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BOSS HOG
 
The Politics Of Dancing
Boss Hog
Nachdem Jon Spencer seit mehr oder minder 30 Jahren stets irgendwie gegenwärtig war - meist mit seiner Blues Explosion -, ist das mit dem anderen Projekt aus dem Hause Spencer nicht ganz so einfach: Boss Hog wurde von Jon und seiner Frau Cristina Martinez zwar bereits 1989 als eine Art Follow Up zu Pussy Galore, der ersten Spencer/Martinez-Kollaboration, ins Leben gerufen und ist seither als Band auch durchaus aktiv - nur eben nicht besonders konsequent. So erschienen bis 2000 zwar diverse EPs und drei reguläre Studio-Alben - nur gab es dazwischen immer wieder längere Pausen, in denen die Band auch als Live-Act nicht permanent zur Verfügung stand. Danach blieb es bis 2008 ganz still und nach ein paar erratischen Live-Auftritten verstummte die Band dann 2010 erneut. Nun - 17 Jahre nach dem letzten Tonträger - liegt mit dem "Brood"-Projekt (der EP "Brood Star" und der LP "Brood X", sowie der entsprechenden Tour-Aktivitäten) wieder ein Lebenszeichen von Boss Hog vor. Spencer machte in einem Radio-Interview dabei allerdings gleich deutlich, dass es sich hierbei keineswegs um eine Reunion handelt und Cristina bestätigt das, indem sie sagt, dass Boss Hog kein Projekt sei, bei dem es um das Geldverdienen geht, sondern um eines, das an der Freude des Tuns existiert. Umso bemerkenswerter, dass die Band, die neben Spencer und Martinez aus Drummerin Hollis Queens und Bassist Jens Jurgensen und seit 2009 auch aus Keyboarder Mickey Finn (den Cristina in Anbetracht der besonderen Boss Hog-Beziehungen zur Zeit-Thematik als "den Neuen" bezeichnet) besteht, in der ganzen Boss Hog-Historie als konstanter Faktor beständig gewesen ist.
Nun aber mal Butter bei die Fisch: Was will uns denn das "Brood"-Thema sagen? Doch nicht etwa, dass die Band 17 Jahre über den neuen Songs gebrütet hat, oder? "Das ist zumindest mal eine lustige Interpretation", lacht Cristina, "aber nein - 'Brood' bezieht sich auf eine Art von Insekten, die alle 17 Jahre aus der Erde krabbeln. Das ganze Projekt dreht sich dann um diese Zikaden-Art, die wir hier haben. Diese Zikaden werden nach ihren Generationen-Bezeichnungen klassifiziert. Es gibt die Klassen 1-10 - vielleicht sogar mehr. 2017 wäre zwar eigentlich die Generation sieben dran gewesen - aber wir fanden die zehn cooler - und das ist es was 'Brood X' bedeutet." Das sorgt dann doch für eine gewisse Erleichterung, denn die Abbildungen auf den Covers der EP und der LP deuteten auf ein Parasiten-Thema hin. "Ich glaube nicht, dass diese Zikaden parasitär sind", meint Cristina, "sie ernähren sich von Baumwurzeln, aber mehr in der Art einer Symbiose." Worüber singt Cristina eigentlich in ihren Texten? Damit ist nicht gemeint, dass ihre Texte unverständlich sind - sie sind aber auch nicht gerade selbsterklärend. "Wie meinst du das? Allgemein oder spezifisch?", fragt Cristina, "generell kann ich dir sagen, dass es mir um persönliche Gefühle geht, die es heraufzubeschwören gilt - manchmal durch ein Portrait und manchmal durch die Beschreibung einer Szenerie. Ich versuche, die Texte so allgemein zu halten, dass die Leute diese auch auf ihre eigenen Erfahrungen beziehen können. Die besten Songs sind immer die, die du auf dein eigenes Leben projizieren kannst und die dann das Selbe Gefühl auslösen, wie jenes, das der Interpret oder Autor im Sinn hatte." Gibt es dafür konkrete Beispiele? "Sicher", meint Cristina, "nimm zum Beispiel 'Elevator'. Das ist ein Song über eine Krise. Mein Körper reagiert zum Beispiel ziemlich physisch auf schlechte Nachrichten. Wenn ich etwas höre, was mich traurig macht, wo ich mich betrogen fühle oder etwas verliere, werde ich regelrecht krank und manchmal erstarre ich sogar