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NIKKI LANE
 
Zeit für große Fische
Nikki Lane
Dass das dritte Album der Indie-Alt-Country-Rock'n'Rollerin Nikki Lane "Highway Queen" heißt, kommt nicht von ungefähr. Denn nachdem die inzwischen in Nashville residierende junge Dame aus Greenville, South Carolina, 2014 unter der Regie von Dan Auerbach ihr zweites Album "All Or Nothing" einspielte, ging das so richtig los mit dem Leben auf der Straße. Es folgten nämlich diverse Touren, die Nikki auch in unsere Lande führte. Wenn man Nikki heutzutage fragt, was sie als größte Herausforderung als Songwriterin betrachtet, so antwortet sie: "Zeit zu finden, neue Songs zu schreiben" - denn das Leben als Roots-Rock-Profi ist schon ein anstrengender Fulltime Job.
Schließlich fand Nikki aber doch die Zeit, sich hinzusetzen und sich - leicht überhöhte - ansatzweise autobiographisch inspirierte Songs wie eben "Highway Queen" auf den Leib zu schreiben. Dass sie dieses Mal das Material - zusammen mit ihrem Songwriter-Kollegen Jonathan Tyler - sogar selbst produzierte, zeugt davon, dass Nikki Lane heutzutage genau weiß, was sie möchte. Kein Wunder, dass es in der Bio heißt, dass dieses Album Nikki zu ihrem Mainstream-Durchbruch verhelfen solle. "Darauf wurde ich schon des Öfteren angesprochen", meint Nikki mit einem selbstironischen Unterton, "das ist lustig. Ich lese meine Bios zwar, aber ich bekomme wohl nicht alles mit. Was ich nämlich gesagt habe ist, dass ich hoffe, dass das mein Mainstream-Durchbruch sein möge. Aber mal ernsthaft: Wie wahrscheinlich ist denn so etwas auf einem Indie-Label? Was ich aber wusste, ist, dass wir die Möglichkeit hätten, mit diesem Album wachsen zu können. Denn seit mein letztes Album herauskam, hat sich die Marktsituation insofern verändert, als dass es heutzutage im Großen und Ganzen tatsächlich mehr Raum für Musik, wie ich sie liebe gibt - sogar im Mainstream."

Die neue LP klingt in der Tat wie eine Sammlung zeitloser Instant-Klassiker. Denkt Nikki Lane eigentlich in Kategorien wie "Stil" oder "Genre", wenn sie ihre Songs einspielt? "Ich denke, die Antwort ist 'nein' - was ich selber interessant finde", überlegt Nikki, "ich schreibe einfach meine Songs und dann geht es darum, wen ich frage, wer mit mir spielen soll. Dadurch wird dann der Stil bestimmt. Ich habe festgestellt, dass Musiker im Studio dazu tendieren, mit Referenzen zu arbeiten - etwa in dem Sinne: Lass uns das ein wenig wie dieser oder jener Kollege machen. Ich mag so etwas eigentlich nicht so sehr und versuche das am liebsten zu vermeiden. Es passiert aber dann doch immer wieder, dass zum Beispiel ein Drumpart nach Neil Young klingt oder sowas - weil halt bestimmte Musiker mit bestimmten Arten des Klanges assoziiert werden. Die Lösung besteht dann darin, mich mit Musikern zu umgeben, die die Art von Musik verkörpern, die ich auch gerne mag und diese dann zu bitten, einfach dem Song zu folgen - und nicht zu sagen: Lass uns das wie JJ Cale machen. Denn ich denke, dass die Leute das merken würden und für mich ist es besser, wenn so etwas nicht durchklingt." Wie beschreibt denn Nikki ihren Musikern, was sie machen möchte? "Ich lasse es einfach nicht zu, dass sie Referenzen verwenden, sondern ich sage dann - lass es uns mehr wie einen Zug klingen oder so etwas. Alle Musiker, mit denen ich spiele, kennen mich und meine Musik - das hilft dann schon. Ich habe mich auch auf meinen Instinkt verlassen. Zum Beispiel indem ich meinen Musikern den Song auf der akustischen Gitarre vorgespielt habe und wir dann gemeinsam die Sachen korrigiert haben, die uns nicht gefallen haben. Wobei es mir nicht möglich ist zu sagen, wie etwas gemacht werden soll - ich kann immer nur sagen, was sich nicht richtig anfühlt. Für mich ist dabei ausschlaggebend, wonach der Song meiner Meinung nach verlangt. Das Ziel war, dass meine Musik nach mir klingen sollte - ohne Bezug auf jemand anderen." Das erklärt vielleicht auch, warum die neuen Songs zwar durchaus vertraut klingen, aber eben nicht nach konkreten Vorbildern oder Inspirationen.

