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JIM WHITE
 
Verzweifelt positiv
Jim White
Jim White ist glücklich. Und dazu braucht es offensichtlich nicht viel. Ihm reicht es schon, das feine Alter von 50 erreicht zu haben, seine kleine Tochter zu umsorgen und dabei noch ein neues Album "Transnormal Skiperoo" fertig gestellt zu haben. "Genau erklären kann ich dir das mit dem Glücklichsein auch nicht", orakelt er, "aber ich habe meine Teufel besiegt und bin froh, es bis hierher geschafft zu haben. Ich habe meine Arbeit gemacht und die Leute finden sie gut und sie reden mit mir. Und das schon zum vierten Mal - meine anderen Projekte nicht mitgerechnet. Das Gute häuft sich langsam. Denn ehrlich gesagt - habe ich anfangs ja nicht einmal geglaubt, auch nur eine Scheibe aufnehmen zu können." Kein Wunder: Als ehemalige(s/r) Profi-Tischfussball-Spieler, Wahrsager, Obdachloser und Mode-Model hatte er nicht unbedingt eine solide Grundlage - ganz mal davon zu schweigen, dass er sich mit einer Motorsäge eine halbe Hand abschnitt. Doch seit einigen Jahren ist White aus der Songwriter-Szene der schrägen Vögel nicht wegzudenken. Mit seinem Kumpel Johnny Dowd bildete er das Hellwood-Projekt, auf seiner letzten Scheibe spielte er mit Aimee Mann ein Duett ein und arbeitete auf der neuen mit der Country-Gospel Kapelle Ollabelle, dem Bluegrass-Pärchen Jeff & Vida und dem Kult-Produzenten Tucker Martine zusammen. Natürlich ohne irgendeinen Plan.
"Es gibt kein Thema auf meinen Scheiben - so denke ich nicht", erklärt Jim, "ich beginne immer einfach irgendwann Songs zu schreiben. Manch einer denkt dann, es gäbe ein Thema - wie z.B. bei 'Wrong-Eyed Jesus", das viele für ein Konzept-Album hielten, was es aber nicht war. Wenn etwas die neue Scheibe bestimmt, dann das Gefühl, dass ich heutzutage einfach optimistischer über das Leben denke. Wenn es also ein Thema gibt, dann ist das eher ein Zufall." Hat das Hellwood-Projekt, das Jim mit seinem Geistesbruder Johnny Dowd auf die Beine gestellt hat, geholfen, das neue Werk fertigzustellen? "Ja, und zwar so, wie ein kleines, verwöhntes Kind geholfen hätte, das dauernd danach verlangt hätte, auf eigenen Beinen zu stehen. Es war ja sowieso eher Johnnies Projekt." Wieso das denn? "Ich liebe Johnny Dowd, weil er einer der besten beiläufigen Songwriter mit Pathos ist. Was an ihm so toll ist und was kaum jemand wahrnimmt, ist, dass er unglaublich originelle musikalische Ideen hat, wobei er aber gar nicht versucht, diese zu erschaffen, sondern sie vielmehr fast zufällig und eben beiläufig entstehen. Ich mache so etwas ja auch - aber längst nicht so gut wie er. Ich wollte mit Johnny also zusammenarbeiten, weil ich ihn schätze, hatte aber auch eigene Songs, von denen ich nicht wusste, was ich sonst damit machen sollte. Es sollten zunächst sechs Songs von mir und sechs von ihm sein. Als wir aber unsere Stücke verglichen, waren seine einfach besser, deswegen ist mehr von ihm drauf als von mir." Das räumt Jim ganz ohne Groll ein. Was hat sich denn in Bezug auf sein Songwriting verändert? Früher erzählte er uns ja z.B., dass es ihm nicht möglich sei, kurze Songs zu schreiben. Dieses Mal sind gleich mehrere dabei. "Was sich verändert hat, kann ich dir auch nicht sagen", überlegt Jim, "ich bin halt erwachsen geworden. Ansonsten habe ich keine Antwort auf diese Frage, außer vielleicht, dass es mir heutzutage möglich ist, Dinge konkreter anzusprechen - wobei ich dann wieder nicht weiß, wieso. Ich schreibe halt schon seit langer Zeit Stücke. Und ich habe auch lange Songs geschrieben, wie z.B. einen Song namens 'Stranger Candy', der nicht auf das Album gepasst hätte, weil dieses ungewöhnlich entspannt geraten ist. Ich wollte da nichts erzwingen."
