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DEAR READER
 
Im Fieberwahn
Dear Reader
Irgendwie hat sie es hinbekommen: Nachdem das letzte reguläre Dear Reader-Album (wenn man den Soundtrack des Films "Oh Boy" und die Konzertaufnahme mit dem Studio-Orchester Babelsberg nicht mitrechnet), die Hommage an Cherilyn MacNeils' südafrikanische Heimat "Rivonia" musikalisch eine vergleichsweise gelöste Angelegenheit gewesen ist, kommt das neue Album "Day Fever" tatsächlich noch düsterer, desolater und verstörender daher, als das diesbezüglich ja schon Maßstäbe setzende zweite Album "Idealistic Animals". Erstaunlich ist das allerdings heutzutage nicht mehr, denn Cherilyn hat schon mehrfach deutlich gemacht, dass es zwischen der humorvoll und zum Teil haarsträubend komisch daherparlierenden Bühnenpersona und der nachdenklichen, von Zweifeln und Unsicherheiten geplagten Songwriterin Cherilyn MacNeil durchaus einen Unterschied gibt.
Ihr selbst ist es zum Beispiel wichtig, festzuhalten, dass man ihr abnimmt, dass sie überhaupt Unsicherheiten und Zweifel hegt. "Die Leute glauben mir zuweilen nicht, dass auch ich mit Depressionen zu kämpfen habe", meint sie zum Beispiel entrüstet, "es heißt dann immer, dass ich so glücklich wirke und dass meine Augen so voller Leben seien. Dabei ist das doch nur eine Facette meiner selbst." Ihr ist auch klar, wie man die Sache früher wohl gesehen hätte: "Oh ich bin mir sicher, dass ich früher als 'hysterisch' diagnostiziert worden wäre", überlegt sie zum Beispiel. Das ist auch der Grund, warum das neue Werk "Day Fever" heißt. Denn "Day Fever" ist eine überholte Umschreibung des Begriffes "Hysterie", mit dem man im 18. und 19. Jahrhundert alle unliebsamen psychologischen "Auffälligkeiten" zusammenfasste, die insbesondere unliebsamen, widerspenstigen Weibsbildern innezuwohnen schienen. Das mal eingedenk ist es irgendwie auch kein Wunder, dass sich in den - zuweilen ganz schön kryptisch ausformulierten - Texten des neuen Dear Reader-Albums so ziemlich alle Psychosen und Phobien finden, mit denen man heutzutage so konfrontiert werden kann. Die Frage ist: Hat das was genützt? Geht es Cherilyn jetzt besser - nachdem sie sich das alles mal so von der Seele geschrieben hat? "Na ja, irgendwie geht es mir schon besser", zögert Cherilyn, "es geht halt um Dinge, die mich in den letzten Jahren begleitet haben - Depression und Ängste eben. Es hat vielleicht auch nicht geholfen, dass ich mich viel alleine zu Hause aufgehalten habe. Also ja: Mir geht es jetzt wieder besser - aber ich denke auch, dass ich gelernt habe, mit meinen Ängsten umzugehen. Als ich jünger war, haben mich solche Sachen öfter überwältigt. Heutzutage kann ich sie als das akzeptieren, was sie sind. Ich sage mir dann immer, dass die Sache nicht notwendigerweise so düster ist, wie ich sie in dem Moment sehe. Das hilft - aber es kann trotzdem ganz schön deine Wahrnehmung von dir selbst und der Welt durcheinanderbringen. Es ist immer noch nicht so besonders toll." Das heißt also, dass Cherilyns Ängste auch die Wahrnehmung ihrer Texte beeinflussen. Ist die Sache denn nun gegessen, nachdem sich Cherilyn das Ganze sozusagen von der Seele geschrieben hat? "Ich habe jedenfalls insofern Glück, als dass ich die Möglichkeit habe, diese Dinge auf kreative Weise verarbeiten zu können", überlegt sie, "ich denke aber nicht, dass sie dadurch verschwunden sind, sondern nach wie vor Teil meines Lebens sind. Ich denke aber, dass ich heutzutage zu einer Schlussfolgerung gekommen bin, mit der ich leben kann: Dass mir nämlich noch genügend Zeit bleibt, Dinge auszuprobieren und dass ich schließlich nicht alles, was ich machen möchte auch machen muss."