Nikkis Rezept als Songwriterin scheint es dabei zu sein, eigene oder die Erlebnisse und Erfahrungen anderer zum Zwecke des Songwriting zu verstärken, um sie etwas größer und interessanter als das eigentliche Leben zu machen - so wie zum Beispiel die Titelheldin des Albums, die "Highway Queen"; die so etwas wie eine idealisierte Version ihrer selbst zu sein scheint. "Da stimme ich zu 100% zu", bestätigt Nikki, "hast du mal den Film 'Big Fish' gesehen?" Das ist ein Film von Tim Burton, in dem die Hauptperson, Edward Bloom (gespielt von Ewan McGregor) in fantastischen Rückblenden sein märchenhaft verklärtes Leben erzählt. "Ich habe mich als Teenagerin mit diesem Charakter identifiziert, als ich den Film im Kino gesehen habe", erinnert sich Nikki, "man hört sich diese Story an, die nicht wirklich glaubhaft wirkt, man fragt sich, ob es möglich war und kommt zu dem Schluss, dass es im Kern schon alles wahr ist - nur um des Dramas willen ein wenig aufgeblasen wurde, weil es so einfach mehr Spaß macht. Das ist es, was ich auch mit meinem Geschichten erreichen möchte. Und dann noch etwas: Wenn man alles immer wörtlich wiedergäbe, wäre das nicht nur zu langweilig, sondern man wäre als Geschichtenerzähler auch zu verletzlich."
Heißt das dann, dass sich Nikki besser fühlt, wenn sie eine neue Songsammlung wie "Highway Queen" geschrieben hat? "Ich denke sogar, dass ich mich sogar besser fühle, wenn ein Song fertig ist, weißt du?", beschreibt Nikki den Prozess, "die meisten Gefühle sind ja auch ein wenig flüchtig. Zum Beispiel wenn jemand stirbt und man sich dann in einer Art Schockstarre befindet. Das ist dann der Moment, in dem der Song entsteht und wenn man dann fertig ist, und den Song teilen kann, dann kann man sich auch mit dem Arrangieren, was den Song vielleicht ausgelöst hat." Wie schreibt Nikki - das eingedenk - dann mit anderen Musikern zusammen? "Das ist Freude und Folter zugleich", erklärt Nikki, "ich gehe heutzutage aber nicht mehr blind irgendwelche Kollaborationen ein, wie ich das früher gemacht habe. Ich weiß heutzutage genau, was ich suche, aber die Leute, mit denen ich dann zusammenarbeite, können verschiedene Dinge dazu beitragen. Wenn ich mit Jonathan Taylor arbeite, kann er mir bei den Melodielinien helfen, wenn ich mit Jeff Hyde oder Ryan Tyndell arbeite, dann können mir die bei den Texten helfen. Ryan Tyndell kann zum Beispiel den Song auf sehr subtile Weise verbessern. Jeff und Ryan sind auch beide unglaubliche Texter und ich denke, sie sind smarter als ich - weswegen ich gerne mit ihnen zusammen arbeite. Manchmal ist es auch organischer, indem mir einfach ein Kumpel an einer Stelle aushilft, an der ich mich festgefahren habe, indem sie mir zum Beispiel helfen, einen Übergang oder einen cleveren Akkord zu finden, ohne den der Song eben nicht so gut gewesen wäre, wenn ich ihn alleine geschrieben hätte." Was zeichnet einen guten Song dabei denn aus? "Also das hängt immer von dem Song ab", meint Nikki, "als