Wie gut kann Jim heutzutage den Prozess des Songwriting kontrollieren? "Lass mich das mal so beantworten", scherzt Jim, "ich habe eine einjährige Tochter und sie kontrolliert den Prozess. Wenn sie schläft, kann ich Songs schreiben - ansonsten eben nicht. Und somit sind viele der Songs zwischen elf und drei Uhr Nachts entstanden, wenn ich darauf gewartet habe, ob das Baby wieder aufwacht. Meine Frau machte nämlich eine College-Ausbildung zu jener Zeit, so dass ich mich um das Kind kümmern müsste." Fühlt sich Jim als Songwriter heutzutage sicherer als früher? "Niemals", meint er empathisch, "ich bin immer unsicher. Wenn die Songs heutzutage anders klingen, dann deswegen, weil ich momentan glücklich bin - wobei ich nur ein kleines Vokabular habe, das in Worte zu fassen. Wohingegen ich ein riesiges Vokabular habe, Trauer und Einsamkeit in Worte zu fassen. Ich kann jederzeit einen Song über das Zurückblicken schreiben, wie z.B. 'Jailbird' - aber ich mag nicht nur solche Songs schreiben; ich kann kein Elliott Smith-Album machen. Deswegen ist es für mich eine größere Herausforderung, etwas Positives zu schreiben. Die Bedeutung des Positiven ist sehr viel schwieriger zu erfassen, als die des Negativen - einfach weil sich so etwas menschlich mehr einprägt und wichtiger ist. Das Positive erhält dich für einen Moment, das Negative zerstört dich aber. Was ich damit sagen will, ist, dass ich verzweifelt versuche, etwas Positives auszusagen." Das Problem gibt es doch auch bei der Musik, nicht wahr? Es ist für einen Songwriter doch einfacher, einen Song in Moll als in Dur zu schreiben, oder? "Genau", bestätigt Jim, "deswegen habe ich auch so viel Respekt für Leute wie Bjork, die einfach das Leben als solches zelebrieren. Eben weil es eine große Versuchung ist, sich als Songwriter der Trauer zuzuwenden. Als Künstler fragt man sich sogar, wenn man glücklich ist, ob man nicht traurige Songs schreiben sollte. Meine Antwort ist dann diese: Ja - wenn man etwas zu sagen hat."

Ein wenig eigenartig ist die Tatsache, dass ein beinharter Mystiker wie Jim White einen Sticker mit der Aufschrift "My Record Speaks For Itself" auf der Scheibe hat. "Ach, das ist dir auch aufgestoßen?", lacht Jim, "das ist das, was jedem als Erstes auffällt. Ich wusste gar nicht, dass er auf der Scheibe ist. Das war der Art-Director. Ich würde sagen, dass das etwas wäre, was vielleicht ein Politiker sagen würde. Meine Gefühle sind damit jedenfalls nicht verbunden." Dann sind wir ja zum Glück doch nicht einfach zu dumm, um Jims metaphernreiche Textgebilde zu verstehen. Wie wurde das neue Album denn musikalisch angepackt? "Ich packe nie etwas musikalisch an", meint Jim fast entrüstet, "ich greife einfach Dinge aus der Luft. Zum Beispiel habe ich die Band Ollebelle als Support für Buddy Miller in New York gesehen. Eigentlich hatte ich Buddy fragen wollen, ob er mein Album vielleicht produzieren wolle. Als er die Bühne betrat, hatte ich aber seinen Namen fast schon wieder vergessen, weil Ollebelle so gut waren. Also habe ich sie gefragt, ob sie mitmachen wollten. Die Plattenfirma hatte dann Ideen für einen anderen Produzenten, die mir aber nicht so gefielen, da habe ich dann Joe Pernice vorgeschlagen. Er ist ein erstaunlicher Musiker und Mensch mit interessanten Ideen und Standpunkten. Dann habe ich ihn angerufen und da stellte sich heraus, dass seine Frau zur gleichen Zeit schwanger war wie meine. Wir hatten also fast zusammen je ein Kind. Dann wollte ich unbedingt mit Tucker Martine und seinen Musikern arbeiten. Er ist ja mittlerweile ein großes Ding - mit den Decemberists und so. Schließlich fanden wir doch einen Termin. Als ich aber mit meiner Gitarre auftauchte, musste ich mich stundenlang wegen einer Spinatvergiftung übergeben. Da gab es ja eine große Vergiftungswelle wegen bakteriell belasteten Spinates in den USA - und mich hat's auch erwischt. Tucker meinte aber nur, dass er eh wüsste, wie der Song klingen solle und sagte, ich solle mich ruhig zum Brechen ins Bett legen und hat den Song alleine fertig gestellt."

