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LESLEY KERNOCHAN
 
Tintenfischtränen
Lesley Kernochan
Dass man - selbst als interessierter Freund poetisch veranlagter, stilistisch ungebundener Songwriterinnen - den Namen Lesley Kernochan nicht unbedingt auf dem Schirm hat, hat einen ganz einfachen Grund. Denn obwohl Lesley bereits vier Tonträger auf dem Buckel hat - darunter ein A-Cappella-Album, zwei Singer-Songwriter-Werke und eine LP mit Kinderliedern - ist "A Calm Sun", das nun vorliegende Album im Country-Setting - das erste, das sie auf einem renommierten Label heraus bringt. Bislang nämlich agierte Lesley in eigener Sache als beinharte Do-It-Yourself-Indie-Künstlerin.
Das ist aber nur ein Teil der erstaunlichen Geschichte, die in der Summe die Musikerin Lesley Kernochan ausmacht, wie sie uns ganz aufgeregt berichtet. "Lass mich mal sehen", überlegt Lesley, "ich denke, dass meine erste musikalische Liebe einem Mix aus Jazz- und Folkmusik gehörte. Ich verliebte mich zum Beispiel aber auch recht früh in Paul Simon und Bob Dylan. Und dann war da noch der Swing - Ella und Louis - diese Art von Sachen und nicht etwa Bebop. Mir gefiel immer dieser orchestrierte, weibliche Vokal-Schiene. Diese beiden Richtungen interessierten mich schon als ich 12 Jahre alt war - während meine Freunde alle Green Day oder moderne Popmusik hörten. Ich hörte mir stattdessen viel lieber Jazz an - und vielleicht noch ein wenig Edith Piaf." Das sind alles Sachen, die man angesichts des aktuellen Oeuvres Lesleys bestenfalls noch erahnen könnte. Dafür gibt es aber vielleicht einen bestimmten Grund. "Mit dem Song-Schreiben habe ich erst in meinen 20ern angefangen", verrät Lesley nämlich,"denn vorher war ich eine Jazz-Saxophonistin. Ich hatte damals Saxophon studiert und auch immer drei Stunden am Tag geübt - und zwar 15 Jahre lang. Gesungen habe ich zu der Zeit auch noch nicht. Ich hatte zwar vorher im Chor gesungen und es hat mir auch immer Spaß gemacht - ich dachte aber nicht, dass ich besonders talentiert wäre. Es war dann auch eine feministische Wahl, die ich damals traf, als ich Saxophonistin war, denn es gehört zu diesen Klischees, dass jeder annimmt, dass eine Frau, die sich in Jazz-Zirkeln bewegt, singen wolle. Ich benutzte dann immer meine Wahl, als Saxophonistin zu agieren, als Statement." Nun ja, aber irgendwann musste es ja mal angefangen haben mit der Singerei. "Ja, hat es ja auch", bestätigt Lesley, "als ich nämlich mal bei einer Probe gebeten wurde, einen Billie Holiday-Song zu singen und nachher alle meinten, dass sie die Passage mit meinem Gesang am liebsten gemocht hätten. Das hat mich zunächst verärgert - dann wurde mir aber klar, dass auch mir der Gesang am besten gefallen hatte. Da musste ich mir dann eingestehen, dass ich es wirklich mochte, zu singen. Dann habe ich erst mal drei Jahre lang Operngesang studiert."
Das bringt uns aber immer noch nicht weiter in Bezug auf Lesleys derzeitige Tätigkeiten. "Ich wollte ja auch gar nicht Operngesang lernen - aber ich fand eine großartige Lehrerin und wollte Stimmbildung von ihr lernen. Sie sagte mir dann, dass ich mir keine Gedanken darüber machen sollte, dass ich eigentlich gar keine Opernsängerin werden wolle, da es beim Operngesang darum ginge, alle Klangfarben seiner Stimme zu entdecken und zu nutzen und dass mir das ermöglichen würde, meine Stimme besser verstehen zu können." Führte das dann zu einer Weiterentwicklung? "Ja, denn ich erlaubte meiner Stimme sozusagen aufzublühen", bestätigt sie, "auf dem College habe ich dann auch noch einen Kompositionskurs mit einem Diplom abgeschlossen. Dabei ging es aber um zeitgenössische, klassische Musik. Ich hatte also mit Mitte 20 schon Erfahrungen in Jazz, Klassik und Folk. Damals lebte ich in Portland, Oregon, und habe mich vielen Bands angeschlossen. Eine davon hieß Vagabond Opera - und das war eher eine Cabaret-Truppe, die Weltmusik, Oper und Kabarett miteinander vermischte. Während dieser Zeit war ich auch mit dem College fertig und wollte schon Musik schreiben - hatte aber festgestellt, dass ich kontemporäre klassische Musik gar nicht so gut fand. Es war halt das, was an der Schule gelehrt wurde." Kommen wir denn jetzt langsam zu den CD-Aufnahmen? "Ja, denn ich beschloss damals, ganz auf der Basis anzufangen und schrieb deswegen zunächst mal das A-Cappella-Album 'Undulating'. Denn für mich fühlte sich die Idee, einen Song nur mit meiner Stimme zu schreiben, als geeigneter Startpunkt, mit meinem Songwriting anfangen zu können. Es war auch die schnellste Art, zu einem Ergebnis zu kommen. Es fühlte sich auch ganz natürlich an, denn die Stimme ist das natürlichste Instrument, das ich mir vorstellen kann." Und wie ging es danach weiter? "Auf dem nächsten Album, 'The Pickle Jar', ging es darum, Instrumente hinzuzufügen und auf die nächste Ebene bezüglich meiner Kompositionen zu kommen. Es gab auch ein wenig Orchester. Danach folgte dann schon das Kinder-Album, das sogar noch mehr orchestriert war als 'Pickle Jar'. Danach verlor ich mich dann irgendwie in dem, was ich gerade ausprobierte - Rock und Folk und jetzt eben Country. Ich will aber immer noch ein Album für ein Orchester schreiben."
Lesley Kernochan
Das Album "A Calm Sun" enstand - obwohl es so klingt - keineswegs in Nashville, sondern - mit Unterstützung einer Riege ausgesuchter Studio-Cracks - in Los Angeles. "Ja - aber auch in New York", schränkt Lesley ein, "der Grund, warum ich die Country Musik in dem Song 'Country In The Big City' erwähne, ist der, dass es ironisch ist. Country Musik assoziiert man mit Nashville und nicht mit New York oder Los Angeles. Das ist doch lustig, oder? Momentan erlebt die Country Musik bei uns in den USA übrigens eine Art Renaissance. Die Leute scheinen die Musik wieder mehr zu schätzen - vielleicht auch deswegen, weil die Texte heutzutage etwas offener sind als früher, als man immer nur alten Country-Themen sang." Nun ja - Country Musik ist ja auch irgendwie die beste Art Geschichten zu erzählen. "Ja, viele Leute stimmen da zu", meint auch Lesley, "wahrscheinlich kommt deswegen Dolly Parton so gut rüber." Wenn Lesley sagt, dass die Texte in der zeitgenössischen Country-Musik thematisch offener sind als früher, so ist sie selbst ein gutes Beispiel dafür. In ihren Texten wimmelt es vor blumigen Metapherm Bildern und Aphorismen, die sich mit allerlei Themen beschäftigen. Wie kommt man dabei auf sprechende Klettverschlüsse und Reißverschlüsse, Schokoladenbäume oder Tintenfische aus Tränen? "Da ist eine Menge Zufall dabei", räumt Lesley ein, "ich greife einfach eine Idee auf und spiele damit herum. So kaufte ich mir zum Beispiel dieses Bild von diesem Typen, das ich ganz interessant fand und darauf war ein kleiner Tintenfisch zu sehen. Da dachte ich mir, das wäre doch cool, wenn der in meinem Song vorkäme. Und dabei mag ich es, verdrehte kleine Ideen mit offensichtlicheren Textpassagen zu mischen."

