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ANTILOPEN GANG
 
Raus aus unserem Hausflur, Eindringling!
Antilopen Gang
Genau so geht es, genau so muss man es machen. Die Antilopen Gang zeigt, wie Deutschrap funktioniert und dass Deutschrap politisch, intelligent, provokant und trotzdem humorvoll, unterhaltsam und am Ende einfach unfasslich aufregend sein kann. "Anarchie und Alltag" heißt das neue Album der drei Herren und es ist so gut. Es ist das Album, an dem sich alles messen muss. Und daran wird alles scheitern. Versprochen.
Panik Panzer, Danger Dan und Koljah liefern hier dermaßen hochklassige Sachen ab, dass man gar nicht weiß, was hier am Ende das Geilste ist. Sind es die famosen Texte, die zu keiner Sekunde belanglos oder peinlich sind, und mit denen sich die Gang hier auskotzt, mit denen sie anklagt, fordert, vorschlägt, erzählt und eben auch unterhält? Oder ist es die Musik, die immer wieder über den Rap-Rand schaut und so bei allen Beats und Raps so herrlich eigenständig und genau genommen einzigartig ist? Muss man sich nicht entscheiden, zusammen gibt’s das erste Album des Jahres. Mit vielen Songs des Jahres.

"Fiasko" kommt mit Latino-Momenten und wer einst Molotov feierte, der dreht hier vor Begeisterung durch. "Patientenkollektiv" oder "Flop" gehen dermaßen nach vorne, "Pizza" ist der beste Antilopen-Song der Welt (auch wenn die Band das anders sieht, siehe unten), im musikalisch kuscheligen "Tindermatch" suchen IS-Dennis und Pegida-Lutz die große Liebe, auch "Hilfe" chillt erst und dreht dann durch und disst Jochen Distelmeyer, während beim ebenfalls punkrockenden "Fugen im Parkett" Schorsch Kamerun mitmacht. Dabei ist der Song kein Teil der Punkrock-Bonus-CD, bei der die Antilopen Gang ihre eigenen Songs mit Leuten der Terrorgruppe, der Toten Hosen (bzw. ZK...), der Ärzte (bzw. Soilent Grün), Feine Sahne Fischfilet, Turbostaat, Fehlfarben oder Slime neu interpretiert. 14 Songs sind auf dem regulären Album, keiner dieser Songs ist schlecht, jeder hat seine Berechtigung. Wie es dazu kam? Erzählen uns Panik Panzer, Danger Dan und Koljah.

GL.de: Wie entsteht ein Album der Antilopen Gang? Schreibt jeder für sich und dann wird geschaut oder setzt man sich zusammen und legt gemeinsam los?

Panik Panzer: "Anarchie und Alltag" hat erst mal mit einer schlimm-lethargischen Phase angefangen, in der wir nicht vorwärts gekommen sind, was uns fast zerbrochen hätte. Die Rettung waren dann zwei Kurztrips in die brandenburgische Provinz, wo der Knoten endlich geplatzt ist.

Danger Dan: Wir haben tatsächlich versucht, dass jeder erst mal für sich schreibt. Die Ausbeute an Liedern, auf die wir uns als Gruppe dann einigen konnten, war sehr gering, daher erkannten wir, dass wir am besten sind, wenn alle in einem Raum sitzen. Plötzlich mochten die anderen dann auch die Lieder, die ich vorher vorgelegt hatte und behaupten nun, sie wären aus der Gruppe heraus entstanden. Das ist natürlich Lüge.

GL.de: Wann wusstet ihr, dass "Anarchie und Alltag" so werden wird, wie es am Ende geworden ist?

Koljah: Das wussten wir erst in dem Moment, als der letzte Song fertig war. Das war "Gestern war nicht besser" und der ist original drei Tage vor dem Album-Abgabetermin entstanden. Danach haben wir uns noch ein bisschen gestritten, welche Songs es aufs Album schaffen und welche nicht und als dieser Kampf ausgefochten war und die Track-Reihenfolge feststand, verstanden wir erst, was wir da für ein absurdes Gewächs erschaffen hatten.