Woher kommt denn das Country & Gospel-Feeling auf der neuen Scheibe? "Nun, das liegt an meinen Gästen", erklärt Jim, "Ollebelle haben ja einen Country & Gospel-Sound. Sie haben fünfstimmigen Harmoniegesang und machen ihre eigene Art von Spirituals. Ich habe sie einfach aus den 30 Songs, die ich für das Album ausgesucht hatte, aussuchen lassen." 30 Songs? "Ja, normalerweise schreibe ich bis zu 60, 70 Songs für ein Album. Dieses Mal habe ich erstmals auf älteres Material zurück gegriffen. Ich schreibe alle möglichen Songs. Zum Beispiel habe ich ein ganzes Album an Punk-Songs fertig - wobei ich nicht glaube, dass die Plattenfirma mich die einspielen lässt. Ich will sie aber irgendwann mal verwenden. Und ich habe Songs für ein Album mit klassischen Gitarren-Titeln halb fertig. Dann habe ich noch eines voller seltsamer, gespenstischer Songs, die ich mit Tucker Martine und einer Blues-Sängerin namens Marla Lucky einspielen möchte und vielleicht mache ich auch mal ein Album mit Instrumentals. Ich habe also alle möglichen Songs und konnte für Ollebelle auf die Roots- und Gospel-Songs zurückgreifen." Mit Gospel Songs hat Jim ja so seine Erfahrung - spätestens seit ihm ein BBC-Team auf den Spuren seines eigenen "Wrong-Eyed Jesus"-Albums mit in den apostolischen Süden der USA nahm. Was ist eigentlich aus der Jesus-Figur geworden, die Jim im Kofferraum seines Autos durch den ganzen Film karrt? "Das Ding ist 400 Pfund schwer. Ich habe es in meinem Vorgarten gehabt, aber heute steht im Garten eines Freundes in Jacksonville, wo sie der Kernpunkt seltsamer kleiner Aufführungen ist, die er dort veranstaltet." Und was hat es mit dem Track "Diamonds To Coal" auf sich - ein Prozess, den es ja im richtigen Leben nicht geben kann? "Nun, manchmal hält man doch etwas Wertvolles und Schönes in der Hand, was man einfach so zerstört", erklärt Jim, "und damit bin ich fertig - also Schönheit zu zerstören - ich möchte sie stattdessen lieber einfach betrachten." Diese neue, heitere Gelassenheit bekommt nicht nur dem Menschen, sondern auch dem Musiker Jim White bestens. "Transnormal Skiperoo" ist sein bislang entspanntestes, zugänglichstes Album geworden.
Weitere Infos:
www.jimwhite.net
www.myspace.com/officialjimwhite
de.wikipedia.org/wiki/Jim_White
www.luakabop.com/jim_white/
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Pressefreigabe-
Jim White
Aktueller Tonträger:
Transnormal Skiperoo
(V2/Universal)
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