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SIMON JOYNER
 
Zwischen Respekt und Erfindungsgeist
Simon Joyner
Psst, wir verraten euch ein Geheimnis! So einen wie Simon Joyner, den gibt es kein zweites Mal! Seit fast 25 Jahren ist der Singer/Songwriter aus Omaha, Nebraska, nun schon unterhalb des Radars des Mainstreams unterwegs, dabei hat sein Einfluss längst große Kreise gezogen - ohne ihn kein Conor Oberst, kein Beck, das ist mal sicher! Trotzdem weiß bis heute nur eine kleine Schar getreuer Fans: Der 46-jährige Amerikaner ist der Dichter unter den Liedermachern, ein echter Tausendsassa, dessen Musik oft betont simpel gestrickt ist und sich eines scheppernden DIY-Lo-fi-Sounds bedient, dessen nicht selten ellenlange Texte aber so wortgewandt, so intensiv, so packend sind, dass sein imposantes Storytelling selbst Vergleiche mit den ganz Großen, den Dylans, den Cohens, den Van Zandts, nicht scheuen muss. Im August veröffentlicht er ein Doppelalbum mit neuen Songs aus eigener Feder namens "Step Into The Earthquake", zuvor allerdings erscheint eine selbst für Joyner ungewöhnliche Kollaboration mit seinem Tourkumpel David Nance. Gemeinsam coverten sie das komplette Rolling-Stones-Album "Goats Head Soup", und beim Hören der spürbar rauer und gewagter ausgefallenen Versionen der Grimmer Twins, wie sich die beiden in Anlehnung an den Jagger/Richards-Spitznamen The Glimmer Twins augenzwinkernd nennen, ist bisweilen nicht ganz klar, ob sie den 1973 in Jamaika eingespielten Nachfolger des Jahrhundertalbums "Exile On Main Street" nun lieben oder hassen. Gaesteliste.de wollte es ganz genau wissen und sprach mit Joyner nach seinem feinen Konzert in der Düsseldorfer Kassette Ende April über das Album, das dieser Tage in streng limitierter Auflage auf dem von ihm mitinitiierten Label Grapefruit Records erscheint.
GL.de: Ganz allgemein - was macht für dich eine gute Coverversion aus?

Simon Joyner: Eine gute Coverversion besteht für mich zu gleichen Teilen aus Respekt und Erfindungsgeist. Es geht darum, sich den Song zu eigen zu machen, aber gleichzeitig auch eine gewisse Achtung vor dem Material aufzubringen. Ein Cover, das ich nicht mag, ist zum Beispiel die Dinosaur-Jr.-Version von Neil Youngs "Lotta Love", mit der sie sich offensichtlich über den Song lustig machen. Dabei war ich ein Fan von Dinosaur Jr., nur diese Coverversion mochte ich nicht! Schlechte Cover sind immer die, die genauso klingen wie das Original - und ich habe mich da selbst auch schon schuldig gemacht, als ich Townes Van Zandt gecovert habe. Aber manchmal ist ein Song so heilig, dass du dich einfach nicht überwinden kannst, ihn groß zu verändern, weil du das Original so liebst und man daran eh nichts mehr verbessern kann.

GL.de: Wenn "Lotta Love" ein negatives Beispiel ist, was wäre dann für dich ein gutes?

Simon Joyner: Ich mag Roberta Flacks Versionen von Leonard Cohens Songs, die genauso wunderschön sind wie seine, aber in ihrem eigenen Stil!

GL.de: Ganz ehrlich, wir hätten dich nicht unbedingt für einen Rolling-Stones-Fan gehalten. Wie ist es zu der Cover-Platte gekommen? War das einer dieser Momente auf Tour mit Dave, als ihr um 2.00 Uhr morgens nach ein paar Drinks gedacht habt: "Warum eigentlich nicht?"