Während Lesley auf der künstlerischen Ebene den goldenen Weg gefunden zu haben scheint, macht ihr der Umstand, dass sie als Indie-Künstlerin bislang kaum von ihrer Kunst leben kann, schon gewisse Sorgen. "Ja, schon - aber davon darf man sich nicht unterkriegen lassen", meint sie bestimmt, "es ist ja schön und gut, sich von anderen, erfolgreicheren Kollegen inspirieren zu lassen - aber letztlich muss ich mich auf mein Leben und das, was ich mache konzentrieren ohne mich fragen zu müssen, ob es ein Erfolg wird oder nicht." Musik ist ja auch nicht das beste Medium um mit Vergleichen zu hantieren. Letztlich ist doch jede Art von Kunst einzigartig, oder? "Ja, das stimmt schon", räumt Lesley ein, "Kunst ist einzigartig und hat bei jedem einen anderen Ursprung. Ich meine: Viele Leute mögen meine Songs nicht, viele mögen sie aber sehr. Ich schreibe aber nicht, um jemanden zu gefallen, sondern deswegen, weil es das Leben für mich aufregend macht. Sein Geld als Songwriterin zu verdienen ist ja auch eine interessante Herausforderung." Worum geht es Lesley bei einem guten Song? "Authentizität", sagt Lesley nach einer langen Pause, "mag sein, dass sich das wie ein Klischee anhört - es ist aber wahr. Ich liebe alle möglichen Arten von Musik. Ich mag Joni Mitchell - aber ich mag auch Katy Perry. Es gibt einen Song von Katy Perry namens 'By The Grace Of God', der mir in meinem Leben entscheidend weitergeholfen hat. Was ich sagen will ist, dass niemand in der New York Times über Texte von Katy Perry-Songs schreiben würde, wie über einen Joni Mitchell oder einen Leonard Cohen-Song - dass aber dennoch ein Katy Perry-Song auch aufrichtig und authentisch sein kann. Ich bin auch froh darüber, dass wir alle diese verschiedenen Arten von Songs haben - so lange sie nur die Wahrheit aussprechen. Dafür braucht man nicht mal eine musikalische Ausbildung - so lange das Ergebnis nur real ist."

