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MARGARET GLASPY
 
"Ich mag es gerne unkompliziert"
Margaret Glaspy
Margaret Glaspy lässt sich nicht gerne festnageln. In der Musik der jungen Amerikanerin trifft eine analytische Herangehensweise auf bisweilen ungefilterte Gefühle, und in ihren mit expressiver Stimme und virtuosem Gitarrenspiel vorgetragenen Songs hallen unzählige Inspirationsquellen wider - bisweilen bei jeder Strophe und jedem Refrain eine anderen. "Emotions And Maths" ist deshalb nicht nur der Titel ihres Debüts, sondern praktisch auch eine Kurzbeschreibung ihres Tuns. Denn auch wenn man ihre Musik zunächst durchaus unter Indie-Folk einsortieren kann, offenbart der zweite Blick, dass Glaspy sich erfreulich absetzt von der grauen Masse junger Singer/Songwriterinnen. Mal fühlt man sich an die bluesgetränkte Schroffheit von PJ Harvey erinnert, dann wieder an die spartanische Direktheit von Liz Phair oder an die düstere Zerbrechlichkeit von Elliott Smith, den Glaspy neben Joni Mitchell als eine ihrer größten Inspirationen bezeichnet. Das Ergebnis sind Songs, die komplex, vielschichtig, edgy, rau und betont schrullig sind, wie der Kollege Maurer treffend schrieb, als wir "Emotions And Math" an dieser Stelle vor einigen Monaten zur Platte der Woche kürten.
Aufgewachsen ist Margaret Glaspy in Kalifornien. Obwohl sie schon als Kind bei Fiddle-Wettbewerben auftrat, dachte sie später zunächst an eine Karriere als Buchautorin oder Linguistin (Koreanisch und Spanisch sind ihre Steckenpferde), doch am Ende entschied sie sich für die Musik. Nach einem Semester am renommierten Berklee College of Music in Boston zog mit Anfang 20 nach New York. Dort ist sie auch heute noch zu Hause, wenngleich sie derzeit eher aus dem Koffer lebt, denn ihre erste LP will weltweit promotet werden: Mitte November stehen auch wieder Konzerte in Deutschland auf dem Programm. Doch auch wenn sie auf langen Gastspielreisen ihren Freund, den Jazzgitarristen Julian Lage, vermisst, geht es ihr derzeit blendend.

Schließlich hat sie mit der Veröffentlichung von "Emotions And Math" einen Prozess abgeschlossen, der sich fast ein Jahrzehnt hingezogen hat. In früheren Interviews erzählte sie sogar, dass sie an den Liedern praktisch ihr ganzes Leben gearbeitet habe. Andere Musiker hätte das vermutlich um den Verstand gebracht, aber Glaspy mag Dinge, die Zeit brauchen. So läuft sie gerne Langstrecken und liest mit Vorliebe besonders dicke Bücher. Deshalb hat sie den Entstehungsprozess ihrer ersten LP genossen, so langwierig er auch war. "Natürlich gab es manchmal Momente, in denen ich schon ein wenig frustriert war, aber jetzt, wo die Platte draußen ist, blicke ich zurück und bin total glücklich, dass ich so viel Zeit hatte, mich zu entwickeln", sagt sie bestimmt, als wir sie Ende August vor ihrem feinen Auftritt in der Haldern Pop Bar treffen.

Doch auch wenn sich Glaspy viel Zeit genommen hat, an den Songs von "Emotions And Math" zu feilen: Die tatsächlichen Aufnahmen dauerten gerade einmal drei Tage. Das erinnert ein wenig an die Herangehensweise von Courtney Barnett, die ebenfalls gerne lange an ihren Songs arbeitet, um sie dann ohne viel Zeit für Selbstzweifel im Studio innerhalb kürzester Zeit einzuspielen. "Die Entscheidung, das Album schnell aufzunehmen, habe ich sehr bewusst getroffen, weil ich wollte, dass die Songs eine gewisse Energie besitzen. Das Ziel war, alles so simpel wie möglich zu halten und die Lieder für sich selbst sprechen zu lassen", erklärt Glaspy. "Ich hatte so lange an den Songs gefeilt, dass ich nicht weiter an ihnen arbeiten wollte - ich war fertig mit ihnen! Außerdem wollte ich unbedingt vermeiden, hier noch ein paar Glöckchen und da noch etwas anderes hinzuzufügen. Ich mag durchaus Alben, die üppig produziert sind, aber für meins wäre das nichts gewesen. In gewisser Weise ist das eine Herangehensweise wie beim Jazz. Die Musiker und die Songs stehen im Mittelpunkt, nicht der Sound. Wir haben zuvor nicht einmal groß geprobt, ein paar Stunden vielleicht. Die Platte klingt so lebendig, weil niemand weiß, was er tut! Manchmal waren wir selbst überrascht, wenn wir schafften, einen Song durchzuspielen. Mir gefällt diese Herangehensweise, und ich bin ziemlich sicher, dass ich auch meine nächsten Alben so angehen werde, wenngleich ich weiß, dass mir irgendwann sicher auch der Sinn nach etwas anderem stehen wird."

