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PHOEBE BRIDGERS
 
Ernsthaft morbide
Phoebe Bridgers
Als Conor Oberst im Frühjahr dieses Jahres mit seinem Solo-Programm auch auf unseren Bühnen unterwegs war, war er nicht ganz alleine unterwegs. Neben dem Gitarristen Miwi La Lupa hatte er noch eine elfenhafte Erscheinung namens Phoebe Bridgers im Gepäck. Die junge Dame aus Los Angeles unterstützte dabei nicht nur den Meister bei einigen Songs gesanglich, sondern absolvierte (mit einer bemerkenswerten Souveränität und einer fast schon greifbaren Bühnenpräsenz) auch einen Support-Slot mit eigenem Material, über das sich Oberst im folgenden überschwänglich löblich äußerte und dem Publikum empfahl, Phoebes Debüt-CD ebenso intensiv zu hören, wie er das tagtäglich tue. Das Problem dabei war, dass die besagte CD - auf der Oberst auch als Gastsänger vertreten ist - zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht fertig war. Lediglich die Vinyl-Single "Killer" war zu diesem Zeitpunkt verfügbar - und die dort enthaltenen Songs sind nicht etwa von Conor Oberst, sondern von seinem Kollegen Ryan Adams produziert worden - und zwar einen Tag nachdem er Phoebe kennenlernte. Das ist ja sicherlich keine schlechte Grundlage für eine solide Songwriter-Karriere. Was ist also das Geheimnis von Phoebe Bridgers?
Phoebe Bridgers
"Ich wollte immer eine Musikerin werden", berichtet Phoebe, "ich bin sogar auf eine Kunst-Hochschule für Musik gegangen. Es war also klar, dass ich Musik machen wollte - aber um das Geld dafür zu verdienen, habe ich vorher als Schauspielerin in Werbefilmen gearbeitet - für Quickbook und Apple zum Beispiel. Das habe ich aber nur gemacht, um meine Musik finanzieren zu können. Man arbeitet da nur ein paar Tage im Jahr und den Rest konnte ich mich um meine Projekte kümmern. Beides konnte ich ja sowieso nicht gleichzeitig machen, da man als Musikerin ja ständig unterwegs ist." Nun gut - das erklärt aber noch nicht, wieso Phoebe mit Ryan Adams und Conor Oberst gleich zwei hochrangige Mentoren aufzuweisen hat. "Ryan habe ich durch Harrison Whitford, meinen musikalischen Partner, getroffen", erzählt Phoebe, "er kannte ihn irgendwoher und da er in L.A. wohnt, hat Harry ihn auf meine Musik aufmerksam gemacht und ich habe Ryan in seinem Studio besucht. Wir haben uns dann einen Tag zusammen abgehangen, ich habe ihm etwas vorgespielt und er hat dann vorgeschlagen, einen Tag später ins Studio zu gehen und ein paar Songs aufzunehmen. Im Rückblick ist das lustig, denn ich war damals ziemlich nervös während wir jetzt richtig gute Freunde sind. Es war aber schon ein wenig verrückt, dass wir am zweiten Tag unserer Bekanntschaft gleich die 'Killer'-7-Inch aufgenommen haben. Conor habe ich dann getroffen, weil ein Booker in L.A. mich für eine Secret-Show mit ihm gebucht hatte. Wir haben uns auch angefreundet und schließlich endete das damit, dass Mike Mogis von Bright Eyes meine Scheibe gemischt hat und Conor auf dem Song 'Would You Rather' mitsingt. Und dann sind wir auch zusammen auf Tour gegangen." Phoebe erzählt das alles eher beiläufig, so als sei das ganz normal. Es ist aber doch wohl eher so, dass sowohl Ryan Adams wie auch Conor Oberst einfach gleich die besonderen Qualitäten Phoebes erkannt haben.

