine Zeit gehabt, mehr zu machen, und er wohl auch nicht, er hat ja auch zwei Jungs bekommen. Ich sag mal, was da am Ende mit uns los war, ist unsere Privatsache. Ich bin froh für die Zeit, die wir zusammen hatten, und bin stolz, dass einer der besten Schlagzeuger Deutschlands so lange mit uns gespielt hat.

GL.de: Über die neue Platte hast du gesagt, dass es dieses Mal ein "harter Ritt" gewesen sei. War das aufs Musikalisch-Künstlerische bezogen oder eher auf die logistisch-zeitliche Komponente, weil ihr so weit verstreut lebt?

Tilman: Mehr so logistisch gesehen, und private Turbulenzen, und halt die ewig lange Zeit, die wir gebraucht haben, da brauchte man schon ganz schön Geduld.

GL.de: Ein bisschen hört man dem Album den "harten Ritt" auch an, allerdings fällt das Heterogene durchaus positiv auf. Kannst du bitte etwas zur Chronologie der Entstehung der Songs bzw. des Albums sagen?

Tilman: Die ersten Sessions haben wir ja mit Ana Detree gemacht. Das hat Spaß gemacht mit ihr, aber das Ergebnis war nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Ich hatte irgendwie die Fantasie, dass das, was noch fehlt, ein richtig guter Sänger oder eben halt eine Sängerin sei, aber das war nicht so. Alle, die die Sachen am Anfang gehört haben, haben meine Stimme vermisst und ich selbst irgendwie auch. Ich wollte das dann trotzdem durchziehen mit Ana, aber sie hatte bei der zweiten Session keine Zeit, und seitdem waren wir auch nicht mehr im Studio. Aus der zweiten Session ist dann die "Intuition" entstanden und die Sachen mit Ana wollten wir auch als Mini-Album rausbringen, aber das ist dann einfach liegen geblieben. Ich bin ja Software-Entwickler von Beruf, aber mit Logic auf dem PC bin ich einfach nicht klargekommen, doch dann habe ich mir einen iMac zugelegt und mit Garageband auf dem Mac hat es sofort geklappt. So einfach ist das! Ich hab also die ganzen neuen Songs zu Hause aufgenommen und an die Jungs geschickt, und wir haben uns dann die Sachen immer hin- und hergeschickt, sind dann auch ein bisschen mehr ins Detail gegangen als bei unserer üblichen Live-im Studio-aufnehmen-Herangehensweise. So sind die Vocoder-Geschichten entstanden oder auch "Sonnenschein", unser erstes No-Song-Stück. Dann gab's noch einige unveröffentlichte Stücke, von denen wir dann "Georgia O'Keefe" und "Der zu werden, der du bist" mit draufgenommen haben. Im Prinzip könnten wir jetzt aufhören, es gibt jetzt nichts mehr, was noch unbedingt veröffentlicht werden müsste - außer der Coverversion von Roxy Musics "More Than This", die wir noch haben und die ich sehr gelungen finde, für die wir aber keine Erlaubnis vom Verlag bekommen haben... Irgendwann bringen wir das doch noch raus, merken die ja eh nicht!

GL.de: Die Idee eines TRQs ohne Tilman, der sich die Band dann aus der ersten Reihe beim Konzert anschauen kann, ist letztlich nicht ganz verwirklicht worden...

Tilman: Ja, ich hab ja schon gesagt, dass ich gemerkt habe, dass es nicht nur das Songschreiben ist, was die Qualität unserer Sachen ausmacht, also, schätze ich, wird wohl nichts daraus... aber wer fühlt, dass die Rolle des Sängers im TRQ genau das ist, was er oder sie schon immer machen wollte, der kann sich gerne bei uns melden!

GL.de: Bislang gab es zu jedem eurer Alben zumindest einige wenige Konzerte. Dürfen wir auch dieses Mal darauf hoffen?

Tilman: Ein Problem ist, dass wir schon sieben Jahre nicht mehr geprobt haben, so ein One-Off-Auftritt ist also ein bisschen heikel, zumal wir den letzten dieser Art beim Immergut Festival ja ein wenig in den Sand gesetzt haben. Aber vielleicht können wir mal was in reduzierter Besetzung im Subrosa in Dortmund oder in ähnlichen Clubs machen. Und wenn ich schon mal wieder virtuell in NRW bin, möchte ich die Gelegenheit nutzen und meine Wertschätzung für die Flowerpornoes und Tom Liwa ausdrücken und auch für Robert Lipinski, den Bassisten der Regierung, der ja jetzt seine eigene Band hat, die Andas heißt. Wenn ihr die Chance habt, die mal live zu sehen, geht hin und fordert von ihnen, dass sie mal "Ganz tief unten" oder so spielen!

Weitere Infos:
www.tilman-rossmy.de
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Tilman Rossmy Quartett
Aktueller Tonträger:
Ich weiß nicht wer du bist
(www.tilman-rossmy.de)




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