im Angesicht schlechter Nachrichten. Ich arbeite in einem Gebäude des World Trade Centers - und dort gibt es immer Brandschutz- und Evakuierungsübungen. Mir ist dann irgendwann aufgefallen, dass es da eine Parallele zwischen der Energie einer Feuerübung und dem Körpergefühl, das ich bei schlechten Nachrichten empfinde. Es heißt da zum Beispiel, dass die Aufzüge im Brandfalle alle nach unten in die Lobby fahren und dann dort verbleiben, bis die Gefahr vorbei ist. Und so fühle ich mich persönlich in Stress-Situationen: Alles scheint nach unten zu sinken und dann zu verharren. Und dann braucht es eine Weile, alles wieder hochzufahren. Ich fühle mich also physisch betroffen. Und dieses Gefühl wollte ich in dem Song 'Elevator" anhand des Aufzugs-Vergleiches vermitteln: Wie der Körper auf Notsituationen und Krisenzustände reagiert." Das ist dann insofern interessant, als dass Cristina das in dem Song überhaupt nicht erklärt, sondern einfach beschreibt, wie ein Aufzug nach unten fährt. Für sie hat dann diese Situationsbeschreibung eine sehr spezifische Bedeutung, während der Zuhörer aber etwas ganz anderes aus dieser Beschreibung einer Aufzugsfahrt herauslesen kann - durchaus auch eine politische Aussage. Das gilt dann vermutlich auch für andere Songs auf "Brood X", oder? "Ja - obwohl manche Sachen auch ein wenig persönlicher sind, wie z.B. 'Signal'. Dabei geht es darum, durch Krisensituationen oder den täglichen Kampf ums Überleben zueinander zu finden - gar nicht mal auf einzelne Personen bezogen. Es geht darum, alles zu tun, um das zu erreichen, was man erreichen möchte - sei es eine Person, eine Idee oder ein Ziel." Okay - aber auch das kann man ja verallgemeinernd politisch interpretieren.
Es gibt aber auch tatsächlich persönliche Nummern auf der Scheibe - wie z.B. "17" - der erste Boss Hog-Walzer seit dem Track "Texas". "Ja, das ist ein Walzer, nicht wahr?", freut sich Cristina, "weißt du, dass wir es mittlerweile geschafft haben, '17' und 'Texas' auf der Bühne miteinander zu kombinieren? Wir haben 'Texas' immer schon mal spielen wollen, aber bislang ging das wegen der Streicher, die Mickey jetzt aber gesampelt hat. In der Tat ist '17' ein Stück, in dem es um das erwachsen werden geht. Als ich damals nach New York kam, war ich mit 19 ein wenig älter als in dem Song, aber als mein Sohn jetzt aufs College gegangen ist, habe ich darüber nachgedacht, wie ich damals nach einem Weg in der Welt gesucht habe. Viele Leute kommen - wie ich auch - nach New York mit Träumen im Kopf und suchen nach Antworten auf Fragen und nach Berühmtheit. Viele dieser Leute werden von New York dann aber geradezu aufgebraucht und ausgespuckt und davon handelt der Song." Wenn Cristina ihre Texte schreibt: Nimmt sie dabei einfach Dinge aus ihrer Umgebung oder konstruiert sie Szenarien? "Das ist eine gute Frage", überlegt sie, "die Art, auf die ich Texte schreibe geht so, dass ich spontan singe, was mir gerade einfällt, während wir an den Stücken arbeiten. Dabei sind wir ja noch ganz am Anfang. Das ist auch nicht besonders geplant. Wenn mir etwas daran gefällt, benutze ich das als Rahmen und versuche, dem Skelett dann Fleisch hinzuzufügen. Da arbeite ich dann ein wenig psychologischer und überlege dann, was Sinn macht und was es bedeutet." Egal wovon die Boss Hog-Texte jetzt nun handeln mögen (oder könnten): Es ist ja schon erstaunlich genug, dass es bei einer Musik, die betont auf Körperlichkeit und Dynamik setzt, überhaupt um relevante Inhalte geht. Wie sieht es denn mit der Musik selber aus? Was ist für Boss Hog hier das Ausschlaggebende? "Was dieses Mal im Studio einen Unterschied machte, war, dass Mickey Finn als Keyboarder neu in diesen Aufnahmeprozess einbezogen wurde und viel dazu beizutragen hat", führt Cristina