Was hat es denn mit dem Cover des Albums - auf dem ein Geist zu sehen ist - und dem Titel des Albums "Stranger In The Alps" auf sich? "Das Cover hat diese Künstlerin, die ich sehr mag - Angela Deane - gestaltet. Es zeigt mich unter einem Betttuch als Geist vor einem Kindheitsfoto. Die Idee mit dem Geist stammt von ihr - sie hat da eine ganze Serie von Geister-Bildern. Ich fand das auf eigenartige Weise poetisch, weil sie immer Familienfotos verwendet, auf die sie dann Geister malt. Was der Titel bedeutet, weiß ich selbst noch nicht so genau, denn ich war noch nie in den Alpen, obwohl ich gerne mal hin möchte." Nun, das wird wohl um den berühmten Traum gehen, den sich jeder irgendwie bewahren sollte. Wäre Phoebe Bridgers eigentlich beleidigt, wenn man die Arrangements der Songs auf der Scheibe als hervorstechendstes Merkmal bezeichnete? "Nein, weil ich die Arrangements nämlich auch mag", lacht Phoebe, "ich habe mich da auch eingemischt. Das gibt dir die Freiheit, die Songs mit verschiedenen Ebenen zu versehen. Einen großen Anteil daran haben die Streicherarrangements von Rob Moose von Bon Iver, die eine ganz neue Dimension hinzugefügt haben. Und die Möglichkeit, verschiedene Instrumente zu verwenden - wie zum Beispiel Synthesizer haben mir mehr Freiheiten eingeräumt. Ich mag aber beides: Geradeheraus akustisch zu spielen und andererseits im Studio zu größeren Ideen zu tendieren." Und wie geht Phoebe ihre Songs musikalisch an? "Tony Berg und Ethan Gruska, die das Album zusammen produziert haben, haben ein enzyklopädisches Musikwissen - über komplexe Akkordfolgen und Harmonien und solche Sachen. Es war eine große Freude, mit ihnen zusammenzuarbeiten, weil das ein ziemlich intensiver Lernprozess für mich war. Auf der anderen Seite ist Elliott Smith einer meiner absoluten Lieblings-Songwriter. Seine Art zu produzieren war unglaublich. Er hat zwar akustisch aufgenommen und es klang zuweilen fast wie ein Orchester. Ich fühle mich also von orchestralen Arrangements inspiriert."

Phoebe Bridgers hat eine unglaubliche Bühnenpräsenz, mittels derer sie den Eindruck erweckt, dass sie ihrem Job bereits seit Jahrzehnten nachginge - was ja angesichts ihres jugendlichen Alters nicht möglich ist. Was ist denn ihr Erfolgsgeheimnis? "Wenn ich live spiele, dann gerate ich fast in Trance", gesteht Phoebe, "ich denke dann meistens an andere Sachen - zum Beispiel ob ich den Herd angelassen habe, als ich das Haus verlassen habe, über die Geschichte des Clubs, in dem ich gerade spielte oder ob es meinem Gitarristen gut geht, weil er erkältet ist. Nur manchmal denke ich über die Songs nach. Es ist eine Art Meditation, in der die Songs an mir vorüber fließen. Manchmal vergesse ich dabei auch Textzeilen oder Akkorde - aber ausschließlich, wenn ich über die Songs nachdenke - was ich deswegen zu vermeiden suche. Wenn ich in Trance bin, vergesse ich nie etwas - wenn ich aber über den Text nachdenke, dann garantiert. Das, was mir auf jeden Fall am meisten Spaß macht, ist live zu spielen - speziell dann, wenn der Sound gut ist." Und was ist am unangenehmsten? "Das Unangenehmste für mich ist es, Zeugs herumzuschleppen", meint sie lächelnd, "ich hasse es, Sachen aus dem Auto zu laden, auf die Bühne zu schleppen, wieder zurück ins Auto und dann ins Hotel - das ist wirklich Kacke. Und dabei bin ich nicht mal eine Drummerin. Übrigens sagen mir alle meine Drummer-Freunde, dass sie am liebsten gar nicht spielen würden - wegen der Plackerei. Ich bin da also nicht alleine."