Musikalisch hat sich auf "Day Fever" eine ganze Menge getan. Denn nachdem sich Cherilyn zunächst eine ganze Zeit lang in ihrem Berliner Studio verkrochen hatte, entschloss sie sich, es unter der Obhut des Indie-Spezialisten John Vanderslice in dessen Studio in San Francisco ein Mal mit einem ganz neuen Ansatz zu versuchen. Anstatt wie bisher, die Songs im Patchwork-Verfahren zusammenzusetzen, wurden die neuen Tracks nun analog im Studio live eingespielt. Ist "Day Fever" dabei eigentlich genau das Album, das Cherilyn machen wollte - oder hat sich das so im Verlauf der Arbeiten ergeben? "Oh das hat sich definitiv während des Prozesses so ergeben", erläutert sie, "es hat eine ganze Weile gedauert. Ich habe dem Label Bescheid gegeben, dass ich Zeit bräuchte und habe das 'ok' bekommen - was einerseits natürlich toll war, aber andererseits dann auch die Gefahr barg, dass ich meine Perspektive verlieren könnte, wenn ich zu lange an dem Material arbeitete. Ich habe auch sehr nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten gesucht. Deswegen war es vielleicht ganz gut, als mein Labelchef mir vorschlug, dass ich es mal mit John Vanderslice in San Francisco versuchen sollte, nachdem ich mich langsam in meinen detaillierten Ideen zu verzetteln drohte - weil ich keine Klarheit finden konnte. Ich wusste zu dem Zeitpunkt tatsächlich nicht, welche Art von Scheibe ich machen wollte." Nach ihrem letzten Tonträger, "Rivonia", hatte Cherilyn noch vorgehabt, ein Album basierend auf Gesangsarrangements zu machen. "Ich habe auch viel mit Stimmen auf dem neuen Album gearbeitet - hatte aber noch keine Arrangements im Kopf", meint Cherilyn, "ich hatte zuvor schon mit Evelyn, aus meiner neuen Band, an Arrangements mit Synthesizern gearbeitet, woran ich auch sehr interessiert war. Für John waren diese Demos aber schon zu detailliert. Es ist dann alles sehr schnell passiert: Zehn Tage an einem Ort, wo ich noch nie gewesen war, mit diesem Mann, den ich noch nie getroffen hatte und mit Musikern, die ich nicht kannte. Es hieß dann: Spiel das - und das war es dann auch schon und es ging zum nächsten Stück. Für mich war das ein totaler Kontrollverlust." Ist das denn gut? "Es war sehr gut für mich", bestätigt Cherilyn, "aber es war auch sehr schwer. Aber ich habe John vertraut. Er hatte sehr viele Instrumente in seinem Studio - auch Synthesizer - und hat jede Menge Effekte verwendet und jede Menge Krach gemacht. Das Sounddesign ist ihm zu verdanken." Dazu gehörte auch, dass John keine Fehlerkorrekturen zuließ? "Es gab da z.B. diesen Moment, wo ich ein 's' nicht richtig ausgesprochen habe", erinnert sich Cherilyn, "John meinte dann, dass die Performance ansonsten doch gut und glaubhaft sei - da wolle ich doch nicht alles neu aufnehmen, nur um sowas hinzubekommen? Wir haben natürlich das natürlich diskutiert - weil ich ja ein Control-Freak bin - aber am Ende habe ich es zugelassen." Das Ergebnis ist am Ende ziemlich einzigartig - denn ein Sounddesign, wie es nun auf "Day Fever" zu hören ist, lässt sich schlichterdings in keine stilistische Schublade einsortieren. "Dabei kommen erstaunlich wenige Elemente zum Einsatz", führt Cherilyn aus, "vielleicht Drums, Stimmen, Synth und vielleicht noch eine Klarinette mit einem Effekt drauf - das ist dann schon alles. Ich mag, wie das alles klingt, weil es sehr eigen ist. Zum Beispiel scheint momentan ja jedermann auf Hall-Effekte und traumähnliche Stimmungen zu stehen. Und wir haben eine Scheibe fast ohne Hall-Effekte - außer vielleicht die des Raumes - gemacht. Es ist sehr trocken und direkt. Das ist fast ein wenig angsteinflößend - was aber gut zu den Inhalten passt, die auch sehr angsteinflößend sind und zu dem ganzen Prozess, der für mich angsteinflößend war."