aus, "denn jedes neue Mitglied bringt bei uns neue Aspekte ins Spiel. Sein Stil Keyboards zu spielen hat uns auf eine Art inspiriert, auf die wir ohne ihn nicht gekommen wären." Gibt es denn Musik, die Cristina selbst inspiriert? "Ich finde die Fat White Family toll", erklärt sie, "ich liebe die Energie, mit der sie performen - ihr joie de vivre und die Verrücktheit, die jede gute Band auszeichnen sollte. Und eine amerikanische Band namens Wild Bells, die ich mag. Ich finde auch Fever Ray spannend - dieses düstere, unheimliche und theatralische, das dieses Projekt auszeichnet - denn das ist auch immer ein Thema bei Boss Hog. Das heißt nicht, dass sich das auf unsere Musik direkt niederschlägt, denn bei uns geht es darum, zusammen zu schreiben in einem gemeinsamen Prozess." Das heißt also, dass es eine Boss Hog Art-Masterplan gibt? "Keineswegs", kichert Cristina, "wir haben überhaupt nicht versucht, etwas Bestimmtes zu machen. Ich wünschte mir, ich könnte dir sagen, dass das alles so geplant war - aber dem ist nicht so. Wir treffen uns, spielen zwei Stunden rum, hören uns an, was dabei herausgekommen ist und versuchen dann, die Stücke, die wir mögen, zu bearbeiten. Das ist alles sehr organisch und nicht vorausbestimmt." Was zeichnet einen guten Song dabei aus? "Etwas, was mich in Bewegung versetzt", meint Cristina, "ich möchte zu einem Song herumspringen und tanzen können. Ich kann sowieso nicht still stehen und brauche einen guten Beat und einen guten Rhythmus. Und inhaltlich sollte mich etwas interessieren und es sollte eine gute Story hinter einem guten Song stecken." Führt die Musik dabei so eine Art Eigenleben? "Ja, denn manchmal entsteht etwas ganz aus Zufall - wie z.B. im Falle von '17', das mittels einiger Geräusche entstand, die wir bei den Aufnahmen erzeugten."
Boss Hog
Wie geht es denn nun mit Boss Hog weiter? Gibt es wieder einen regulären Plan für die Zukunft? "Ich weiß nicht", überlegt Cristina, "im Moment gibt es keine Pläne etwas Neues aufzunehmen. Wir möchten jetzt erst mal gerne spielen. Vielleicht kommen wir ja am Ende des Sommers dazu. Mal sehen, was passiert. Ein richtiges Ziel habe ich nicht. Was ich an meiner Arbeit als Musikerin mag, ist die Möglichkeit, die Welt zu sehen und die damit verbundenen Möglichkeiten und Abenteuer. Wir waren zum Beispiel noch nie in Südamerika oder in Russland und ich möchte alle Teile dieser Welt sehen, bevor alles den Bach runter geht. Darum geht es mir." Cristina überlegt einen Moment und hat dann aber noch etwas Wichtiges hinzuzufügen. "Was mir noch besonders wichtig ist, ist die Leute auf sozialer Ebene zu aktivieren, der neuen Regierung entgegenzustehen", führt sie aus, "wir haben gerade einen Song für eine Kompilation namens 'Battle Hymns' beigetragen, die von Freuden von uns aus der Band Quasi aufgelegt wurde und wir überlegen uns ein politische Benefit-Show in New York zu spielen. Es sind je gerade ziemlich stressige Zeiten, die sehr von deiner Energie zehren und es ist wichtig, die Leute deshalb zu motivieren, für ihre und die Rechte derjenigen, die keine Rechte haben, zu kämpfen. Und natürlich für die Umwelt und die Erde, auf der wir ja nun mal alle leben." Nun - das ist ja bei uns ganz ähnlich. "Ich weiß - und seid versichert: Wir alle beten für euch und hoffen, dass ihr von unseren Fehlern lernen konntet. Wir zählen auf euch, dass ihr in Deutschland und Frankreich nicht den Weg geht, den wir gegangen sind." Mal sehen, was sich da machen lässt...
Weitere Infos:
www.facebook.com/BossHogOfficial
twitter.com/bosshogbitches
www.instagram.com/boss_hog_bitches
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Pressefreigaben-
Boss Hog
Aktueller Tonträger:
Brood X
(Bronzerat/Soulfood)




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