Panik Panzer: Manchmal höre ich das Album und finde es unfassbar gut, dann gibt es wieder Tage, wo ich denke, dass das der Tiefpunkt unseres künstlerischen Schaffens ist. So schlimm war dieses Meinungsoszilieren noch nie.

GL.de: Worauf seid ihr besonders stolz? Und gibt es etwas, das ihr machen wolltet, was aber nicht geklappt hat?

Koljah: Dass ich nun ernsthaft Songs mit Campino und vor allem auch Peter Hein habe, darauf bin ich schon sehr stolz. Damit hab ich mir im Prinzip meine Lebensträume jetzt schon erfüllt, mit Anfang Zwanzig. Nina Hagen hat leider nicht auf unsere Anfrage reagiert.

Danger Dan: Ich wollte eigentlich mehr langweilige und stumpfe Popnummern schreiben, das wurde aber leider nichts. Darauf bin ich nun auch stolz.

Panik Panzer: Ich wollte, dass das Album weniger schmierig und poppig wird als das letzte. Hat auch nicht geklappt.

Stimmt ihr mir zu, dass "Pizza" der beste Antilopen-Song aller Zeiten ist?

Koljah: Nein.

Panik Panzer: Wird sich zeigen.

Danger Dan: Wir sind stolze Väter vieler von der Pieke auf aufgezogener Kinder und wir lieben sie alle auf eine andere Art. Ein paar unserer Söhne sind natürlich missraten und einige unserer Töchter machen uns nachhaltig Probleme und versauten unwiederbringlich den Ruf der Familie. Die Familie steht aber über allem in unserem plumpen Wertesystem. Kritik von außen wird vehement abgeschmettert, Kritik von innen darf nur hinter verschlossener Türe geschehen. Und jetzt raus aus unserem Hausflur, Eindringling!

GL.de: 14 Songs. Unzählige Lines und Reime. Muss da jeder von euch jedes Wort perfekt finden oder muss da auch mal Kompromisse eingehen?

Koljah: Puh, du willst nicht wissen, was wir für schlimme Diskussionen und Streits über die unwichtigsten Textzeilen haben. Teile von uns haben da hohe Ansprüche und alle reden allen rein und es muss am Ende allen gefallen. Das ist anstrengend und zermürbend, aber dadurch können wir ein relativ hohes Niveau halten, bilde ich mir ein.

Panik Panzer: Früher dachte ich auch, dass diese ewige Korinthenkackerei eine unsere Stärken sei. Mittlerweile bin ich aber am Boden zerstört.

Danger Dan: Wir haben auch schon Tauschgeschäfte gemacht, nach dem Motto: Wenn du diese und jene Textstelle änderst, die ich nicht mag, dann ändere ich diese andere Textstelle, über die wir gestern diskutiert haben. Antilopen-Songwriting ist ein einziger Basar voller Ramsch und Billigware. Verhandeln gehört mit zum Konzept.

Antilopen Gang
GL.de: Rappt jeder nur die Zeilen, die er auch selbst geschrieben hat?

Danger Dan: Nein, wir pfuschen uns ja gegenseitig rein.

GL.de: Wie kam es zum gemeinsamen Song mit Schorsch Kamerun?

Koljah: Wir haben Schorsch kennengelernt, als er in unserem Video zu "Verliebt" mitgespielt hat. Wir haben ihn dann eigentlich für die Punkrock-Platte angefragt, aber da hatte er keinen Bock drauf. Er fand es spannender, bei der Hip-Hop-Platte mitzumachen und so kam es dann auch.

GL.de: Ihr habt wieder mit Roe Beardie gearbeitet und einen Song mit Fatoni gemacht. Warum gerade diese beiden?

Danger Dan: Sonst mag uns halt keiner.

GL.de: Wer hat euch noch beim Album geholfen, mit wem habt ihr zusammen gearbeitet? Und wieso mit ihnen?