Gibt es in den Songs von Lesley eine Art Botschaft? "Ich würde sagen, dass ich selbst nach einer Botschaft für mich in meinen Songs suche", schränkt Lesley ein, "manchmal bin ich einfach festgefahren und suche nach diesem Quäntchen Weisheit in mir selbst. Meine Songs helfen mir, das zu finden. Nimm zum Beispiel den Song 'The Universe', der entstand etwa, als ich mich in einem Hotelzimmer aufhielt, das mir unsicher vorkam. Ich versuchte damals, mich irgendwie zu beruhigen - mit Yoga und Meditation - aber nichts half - bis ich mir dann selbst vorsang, was ich hören musste. Und das ist der Song, der dabei entstand. Da hat mir die Musik tatsächlich geholfen - was für mich eine Art Offenbarung war. Das kann man auch wissenschaftlich erklären - mit Frequenzen und Schwingungen, die unseren aus Wasser bestehenden Körper in eine positive Stimmung versetzen." Musik kann also doch etwas bewegen. Wie könnte es denn musikalisch mit Lesley Kernochan weiter gehen? "Nun ich habe diverse Alben im Kopf, die ich machen könnte - kann aber nicht darüber sprechen, weil das für mich eine private Angelegenheit ist. Ich möchte aber auf verschiedene, neue Arten mein Songwriting verbessern, weil es das ist, was ich liebe. Es ist eine Art wundervoller Tanz, wenn es darum geht, sich einem Song zu nähern. Ich muss auch meinem inneren Pfad folgen und das Alter in Betracht ziehen - denn ich bin ja jetzt halt nicht mehr in meinen Zwanzigern. Zur Zeit meditiere ich viel - weswegen 'A Calm Sun' auch ziemlich beeinflusst ist von meiner ruhigen, inneren Welt. Wer weiß, wie es weiter geht? Für mich selbst ist das alles noch nicht klar. Ich möchte natürlich meine Technik weiterentwickeln - aber wie das aussehen wird, kann ich heute noch nicht sagen. Vor drei Jahren hätte ich dir auch noch nicht sagen können, dass ich mal ein Country-Album schreiben würde. Das war auch für mich eine Überraschung." Nun, die Hauptsache ist ja schließlich auch, überhaupt eine Vision für die Zukunft zu haben - und mag diese auch noch so geheimnisvoll sein.

Weitere Infos:
www.lesleykernochan.com
www.facebook.com/lesley.kernochan
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Shervin Lainez-
Lesley Kernochan
Aktueller Tonträger:
A Calm Sun
(Make My Day/Indigo)




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