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WAXAHATCHEE
 
Kopf aus, Herz an!
Waxahatchee
Ursprünglich hatte Katie Crutchfield im Kopf, ihr viertes Album als Waxahatchee ganz sparsam im Stile von Sun Kil Moons Großtat "Benji" klingen zu lassen, doch es kam anders. Nach einigen Irrungen und Wirrungen in ihrem privaten Umfeld setzt die 28-jährige Amerikanerin für "Out In The Storm" nun auf von John Agnello mit viel Wumms produzierte Gitarren-Indierock-Songs, nachdem auf dem Vorgänger "Ivy Tripp" noch in Piano und Synthesizer-Sounds getauchte Melancholie im Mittelpunkt gestanden hatte. Das mitreißende neue Album dagegen ist ihre große Rock-Platte, und obwohl die LP musikalisch deutlich fokussierter als der stilistisch ausufernde Vorgänger ausfällt, ist das Gefühlsspektrum nichtsdestotrotz merklich breiter.
Katie Crutchfield hat aufgeräumt in ihrem Leben: Mit wuchtigen Indierock-Songs, frisch getanktem Selbstvertrauen und ihren bisher persönlichsten Texten zeichnet sie auf dem mitreißenden neuen Album die für sie nicht immer leichten letzten Jahre nach und klingt dabei wie eine Frau, die ihren Platz im Leben gefunden hat. Das inzwischen vierte Waxahatchee-Album ist der vorläufige Höhepunkt der rasanten Entwicklung der liebenswerten Amerikanerin, die einst in der gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Allison gegründeten DIY-Punk-Band P.S. Eliot begonnen, aber erst mit den grundverschiedenen, aber allesamt ausgezeichneten Waxahatchee-Alben wirklich Fahrt aufgenommen hatte. Crutchfield selbst bezeichnet die neue, betont autobiografische LP als "eine sehr ehrliche Platte über eine Zeit, in der ich nicht ehrlich zu mir selbst war." Gemeint ist damit nicht zuletzt die in die Brüche gegangene Beziehung zu Keith Spencer, der privat und musikalisch lange Zeit stets an ihrer Seite war und auf der neuen Platte ebenso mit Abwesenheit glänzt wie ihr bisheriger Co-Produzent Kyle Gilbride, der Ex-Freund ihrer Zwillingsschwester.

Bei "Out In The Storm" saß die ursprünglich aus Alabama stammende Crutchfield nun erstmals allein "am Kopf des Tisches", wie sie es im Gespräch mit Gaesteliste.de selbst ausdrückt - und deshalb war ihr anfangs schon ein wenig mulmig. "Zunächst hatte ich ein wenig Angst davor, alles allein stemmen zu müssen", gesteht sie. "Aber das Wissen, dass meine üblichen Mitstreiter dieses Mal nicht mit mir in einem Raum sein würden, hat mich dazu gebracht, mich richtig gut vorzubereiten, und ich denke, das hat sich ausgezahlt. Ich habe dafür getan, dass die Band wirklich bereit ist, und mir die Songs haargenau aus jeder erdenklichen Perspektive angeschaut, nachdem die Demos fertig waren und wir sie gemeinsam ausgearbeitet hatten. Ich habe auch viel mit Katie Harkin gesprochen, die dieses Mal Gitarre spielt. Ich denke, dass sich das ausgezahlt hat. So hat die Band die Songs live aufgenommen, obwohl das eigentlich gar nicht geplant war, denn ich hatte den Musikerinnen zuvor gesagt, dass sie sich keine Gedanken um das Zusammenspiel machen sollten, sondern sich auf das Schreiben ihrer eigenen Parts konzentrieren sollten!" Jetzt ist es allerdings gerade der ungezwungene Live-im-Studio-Vibe ihrer um die bereits erwähnte Katie Harkin (Sky Larkin, Sleater-Kinney) erweiterte Touring-Band, der auf "Out In The Storm" für ungeahnt viel Rasanz und bisher unbekannten Drive sorgt.