ich mit Dan an meinem letzten Album arbeitete, habe ich die Black Keys aus einer eher kritischen Perspektive betrachtet und herauszufinden versucht, was der Unterschied zwischen ihrer Art Songs zu schreiben und meiner war. Dabei habe ich herausgefunden, dass auch die Black Keys unterschiedlich arbeiten - Dan schreibt Rock’n'Roll-Songs basierend auf starken Melodien und Patrick Carney schreibt super-smarte Stories. Ich möchte als Songwriterin in beide Richtungen gehen können. Ich möchte Songs wie '70000 Rednecks' schreiben, die total Spaß machen und Songs wie 'Lay You Down' mit einer guten Story-Line, die mit den richtigen, passenden Worten erzählt wird. Es ist also sehr unterschiedlich, was einen guten Song ausmachen kann." Was hat es eigentlich mit den besungenen 700000 Rednecks auf sich? "Das ist auf einer Party in New York entstanden, wo mich jemand fragte, wie viele Einwohner meine Heimatstadt Greenville hat - und ich habe im angetrunkenen Kopf geraten, dass es 700000 seien und gesagt, dass das alles Rednecks seien - obwohl es tatsächlich nur 60000 sind von denen auch nicht alles Rednecks sind. Ich fand den Gedanken aber ziemlich lustig und habe mir überlegt, was denn passieren würde, wenn mich tatsächlich 700000 Rednecks unterstützen würden und dann diesen lustigen Song darüber geschrieben." Das ist dann wohl ein weiteres Beispiel dafür, wie Nikki Lane ihre eigenen Erlebnisse größer als das Leben macht, um unterhaltsame Rock'n'Roll-Songs aus ihrem Umfeld extrahieren zu können. Was ist dabei die größte Herausforderung? "Überhaupt Zeit zu finden, Songs zu schreiben", meint Nikki, "ich bin zwar eine Fulltime-Musikerin - aber das bedeutet eben auch, dass dazu das ganze Umfeld gehört - das Touren, die Promotion und nicht zuletzt das normale Leben. Man versucht dann immer, eine ruhige Minute zu finden - aber das ist schwierig. Früher war das einfacher: Da hat man dann halt drei Tage lang Bier getrunken, und dann eine Scheibe rausgehauen. Aber heutzutage ist alles so durchorganisiert, dass es wirklich schwierig ist, Zeit zum Song-Schreiben zu finden. Man kann sowas ja auch schlecht planen, denn wenn man sich zum Beispiel vornimmt, einen Song um vier Uhr Nachmittags zu schreiben und dann nichts passiert, weil die Inspiration fehlt, bringt das ja auch nichts. Ich schreibe auch nicht konstant an Songs. Was ich tue, ist, meine Ideen ständig zu sammeln - aber ich brauche dann einfach Zeit, um diese ganzen Sachen und Ideen auseinanderzusortieren und in Songs umzusetzen." Was dabei herauskommen kann, demonstriert "Highway Queen" auf eindrucksvolle Weise. So - und nicht anders - sollte eine klassische Rock'n'Roll-Scheibe einfach klingen. Punkt.
Weitere Infos:
www.nikkilane.com
www.facebook.com/nikkilanemusic
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Jessica Lehrman-
Nikki Lane
Aktueller Tonträger:
Highway Queen
(New West/Pias/Rough Trade)




Nikki Lane

 
 

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