Glaspy schrieb allerdings nicht nur die Songs für "Emotions And Math", spielte Gitarre und sang, sie produzierte das Album auch, und genau das ist einer der Gründe, warum die Aufnahmen schnell über die Bühne gehen mussten. "Eine Platte zu produzieren, die in wenigen Tagen fertig ist, habe ich mir ohne Weiteres zugetraut", verrät sie und fügt lachend hinzu: "Wenn das Ganze sich lange hingezogen hätte, wäre ich vermutlich durchgedreht. Ich mag es gerne unkompliziert."

Dennoch brauchte sie gleich mehrere Anläufe, bis das Album endlich fertig war. "Ich habe die Platte ehrlich gesagt mehrfach aufgenommen, und jedes Mal klang sie völlig anders. Auf einigen Versionen gab es auch Akustikgitarren, ohne dass sie deshalb besonders folky geklungen hätten, sondern eher ein klein wenig experimentell. Als wir dann die finale Version aufgenommen haben, fühlte es sich fast so an, als covere ich meine eigenen Songs, weil ich sie bis zu dem Zeitpunkt schon so oft gespielt hatte. An dem Punkt wusste ich haargenau, wie sie zu klingen hatten. Deshalb konnte ich einfach eine Band zusammenstellen und sie einspielen, ohne dass ich im Studio viel darüber grübeln musste, was wohl das Beste für die Lieder sei. Das war für mich bereits glasklar. Ich denke, dass die Platte letzten Endes recht rockig ausgefallen ist, liegt daran, dass die Songs zuvor so viele Entwicklungsstadien durchlaufen hatten."

Margaret Glaspy
Mit der fertigen Platte im Gepäck tourt Glaspy mit Tim Kuhl (Schlagzeug) und Chris Morrissey (Bass) nun schon seit Monaten durch die ganze Welt und spielt dabei nicht nur die Songs ihres Albums, sondern auch noch eine Reihe Coverversionen, die ihr breites musikalisches Spektrum verdeutlichen, reicht die Bandbreite dabei doch von Bob Dylan und Lucinda Williams über Björk bis hin zu Lauryn Hill. Nach ihrer eigenen Schätzung wird sie am Ende des Jahres für fast 200 Konzerte auf der Bühne gestanden haben. Für eine Künstlerin, die von sich selbst sagt, dass sie am liebsten allein ist und sich lange mit ein und derselben Sache beschäftigt, sicherlich kein leichtes Unterfangen, schließlich sind auf Tournee Privatsphäre und ausgiebige Pausen an einem Ort Mangelware.

Um sich den Touralltag etwas angenehmer zu gestalten, hat Glaspy allerdings ein paar Tricks parat, die sie uns abschließend gerne verrät. "Auf Tour muss man lernen, gut auf sich aufzupassen, und das kostet Zeit", erklärt sie. "Ich muss das selbst noch viel stärker verinnerlichen. Wenn ich anderen Musikern auf Tour etwas empfehlen sollte, würde ich sagen: Besorgt euch gute Kopfhörer, das ist eine Menge wert! Mir persönlich sind auch Hautpflegeprodukte sehr wichtig. Oft kaufe ich richtig teure Lotionen, die ich mir eigentlich gar nicht leisten kann. Damit kommst du dir richtig gut und schick vor an Orten, die es nicht sind, etwa wenn du in einem dunklen, dreckigen Rockschuppen auftrittst. Solange du die richtige Handcreme oder was auch immer hast, fühlt es sich trotzdem okay an! Der letzte Tipp, den ich von meinem Bassisten habe, sind Räucherstäbchen. Wir zünden sie im Backstage vor dem Konzert an, und das beruhigt uns ungemein."

Weitere Infos:
margaretglaspy.com
www.facebook.com/mglaspymusic
en.wikipedia.org/wiki/Margaret_Glaspy
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Ebru Yildiz-
Margaret Glaspy
Aktueller Tonträger:
Emotions And Math
(ATO/Pias/Rough Trade)




Margaret Glaspy

 
 

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