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DIRK DARMSTAEDTER
 
Eine große, schöne, weiße Wand
Dirk Darmstaedter
Seine Karriere als Popstar endete mit dem Aus seiner in den späten 80ern und frühen 90ern so erfolgreichen Band The Jeremy Days, doch die Popmusik hat Dirk Darmstaedter auch danach nie losgelassen, ganz egal, ob er seine Platte unter eigenem Namen, als Me And Cassity oder als Duo gemeinsam mit Bernd Begemann veröffentlichte oder als Gründer von Tapete Records Künstlern aller popmusikalischen Facetten eine Plattform bot. Jetzt verdichtet der in Hamburg heimische Troubadour mit dem Album "Twenty Twenty" die ersten zwei Jahrzehnte seiner Solokarriere mit 20 Liedern aus 13 Platten und blickt gelassen in die Zukunft. Zudem geht der Mann, den die New York Times einst "one of Germany's underground pop heroes" nannte, ab Ende März mit der neuen Compilation im Gepäck auch auf große Tournee - präsentiert von Gaesteliste.de. Zuvor jedoch nahm sich der smarte 51-Jährige die Zeit, unsere Fragen zu beantworten.
GL.de: Was macht dich derzeit als Musiker am glücklichsten?

Dirk Darmstaedter: Freiheit. Keinerlei Zwänge, den Vorstellungen von irgendjemandem genügen zu müssen. Mir geht es nur noch darum, die Songs zu schreiben und aufzunehmen, die mir wichtig sind. Für alles andere habe ich keine Zeit oder Geduld. Frei nach Mark Manson: "I just couldn't give a fuck." (Tolles Buch: "The Subtle Art Of Not Giving A Fuck" von Mark Manson)

GL.de: "Das Älterwerden steht Dirk Darmstaedter gut zu Gesicht" schrieben wir letztes Jahr - siehst du das selbst auch so?

Dirk Darmstaedter: Hm... och. Kommt auf die Tageszeit, Stimmung und etwaige planetarische Konstellationen an, schätze ich. Aber generell habe ich gar kein Problem, älter zu werden.

GL.de: Passend zum Albumtitel: "Hindsight is 20/20" heißt es im Englischen. Wenn du speziell auf die letzten 20 Jahre zurückblickst: Was würdest du heute anders machen?

Dirk Darmstaedter: Vieles, gar nichts, alles, manches, aber eventuell nichts davon. Rückblickend kann man natürlich an jedem Song, an jeder Idee rummäkeln. Bei den meisten Entscheidungen habe ich bestimmt auch ein paar Details vergessen oder verdaddelt. Aber das ist nicht schlimm. Es geht auch nicht darum, die Sachen 100% richtig hinzubekommen, sondern sie überhaupt hinzubekommen, sie anzugehen. Und das habe ich getan. Meistens. Oft. Manchmal aber auch nicht. Und DAS wäre dann das einzige Problem, wenn überhaupt.

GL.de: Rund drei Jahrzehnte nach deinen ersten Platten bist du immer noch da, während es die meisten anderen Künstler, die mit dir zusammen angefangen haben, längst in die Werbeagenturen und die Zeitungsredaktionen geweht hat, wie Tilman Rossmy das mal umschrieben hat. Was hat dich all die Jahre bei der Stange gehalten?

Dirk Darmstaedter: Ich bin relativ stur, und wahrscheinlich interessiere ich mich einfach zu wenig für alles, was nicht mit Musik zu tun hat, um eine anderweitige Karriere überhaupt je angedacht zu haben.

GL.de: Hast du zwischendurch auch mal Phasen gehabt, in denen du ernsthaft darüber nachgedacht hast, alles hinzuwerfen und etwas ganz anderes zu machen?

Dirk Darmstaedter: Nein. Nie. Warte, doch... Mit zwölf Jahren war mein Plan B, mich nach Monte Carlo abzusetzen, um dort sehr gut sitzende weiße Anzüge zu tragen und auf einer großen Jacht anzuheuern. Abends dann im Casino rumhängen, Whisky Sour trinken und Prinzessin Stephanie von Monaco ("Irresistible") kennenlernen.