Danger Dan: Helmuth Fass hat Bass gespielt, weil er der beste Bassist ist, den wir kennen und ein langjähriger Freund und Unterstützer. Helmuth hat Hendrick Smock, den Schlagzeuger, angeschleppt, weil er sagte, dass er der krasseste Groove-Boss ist. Das stimmte auch. Dann haben wir Daniel Rickler für die Gitarren engagiert, der hat zwar Dreads und wohnt in Bayern, hat aber einen unglaublich souligen Sound, wie man ihn sonst selten findet. Da kann man über die Frisur und den bayrischen Akzent auch mal wegsehen.

Panik Panzer: Zwei Beats sind von Shuko und seinen Jungs, zwei weitere sind von Spexo aus der umtriebigen Kölner Büdchen Gang.

Koljah: Ansonsten wurden alle Instrumente der Punk-Platte komplett von Samuel Dickmeis alias Männi eingespielt, der bei Konzerten schon ein paar mal Schlagzeug für uns gespielt hat. Von ihm wussten wir, dass er das drauf hat und dass das Projekt für ihn eine ähnliche Herzensangelegenheit sein könnte wie für uns. Er hat sämtliche Songs wirklich in abstrus kurzer Zeit aus dem Boden gestampft und wir sind ihm deshalb zu ewigem Dank verpflichtet. Gleiches gilt für Michael Czernicki, der das Punk-Album bravourös gemischt hat und an unserem peniblen Detail-Gewichse trotz des sehr sehr straffen Zeitplans nicht verzweifelt ist. Er hat uns dann auch Rainer Kremer empfohlen, der die Platte gemastert hat.

GL.de: Wie reagiert das Label, wenn ihr mit Songs wie "Tindermatch" ankommt?

Panik Panzer: Gar nicht. Die sind zu sehr mit den anderen Bands beschäftigt. Wenn ihr das hier lest, ruft mal bitte an. Wir brauchen dringend neue Schuhe.

GL.de: Und wie reagiert ein Claus Lüer (Knochefabrik) oder ein Peter Hein, wenn die Antilopen Gang mit ihnen Musik machen will?

Koljah: Schönerweise hatten sie direkt Bock. Damit hätte ich gerade bei den Beiden, die ja gerne mal - warum auch immer - als "kompliziert" beschrieben werden, nicht unbedingt gerechnet. Generell waren wir oft erstaunt, dass quasi alle, die wir fragten, sofort zusagten. So wurden es dann immer mehr Songs und Gäste und wir wurden immer ungläubiger, dass unsere ganzen musikalischen Helden im Boot sind.

GL.de: Habt ihr die Songs für die Bonus-Punk-CD ausgewählt und dann die Gäste oder erst die Gäste und die suchten sich Songs oder wie lief das alles ab?

Koljah: Das war ein Wechselspiel. Wir haben uns überlegt, welche Gäste wir gerne dabei hätten und welche Songs wir gerne machen würden. Dann haben wir überlegt, welcher Song zu welchem Gast passt. Und die haben da bereitwillig mitgemacht.

GL.de: Gibt’s eine Chance, die Punksongs auch mal live zu erleben?

Danger Dan: Kommt einfach auf die Tour, dann werdet ihr euer blaues Wunder erleben.

Panik Panzer: Apropos "blaues Wunder". Ich werde die kommenden Konzerte vermutlich nüchtern bestreiten. Aber wenn ich dann zum Merchstand torkel, bin ich rotzevoll. Kommt vorbei!

GL.de: Was passiert sonst auf der kommenden Antilopen-Tour?

Danger Dan: Wir haben uns viel überlegt und tatsächlich ist es das erste mal, dass wir für irgendwas proben. Momentan funktioniert gar nichts, Panik Panzers Autotune-Gerät macht, was es will, die Musiker sehen aus wie die letzten Penner und ständig gibt's Raucherpause. Wenn der Plan aber noch aufgeht, wird es legendär.

Weitere Infos:
www.antilopengang.de
www.facebook.com/antilopengang
Interview: -Mathias Frank-
Fotos: -Robert Eikelpoth-
Antilopen Gang
Aktueller Tonträger:
Anarchie und Alltag
(JKP/Warner Music)




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