Wie kommt es eigentlich, dass die Musik Cherilyns - anders als die Inhalte - auch dieses Mal überhaupt nicht depressiv, sondern sogar wunderschön und versöhnlich geraten ist? "Das ist so eine Dear Reader-Spezialität", meint Cherilyn, "ich weiß gar nicht, woran das liegt, aber ich denke es kommt von meiner gespaltenen Persönlichkeit, dass die beiden Aspekte am Ende dabei zum Vorschein kommen." Das geht dann sogar soweit, dass sich in den Texten dieses Mal - bei aller zur Schau getragenen Düsternis - auch geradezu komische Passagen finden. "Also Humor mag ich im Leben und ich mag ihn auch in der Kunst", meint Cherilyn, "und ich mag es überhaupt nicht, wenn Leute gar keinen Humor haben und vor allen Dingen nicht über sich selbst lachen können. Ich kann mich durchaus selbst betrachten, wenn ich mich in meinen Neurosen-Spiralen verheddere und das ganze dann lächerlich und lustig finden und ich bin froh, wenn du so etwas in meinen Texten finden kannst, denn es ist nichts, worüber ich nachdenke, wenn ich Texte schreibe: Ich versuche nicht, komisch zu sein." Das heißt, es sind also Zufallsprodukte? "Die meisten meiner Texte kommen so aus mir raus", berichtet Cherilyn, "und ich denke dann oft: Was zum Teufel bedeutet das jetzt wieder? Das ist wirklich eigenartig. Man erfühlt das mehr, als dass man es begreift. Es sind sicherlich Teile meines Lebens und Teile von Geschichten, die sich in meinen Texten finden. Aber ich erzwinge das nicht. Ich weiß nicht, warum ich dieses und jenes sage. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Kind viel Bibel gelesen habe oder viel Game Of Thrones angeschaut habe..." Womit wir wieder beim Thema wäre, denn dort heißt es ja gerne: "The Night Is Dark And Full Of Terrors..." und in der Bibel geht es ja auch zuweilen recht düster zu. Kann man die Texte Cherilyns denn irgendwie entschlüsseln? Was passiert zum Beispiel in Songs wie "Nothing Melodious", wo Cherilyn die Position mehrerer Charaktere einnimmt? "Das ist einer der kryptischeren Songs", gesteht sie, "für mich beschreibt er die Situation, wenn zwei Menschen nicht gut in einer Beziehung miteinander harmonisieren - was normal ist, wie ich denke. Manchmal fließt alles vor sich hin und manchmal hakt es und man weiß nicht warum. Ich nehme dabei manchmal die eine, und manchmal die andere Perspektive ein. Manchmal bin ich 'sie' und manchmal 'er' und manchmal bin ich gar nicht da. Es kommt immer drauf an. Nur ich weiß am Ende, ob ich es bin oder nicht. Sonst soll es aber niemand erfahren. Auch nicht meine Eltern, die mich immer sehr unterstützen und die immer involviert sein möchten. Ich möchte mich da nicht weiter erklären, weil ich mich eh immer schon so sehr öffne." Das muss ja auch nicht sein. "Nein - denn es ist auch ziemlich angsteinflößend, seine ganzen Neurosen offenzulegen. Ich überlege mir zuweilen auch, ob ich gar meine Stories ändern soll. Aber die Sache ist doch die: Es gibt doch viele Leute, die sich damit identifizieren können, denn jeder hat doch irgendwo Schwächen und hat Angst. Und am Ende sind wir doch alle irgendwie gleich und vielleicht ist es ja auch gut, verletzlich zu sein."