Simon Joyner: Oh, ich liebe die Rolling Stones, aber ich mag das "Goats Head Soup"-Album nicht, vor allem, weil die Band darauf so klingt, als interessiere es sie nicht. Zu unserer Version der Platte kam es tatsächlich nach ein paar Drinks. Dave und ich wollten gemeinsam auf Tour gehen und wollten deshalb eine gemeinsame Tour-only-CD machen. Die erste Idee war, das erste Velvet-Underground-Album zu covern, aber das war mir zu offensichtlich. Ich wollte eine Platte covern, die nicht großartig ist, und wollte versuchen, etwas Großartiges daraus zu machen. Weil Pussy Galore ja mal "Exile On Main Street" gecovert hatten, sagten wir uns: "Lass uns das machen, aber mit einer Platte, die nicht so gut ist!" Für manche mag es blasphemisch klingen, "Goats Head Soup" als "nicht großartig" zu bezeichnen, aber ich bin überzeugt davon, dass die Platte das nicht war. Ich habe das Gefühl, dass Keith Richards an dem Punkt einfach aufgegeben hat und zu Jagger gesagt hat: "Nach all den Streitereien über die Jahre hab ich es nun satt, die Band gehört nun ganz dir!", und ihm damals einfach die Führung überlassen hat.

GL.de: Wie seid ihr die Arbeit angegangen? Du hast eingangs erwähnt, dass Respekt vor den Songs wichtig ist. Wie ist das bei einer Platte, die man gar nicht so richtig mag?

Simon Joyner: Als wir die Platte angegangen sind, haben wir schnell gemerkt, dass die Songs eigentlich ziemlich gut sind und lediglich die Performance uninspiriert war. Die einzige Ausnahme war "Hide Your Love". Der Text ist fürchterlich, die Melodie auch - wir standen echt auf dem Schlauch und wussten nicht, was wir damit machen sollten! Der Song ist so schlecht, dass ich am Ende einfach selbst einen neuen mit dem Titel geschrieben habe. Bei allen anderen Liedern wurde uns schnell klar, dass sie eigentlich gut waren, von der Band aber nicht so behandelt wurden. Sie mussten einfach nur von jemandem gespielt werden, dem nicht alles egal war. In einigen Fällen war auch die Produktion einfach Schrott, da mussten wir an den Texten und Melodien nicht viel drehen, sondern die Lieder einfach auf etwas interessantere Weise aufnehmen. Das Ganze war letztlich leichter, als ich erwartet hätte! Wir haben sie einfach so gespielt, wie wir diese Lieder gerne hören würden, so, wie sie geklungen hätten, wenn sich die Stones mehr Mühe gegeben und es von Anfang an richtig gemacht hätten.

GL.de: Eure Version klingt ziemlich ungehobelt und schmutzig. Liegt das nur daran, dass ihr sie vermutlich sehr schnell aufgenommen habt?

Simon Joyner: Nun, die Platte ist nun mal gewissermaßen ein zügelloser Rock-Klassiker. Wir wollten daraus einfach eine schmutzige Rock'n'Roll-Platte machen, eine fiesere, experimentellere Version dessen, was die Stones gemacht haben. Zügellos war auch das, aber auf DIY-Homerecording-Art! Viele unserer Entscheidungen waren ziemlich extrem, und wir haben uns während der Aufnahmen gegenseitig angestachelt, die Songs so sehr wie möglich zu ramponieren, um sie interessanter zu machen.

GL.de: Eure Version hat zwei verschiedene Covergestaltungen. Für die CD habt ihr das Original mit schwarzen Balken über den Gesichtern der Stones verwendet, für die LP habt ihr die Vorlage mit neuen Karikaturen nachempfunden…

Simon Joyner: Die Bilder für die LP stammen von unserer Freundin Christine Stormberg. Sie ist Performance-Künstlerin, aber auch eine großartige Malerin. Sie malt diese sehr realistischen Grotesken von Menschen, ein bisschen so wie Otto Dix, dessen Werkschau ich hier gerade in Düsseldorf gesehen habe. Ihre Arbeiten sind hochdetailliert und sie lässt die Leute betont unvorteilhaft wirken - so, wie die meisten Menschen nun mal wirklich aussehen. Ich habe sie gebeten sich vorzustellen, wie die Stones von heute die sexy Posen des Covers von damals einnehmen, aber ohne den Heroin-Chic!

Simon Joyner und David Nance touren im Herbst gemeinsam durch Europa.

Weitere Infos:
facebook.com/simonjoynermusic
simonjoyner.bandcamp.com
grapefruitrecordclub.com/t/simon-joyner
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Simon Joyner
Aktueller Tonträger:
Goats Head Soup
(Grapefruit Records/Import)


Simon Joyner

 
 

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