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Ungeahnte Freiheiten
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"Es geht um Freiheit", sagt Thalia Zedek, wenn sie ihre neue Band beschreiben soll. Mit E hat die frühere Frontfrau von Come, Uzi und Live Skull, die bereits seit vier Jahrzehnten den Untergrund in Boston, Massachusetts, aufmischt, ein aufregendes neues musikalisches Projekt ins Leben gerufen, bei dem sie anders als bei der Thalia Zedek Band nicht allein im Mittelpunkt steht. Schließlich ist das explosive Trio eine waschechte All-Star-Band, bei der neben Thalia auch noch Tausendsassa Jason Sidney Sanford, der seit jeher für die Aufnahmen seiner Experimental-Noise-Band Neptune die Instrumente selbst baut, und Gavin McCarthy, der einst mit Karate die Grenzen zwischen Indierock und Post-Rock auslotete, beteiligt sind. Kein Wunder also, dass ihre vor wenigen Wochen erschienene selbstbetitelte erste LP auf dem Chicagoer Qualitätslabel Thrill Jockey eine vor Energie sprühende Großtat ist, die E ab Januar nun auch erstmals in Deutschland und dem Rest von Europa live vorstellen.
Schon seit Jahren sind sich die drei Protagonisten in ihrer gemeinsamen Heimatstadt immer wieder über den Weg gelaufen, doch es bedurfte ausgerechnet eines experimentellen Theaterprojekts, um den Grundstein für E zu legen. Im kurzlebigen Market Theater sorgten sowohl Zedek als auch Sanford für die Livemusik bei den Aufführungen - und lernten sich gegenseitig richtig schätzen. Anfangs mit Alec Tisdale an den Drums, komplettiert seit einiger Zeit McCarthy die Band am Schlagzeug. Den Gesang teilen sich die drei derweil. Auf ihrem ersten Album erforschen E die dunkle, krachige Seite ihrer jahrzehntelangen Songwriting-Erfahrungen und verbinden dabei echte, ungefilterte Emotionen mit einem oft betont unnachgiebigen Industrial- und Noise-Sound, bei dem Sonic Youth und Fugazi in der Ferne leuchten. "Soulmusik für Maschinen" nennen sie das selbst, wenn in ihren Songs ein minimalistisches Klangbild auf ungewohnte Akkorde und die ungebremste Power aus dem Spannungsverhältnis von zwei Gitarren und Schlagzeug treffen. Dazu passt auch der auf das Minimum reduzierte Bandname, den Zedek ins Spiel brachte, weil die ersten Songs der Band allesamt in der Tonart E geschrieben wurden. Sanford gefiel der Name zudem, weil der Buchstabe E in der jüngeren Vergangenheit von E-Mails bis E-Commerce allgegenwärtig war und trotzdem stets eine leere Hülle geblieben ist, in die man alles Mögliche hineinprojizieren kann.
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Spannend sind E allein schon deshalb, weil sich die drei Musiker bei ihrer Zusammenarbeit vollkommen in den Dienst der Sache stellen und einen Sound kreiert haben, der zwar an ihre musikalische Vergangenheit und ihre individuellen Stärken andockt, am Ende aber mehr und etwas anderes ist als nur die Summe der einzelnen Teile. "Das Songwriting ist ein sehr kollaborativer Prozess zwischen uns dreien”, erklärte Sanford unlängst in einem Interview mit einem US-Blog. "Bisweilen singen Thalia und ich gemeinsam einen Song, ohne zu wissen, worüber der jeweils andere singt, aber wenn wir uns dann hinsetzen, um den Text aufzuschreiben, merken wir: 'Wow, das funktioniert!' Mit Thalia und Gavin zu spielen ist toll, weil ich ihr Schaffen schon so lange bewundere. Das inspiriert mich dazu, besser zu spielen." Die Freude des Trios daran, sich außerhalb seiner Wohlfühlzone umzuschauen und auszutoben, ist auf seinem LP-Erstling allgegenwärtig. Das Ergebnis ist eine oft aufrührerische Platte, die mit "The Candidate" auch einen beißenden Kommentar zur derzeitigen politischen Lage in den USA enthält. Für Thalia Zedek ist E nach mehr als 15 Jahren mit ihrer Thalia Zedek Band (die erst im Sommer das brillante Album "Eve" veröffentlicht hat) eine willkommene Gelegenheit, aus dem alltäglichen Trott auszubrechen. "Ich wollte, dass sich mein musikalisches Spektrum weiter verzweigt, damit ich als Musikerin wachsen kann", verrät sie uns im Gaesteliste.de-Interview. "Ich hatte das Gefühl, dass ich an einem Punkt angekommen war, wo ich das nicht in dem Maße tun konnte, wie mir das vorschwebte. Neue Dinge in Angriff zu nehmen, ist der beste Weg für mich, besser in dem zu werden, was ich tue. Am Ende des Tages befruchtet sich so die Arbeit mit meinen verschiedenen Projekten gegenseitig."
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Doch auch wenn für Zedek all ihre Bands (neben der TZ Band und E derzeit auch noch das experimentelle Trio Dyr Faser mit ihrem alten Mitbewohner Eric Boomhower und Kate Murray) Teil eines großen Ganzen sind, hat gerade E doch eine ganz eigene Identität. "Bei E ist der Schreibprozess ein völlig anderer, weil wir die Songs gemeinschaftlich entwickeln", erklärt sie. "Bei der TZ Band bin ich die alleinige Songwriterin. Also setze ich mich daheim hin und bringe dann einen fertigen Song mit zur Probe, den wir zusammen arrangieren. Manchmal kommt es vor, dass mir ein Riff in den Sinn kommt und ich mich frage, ob das nun für die TZ Band oder E sein soll, aber für gewöhnlich entstehen die Sachen von E, wenn wir alle gemeinsam im Raum sind." Bezeichnenderweise wurden zwei der Songs auf dem E-Debütalbum, "Silo" und "Treeline", gar nicht im Studio eingespielt. Sie entstanden live auf der Bühne während eines Auftritts im New Yorker Cakeshop Ende Oktober 2015. Doch diese Art der Unmittelbarkeit gefällt Zedek ganz besonders. "Ich mag Musik, die ganz schlicht gehalten ist", gesteht sie. "Ich frage mich immer: Wie sehr kann ich die Musik auf ihren Kern reduzieren, ohne dass sie an Gehalt verliert? Das zu erreichen ist mein Ziel."
Weitere Infos:
abandcallede.com
www.facebook.com/ABandCalledE
www.thrilljockey.com/artists/e-e
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Fotos: -Ben Stas-
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Aktueller Tonträger:
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(Thrill Jockey/Rough Trade)




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