Ein Thema der Scheibe ist ja der Verlauf der Zeit. "Ja, denn ich denke, dass ich das als Teil meiner Psyche als Thema mit mir herumgetragen habe", erklärt Cherilyn. "die Idee, dass mir die Zeit davon läuft und dass ich älter werde, hat mich schon sehr beschäftigt. Ebenso wie das Gefühl, dass du das nicht kontrollieren kannst, sondern Teil dieses Marsches nach vorne bist. Als ich die Songs schrieb, hat mich das Thema ziemlich aufgeregt. Jetzt denke ich, dass ich eine sehr viel gesündere Einstellung dazu habe. Ich versuche nicht mehr die Sache wie Peter Pan aufzuhalten, sondern bin zu der Einsicht gelangt, dass ich ja durchaus noch jede Menge Zeit habe. Es liegt nur daran, dass unsere Kultur so von der Jugend besessen ist, dass ich das Gefühl hatte, keine Zeit mehr zu haben. Ich bin mit 33 also noch nicht am Ende angelangt. Ich musste mich nur von der Idee lösen, dass es eine Zeit-Grenze gibt." Das Thema Zeit hat ja auch diverse reizvolle Aspekte. "Ja, ich dachte zum Beispiel in der Richtung Zyklen der Zeit", berichtet Cherilyn, "das ist in Europa ausgeprägter als in Südafrika, weil wir keine richtigen Jahreszeiten haben. Je länger ich jedoch hier lebe, desto besser verstehe ich diese Dinge. Sogar Weihnachten bekommt für mich so eine neue Bedeutung - abgesehen von der religiösen Bedeutung, die mir nichts sagt. Aber die Sonnenwende bekam so für mich eine Bedeutung, die ich bisher nicht kannte. All das gehört ja zur Zeit und ich könnte mir die Zeit schon als eine Art Religion vorstellen - und ich denke, sie war das früher ja auch."

Was will uns eigentlich das Cover des neuen Albums sagen? Es gibt eine Art geometrisch angeordneter Farbexplosion zu sehen. Sieht so das Leben für Cherilyn MacNeil aus? "Nicht ganz", lacht Cherilyn, "das ist ein Quilt (eine Steppdecke). Ich suchte nach etwas, das irgendwie analog und handgemacht ist - weil die Musik ja auch diese Art von organischer Rauheit hat. Und ich habe diese Online-Community gefunden, die sich mit Quilts beschäftigt. Ich fand dann diese alte Schweizer Dame gefunden, die diesen Quilt gemacht hat und ich mochte ihn, weil er einerseits sehr modern aussieht, aber andererseits auch diese organische Qualität hat." Gibt es denn nun wieder musikalische Pläne für die Zukunft - oder möchte sich Cherilyn dieses Mal doch lieber nicht festlegen? "Nein, auf keinen Fall", meint sie, "ich meine, ich schreibe an neuen Songs, aber es gibt noch keine definitiven Pläne. Ich bin neulich zu einem Riesen Peter Gabriel-Fan geworden, weil ich zu einem Konzert eingeladen worden bin und ich mag die neue Scheibe von Beck, die ich sehr entspannend finde - aber ich denke nicht, dass ich selbst Musik wie diese machen könnte. Das will ich auch gar nicht. Man wird immer die zehn Jahre klassischen Klavierunterricht und all die Kirchenmusik, die ich in meinem Leben gehört habe, heraushören können - ich denke aber nicht darüber nach und ich versuche nicht, einen bestimmten Sound zu erzeugen." Vielleicht ist das ja das Erfolgsgeheimnis von Dear Reader, das am Ende dazu führt, dass Cherilyns Musik absolut einzigartig ist?

Weitere Infos:
www.dearreadermusic.com
www.facebook.com/dearreadermusic
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Ullrich Maurer-
Dear Reader
Aktueller Tonträger:
Day Fever
(City Slang/Universal)




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