In Phoebes Songs geht es zuweilen ganz schön düster und morbide zu. Gehört dazu eigentlich auch eine gewisse Faszination für Serienmörder? Phoebes eigener Song "Killer" und ihr Cover von Mark Kozeleks "You Missed My Heart" scheinen darauf hinzuweisen. "Ja, durchaus", führt Phoebe aus, "'Killer' ist insofern ziemlich spezifisch als dass ich mir schon ernsthaft Sorgen darüber machte, dass meine Faszination mit Killern etwas Krankhaftes sein könnte. Ich habe nämlich im Internet recherchiert und alles über Serienkiller gelesen, was ich finden konnte. Ich bin dann aber zu dem Schluss gekommen, dass ich mich einfach zu solchen Themen hingezogen fühle." Das hat natürlich auch einen gewissen Vorteil, denn anders als viele ihrer Kolleg(inn)en konzentriert sich Phoebe Bridgers nicht alleine darauf, ihr eigenes Seelenleben zu sezieren, sondern ist auch in der Lage, sich in andere Charaktere hineinzuversetzen. Wie zum Beispiel jenen des Killers aus "You Missed My Heart", aus dessen Sichtweise bis hin zum Grabe der Song erzählt wird. "Das ist es ja, was mich an dem Song so faszinierte, dass ich ihn aufnehmen musste", erinnert sich Phoebe, "Mark Kozelek sagt, dass er den Song basierend auf einem Traum schrieb. Das ist ein Song, den ich liebend gerne auch selbst geschrieben hätte - den ich hätte schreiben sollen. Wenn ich mein ideales Selbst wäre, dann hätte ich den Song auch geschrieben - und deswegen fühle ich mich so zu ihm hingezogen. Er klingt auch, als habe niemand anderes etwas damit zu tun haben wollen - er ist düster und wahnsinnig traurig und nostalgisch."

Phoebe Bridgers
Warum spielt Phoebe eigentlich Cover-Versionen (neben "You Missed My Heart" hat sie z.B. noch Radioheads "Fake Plastic Trees" im Angebot)? Die Frage sei erlaubt, weil sie die betreffenden Tracks durch ihre spezifische Art dann doch zu ihren eigenen macht. "Also weißt du, wenn ich einen Song höre, der mich berührt, dann muss ich ihn einfach immer wieder hören - zum Beispiel im Auto. Oder wenn er sich auf einer LP befindet, die ich mag, dann höre ich diese Scheibe immer wieder - nur um den Song zu hören", erklärt Phoebe mit einer gewissen manischen Begeisterung, "wenn ich alleine bin, dann drücke ich einfach immer wieder auf wiederholen, wiederholen, wiederholen... und wenn mir das nicht reicht, dann will ich den Song einfach selbst spielen. So wähle ich meine Coverversionen aus. Es gibt keinen anderen Grund, außer dem, dass ich einfach lernen muss, wie man sie spielt." Wonach sucht Phoebe denn in einem Song? "Das ist eine Frage, die sich schwer beantworten lässt", zögert sie, "ich bin auf der einen Seite ein großer Bright Eyes-Fan. Was mich an Conors Songs beeindruckt, ist der lyrische Gehalt und die Tiefe. Ich meine: er arbeitet fasst greifbar und verarbeitet dabei so viele verschiedene Dinge auf ein Mal. Auf der anderen Seite mag ich Sachen wie Grouper (das Solo-Projekt von Liz Harris) - wo es keine Texte gibt bzw. wo die Vocals so undeutlich sind, dass man nichts versteht. Ich würde also sagen, dass ein Song, den ich mag, irgendetwas für mich tun muss. Nachdem ich das gesagt habe, muss ich auch einräumen, dass ich Pop-Musik, Country-Musik. Rap und eigentlich alles mag - ohne dabei eine bestimmte Vorliebe zu haben."