Die Idee, die neuen Lieder live und direkt aufzunehmen, stammte von Produzent John Agnello, der vom Fleck weg zu einem wichtigen Verbündeten für Crutchfield wurde. "John schlug vor, dass wir einfach mal versuchen sollten, live aufzunehmen, und als er uns hörte, meinte er sofort: 'Ihr klingt wirklich toll!' Da wurde mir erst klar, dass wir wie die Verrückten geprobt hatten und perfekt vorbreitet waren!" Als ausgewiesener Experte für einen amtlichen Gitarrensound - zu seinen früheren Kunden gehören neben vielen anderen Sonic Youth, Dinosaur Jr. und Kurt Vile - sorgte er dafür, dass das neue Waxahatchee-Album dem Bühnensound der Band näher kommt als die hochgelobten Vorgängerwerke. Das sieht auch Crutchfield selbst so. "Waxahatchee live zu sehen, war bislang immer etwas vollkommen anderes, als die Platten zu hören, weil stets eine so große Lücke zwischen dem Hörer und der Band klaffte, da die bisherigen Alben immer sehr trocken und verhalten klangen", erklärt sie. "Das war durchaus beabsichtigt, aber dieses Mal wollte ich auch auf Platte die Energie einfangen, die meine Mitstreiter auf der Bühne entwickeln, und die Songs, die ich schrieb, waren wie gemacht dafür!"

Obwohl Crutchfield eigentlich dafür bekannt ist, sich eher zu viele Gedanken zu ihren Songs zu machen, klingen viele Stücke auf der neuen LP herrlich unkalkuliert, als hätte ihr Motto gelautet: "Kopf aus, Herz an!" Fast möchte man meinen, dass ihre letzte LP, "Ivy Tripp", eine Platte war, die sie machen wollte, "Out In The Storm" dagegen ein Album ist, das sie machen musste. "Das war in der Tat so", bestätigt sie. "Ich hatte bei den Songs, die ich schrieb, ein wirklich gutes Gefühl. Aber anders als in der Vergangenheit habe ich nicht alles bis ins Detail durchdacht, weil mir bewusst ist, dass ich das zuvor bisweilen etwas übertrieben habe. Dieses Mal sprudelten die Songs nur so aus mir heraus, und es war ein konstanter Prozess, in dem immer wieder neue Dinge geschahen. Alles fühlte sich völlig natürlich an und ich war richtig aufgekratzt ob der Ideen für Melodien, die mir kamen, und für die Texte, die ich schrieb."

Das Herzstück der Platte ist fraglos der Song "Sparks Fly", auch wenn Crutchfield das zunächst gar nicht klar war. "Mir ist das erst bewusst geworden, als das Lied seinen Platz auf dem Album gefunden hatte", verrät sie. "Ich hatte das Gefühl, dass der Text und die Melodie richtig gut waren, aber wusste lange nicht, was ich mit dem Song anstellen sollte. Tatsächlich haben wir zwei grundverschiedene Versionen davon aufgenommen, eine echte Rockbandversion und dann die Fassung, die letztlich auf der Platte gelandet ist. Inzwischen ist der Song einer meiner Favoriten. Er fühlt sich in der Tat wie das Herzstück an und es freut mich sehr, dass das auch so rüberkommt."

Ein Grund dafür ist die veränderte Perspektive im Text. Während die meisten anderen Lieder in Crutchfields Repertoire Beobachtungen anderer Menschen und ihres Tuns sind, dreht sich "Sparks Fly" um sie selbst. "Ja, das spielt auf jeden Fall eine Rolle!", bestätigt sie. "Der Text ist richtig hoffnungsvoll und es geht um eine neu gefundene Autonomie. Darüber hatte ich noch nie zuvor einen Song geschrieben. Das war schon eine ziemliche Herausforderung, denn textlich ist das eine komplett neue Welt für mich. Deshalb bin ich umso glücklicher, wenn die Hörer das Lied mögen und sich davon angesprochen fühlen."

Auch wenn "Out In The Storm" kein Trennungs-Album im klassischen Sinne ist: Die reinigende Wirkung der Veränderungen in ihrem privaten wie beruflichen Umfeld hat Crutchfields Musik ganz offensichtlich gutgetan. "Das ist eigentlich schon immer die Krux bei meinem Tun gewesen", verrät sie. "Traurigkeit und Melancholie waren immer wichtige Bezugsquellen für mich. Auf der neuen Platte gibt es nun zusätzlich eine Menge Wut und Frustration, aber auch viel Hoffnung. Das Gefühlsspektrum, auf das ich zurückgegriffen habe, war dieses Mal größer als sonst." Ihr Kummer wurde dabei gewissermaßen zum kreativen Motor, oder, wie sie es selbst ausdrückt: "Die schlimmsten Dinge, die ich durchmache, sind die beste Quelle für mich als Künstlerin!"

Weitere Infos:
www.waxahatcheemusic.com
facebook.com/waxahatchee
www.mergerecords.com/waxahatchee
waxahatchee.bandcamp.com
Interview: -Carsten Wohlfeld-
Foto: -Pressefreigabe-
Waxahatchee
Aktueller Tonträger:
Out In The Storm
(Merge Records/Cargo)




Waxahatchee

 
 

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