GL.de: Es wird ja ganz allgemein viel über den Zusammenbruch der traditionellen Musikindustrie gemeckert, aber zumeist tun das Leute in den besten Jahren, die die kommerziell guten Zeiten des Business noch miterlebt haben, während viele Jüngere kreativ mit den neuen Umständen und den sich durchaus auch bietenden neuen Chancen umgehen. Ganz platt gefragt: War früher wirklich alles besser?

Dirk Darmstaedter: Nein. Doch. Vielleicht. Jüngere müssen wohl auch "kreativ mit den neuen Umständen und den sich durchaus auch bietenden neuen Chancen" umgehen. Das ist deren Job. Ich habe mich u.a. zwölf Jahre als Tapete-Chef mit dem "Zusammenbruch der traditionellen Musikindustrie" auseinandergesetzt und versucht, dem etwas Positives, Kreatives, Aufregendes entgegenzusetzen. Denn jeder Niedergang ist auch ein Neuanfang. Klar. Und nun? Nun geht die Verwandlung weiter, denn von der "traditionellen Musikindustrie" ist eh nichts mehr übrig.

GL.de: Wie verändert sich deiner Erfahrung nach die Balance, wenn der Songwriter plötzlich auch Labelmacher ist? Werden da manche Songs nicht geschrieben, weil noch eine Excel-Liste für den Vertrieb fertig werden muss?

Dirk Darmstaedter: 1987 war meine Jobbeschreibung, in der Küche an der Akustikgitarre Songs zu schreiben. Dirk 2.0 baut noch mal eben die neue Website, bearbeitet in Photoshop die neuen Pressefotos, lädt die Mixes bei MPN (Radio- und Presse-Bemusterung) hoch, geht den Promo-Plan mit dem Vertrieb durch, rechnet 127-seitige Streaming-Abrechnungen durch (wo am Ende meist eh nur 12,38 € bei rauskommt) etc. etc., BEVOR er dann in der Küche an der Akustikgitarre Songs schreibt. Das muss man wollen. Ich sehe das sportiv. Aber ich versteh auch, dass sich manche darin verlieren könnten.

GL.de: Wenden wir uns der Musik zu: So unterschiedlich die Lieder auf "Twenty Twenty" auch sein mögen - im Kern sind es doch alles zeitlose Popsongs. War das von Anfang an ein Konzept, das du sehr bewusst verfolgt hast, oder ist dir der rote Faden selbst erst später aufgefallen?

Dirk Darmstaedter: Popmusik hat mein Leben gerettet. Nicht mehr, nicht weniger. Intelligente, große, wundersame, verrückte, enthemmte Popmusik. Brian Wilson, The Smiths, Lloyd Cole, Burt Bacharach... Dass daraus mal ein roter Faden wird, war mir nicht klar, oder egal. Ich kann gar nicht anders. Ich LIEBE Popsongs!

GL.de: Gibt es den perfekten Popsong? Oder gibt es für dich zumindest ein leuchtendes Beispiel im Sinne von "Ja, da möchte ich mit meinen Sachen auch hin"?

Dirk Darmstaedter: Klar. Beach Boys, Smiths, Kinks, Zombies, R.E.M. etc. sind ALLE leuchtende Beispiele. Aber was das genau ist, der "Perfekte Popsong", wird für immer unklar bleiben. Das ist ja auch Teil der Perfektion. Das ist nie wirklich zu greifen.

GL.de: Wenn du dich hinsetzt, um einen Song zu schreiben - was ist der größte Unterschied zwischen heute und damals?

Dirk Darmstaedter: Vom Prinzip her nicht viel. Ich klimpere auf allem herum, was im Hause so rumliegt. Gitarren, Bässe, Drums, Flöten etc. Nur, dass ich jetzt ein paar Maschinen mehr hab als vor 20 Jahren.

GL.de: Anders gefragt: Was hat der Dirk Darmstaedter des Jahres 2017, was er 1997 noch nicht hatte?

Dirk Darmstaedter: Eine größere Unbeschwertheit, "Nein" sagen zu können. Eine aktuelle Version von Logic Pro X. Eine Martin D-18.

GL.de: In Kürze startet deine nächste Tour. Wenn du heute live spielst, ist von Wohnzimmern bis zu traditionellen Rockschuppen alles dabei. Aber wie stellst du dir den idealen Auftrittsort vor, wenn du deine Augen schließt?

Dirk Darmstaedter: Ich mache die Augen zu und sehe eine kleine Bühne. Ordentliche Mikros. Licht, welches mich nicht blendet. Monitor-Boxen, die nicht wehtun. Der Bühnensound ist prima und klar. Das Publikum sitzt. Es sind so um die 80 Leute gekommen. Ganz unterschiedliche Leute. Einige kennen meine Songs. Einige nicht. Es wird Bier und Cola getrunken. Das Publikum und ich freuen uns, hier zu sein. Und dann... mal schauen.

GL.de: Du bist jemand, der sein Konzertprogramm stets mit viel Bedacht zusammenstellt. Deine Songs und die Geschichten bei den Ansagen ergeben einen oft bemerkenswert bruchlosen Fluss. Ist das etwas, das dir nach all den Jahren leichtfällt, oder ist das im Vorfeld harte Arbeit für dich?

Dirk Darmstaedter: Beides. Aber so richtig anstrengend ist das auch nicht. Man muss sich nur immer wieder daran erinnern, dass es auf der Bühne keine "Fehler" gibt. Das macht einen frei. Dann kann man Spaß haben.

GL.de: Hast du Vorbilder für deine Herangehensweise an die Konzerte? Warst du mal auf einem Konzert eines anderen Künstlers und dachtest: "Wow, genau so möchte ich meine Musik auch präsentieren"?

Dirk Darmstaedter: Klar. Aimee Mann hatte mal einen Komiker mit auf Tour. Ihre melancholischen Songs und zwischendurch kaspert so einer rum. Toll. Bernd Begemann. Immer ein Freude! Chaotisch, frei, ungehemmt, großartig. Morrissey: Spartanisch, großmäulig. Van Morrison: Schlecht gelaunt, wortkarg und arrogant. Niels Frevert: Still. Etc., etc. Da kann man immer wieder was lernen.

GL.de: Dieses Jahr feiern auch die von dir veranstalteten "Hootenanny"-Abende im Kukuun in Hamburg ihre Wiederauferstehung. Was gibt dir die Reihe, was dir deine Tourgastspiele nicht geben?

Dirk Darmstaedter: Einen wiederkehrenden Ort. Wechselnde Gäste. Unklares Programm.

GL.de: Mit "Twenty Twenty" setzt du nun eine Zäsur. Jetzt sitzt du praktisch wieder vor einer weißen Leinwand. Hast du schon Bilder für die Zukunft im Kopf?

Dirk Darmstaedter: Nein. Keine. Vor ein paar Jahren hätte mir das große Sorgen bereitet. Jetzt nicht. Es gibt da nur diese große, schöne, weiße Wand.

GL.de: Letzte Frage: Du bist bekannt, aber nicht berühmt - Segen oder Fluch?

Dirk Darmstaedter: Ich kenne viele tolle Musiker und Künstler, die genauso hart arbeiten wie ich und nie, nie nur ein Fünkchen Aufmerksamkeit bekommen, geschweige denn je von ihrer Kunst leben könnten. Ich empfinde es definitiv als Segen, dass ich nach all dieser Zeit weiterhin tun und lassen kann, was ich will, und so leben kann, wie ich das möchte. Jeder andere Gedanke wäre von daher echt schäbig und undankbar.

Weitere Infos:
www.dirkdarmstaedter.com
www.facebook.com/pages/Dirk-Darmstaedter/144543268935944
twitter.com/d_darmstaedter
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Dirk Darmstaedter
Aktueller Tonträger:
Twenty Twenty
(Beg Steal & Borrow/Indigo)




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