Wenn Phoebe in ihren Songs mit Charakteren unterschiedlichster Natur hantiert - ob fiktiv oder (wie im Falle von Sid & Nancy in "Chelsea" real): Tut sie das, um Geschichten zu erzählen? "Sicherlich", meint sie sehr bestimmt, "denn ich hatte Anfangs große Schwierigkeiten, ein Format für meine Songs zu finden. Damals waren meine Songs linear, es gab es keinen roten Faden, keine Charaktere, keine Handlung. Mit der Zeit kam ich dann darauf, über eine bestimmte Geschichte oder bestimmte Charaktere zu singen, um so eine Basis zu finden." Es gibt aber auch Songs über tatsächliche Personen wie in dem Song "Georgia" zum Beispiel, oder? "Ja - der Song handelt von einer tatsächlichen Person. Ich hatte diesen Typen in Paris getroffen, wo er ein Austauschprogramm gemacht hatte. Vor ein paar Tagen habe ich ihn dort tatsächlich wieder getroffen - also ja: Es gibt Songs über reale Personen!" Hat Phoebe eigentlich Botschaften in ihren Songs? "Wie meinst du denn das?", fragt sie skeptisch. Nun - in Phoebes Publikum finden sich viele junge Frauen - und die suchen ja oft nach Leitbildern und Botschaften bei ihren Geschlechtsgenossinnen, während es den Männern ja oft genügt, zusammen mit dem Künstler vor sich hinzuleiden (zumindest auf dem Songwriter-Sektor). "Ich glaube, ich habe schon Songs mit Botschaften", überlegt Phoebe, "es gibt da zum Beispiel diesen Song namens 'Demi Moore' - der aber gar nicht von Demi Moore handelt, sondern den ich über das Aufwachsen von 'Millennials' in Zeiten der sexuellen Revolution über das Internet schrieb. So, wie ich das sehe, finden Eltern und Erwachsene das alles sehr beängstigend - während es doch eigentlich besser ist, als mit jemand hinter einem Müllcontainer rumzumachen. Vielleicht ist das ja meine Botschaft. Es ist nämlich so, dass Männer in ihren Songs durchaus sexuelle Bezüge haben können und niemand denkt besonders darüber nach, während man einer Frau immer gleich vorwirft, dass sie sich zusammenreißen soll, wenn sowas vorkommt. Ich denke also, dass so etwas meine Botschaft ist."

Es gibt da einen eigenartigen, aber reizvollen Widerspruch Phoebes Gesang betreffend: Während sie eine angenehm sonore, fast schon erdige Sprechstimme hat, singt sie eher flüsternd wie eine Elfe. Wie kommt denn das? "Ich würde fast sagen, dass meine Gesangsstimme höher ist, weil ich in einem kleinen Apartment wohne, das sehr hellhörig ist", verrät Phoebe, "wenn ich also Songs schreibe, dann muss ich sozusagen flüstern, um niemanden zu stören. Ich bin aber wegen meiner Stimme ein wenig frustriert, weil ich selbst Sänger(innen) mag, die kräftig singen. Und meine Stimme bricht nicht wirklich, wenn ich lauter singe, sondern klingt wie eine Pop-Stimme. Ich mag aber Sänger, die sehr emotional singen und ihrer Stimme einen gewissen Nachdruck verleihen können, so dass zu erkennen ist, dass sie einfach singen müssen. Ich lerne also gerade, wie man richtig schreit und so ein Zeug. Das ist es, woran ich arbeite."

Gibt es eine konkrete musikalische Vision oder ein Ziel, das Phoebe verfolgt - oder gehört sie zu jener Spezies, die alles nehmen, wie es kommt und dann mal schauen, was geht? "Ich sehe ganz eindeutig das Wachstum und die Weiterentwicklung als Teil des ganzen Songwriting-Prozesses und ich denke auch nicht allzu angestrengt darüber nach", überlegt Phoebe, "was ich selbst nicht mag, ist, wenn jemand etwas wiederholt oder wenn jemand versucht, wie etwas zu klingen, was er nicht ist, weil die Öffentlichkeit es so verlangen könnte - also vermeide ich so etwas." Was ist denn dann die größte Herausforderung für die Songwriterin Phoebe Bridgers? "Es ist für mich wirklich schwierig, die Balance zu finden, mich nicht allzu ernst zu nehmen und auf der anderen Seite nicht zu flapsig zu sein. Ich glaube nämlich, dass unsere Generation sich schwer darin tut, ernsthaft zu sein. Das kommt aber wohl von dieser oberflächlichen Art, in der wir heute schreiben - etwa über eMails oder so. Heutzutage ist alles so selbstbezogen und witzig und eben oberflächlich. Ich versuche also, gerade so ernsthaft zu sein, dass die Leute nicht glauben, dass ich grübelnd in einer Ecke sitze und Nelkenzigaretten rauche." (Nelkenzigaretten sind in den USA verbotene Zigaretten, die neben Tabak auch Nelkenextrakte enthalten und - ähnlich wie der Absinth in unseren Breiten - ein gewisses Zeichen für Dekadenz und Blasiertheit sind.)

Was ist Phoebe in Bezug auf ihre Scheibe am Wichtigsten? "Gerade jetzt würde ich sagen, dass es der Umstand ist, endlich eine Langspielplatte herausbringen zu können", erklärt sie, "es fühlt sich nämlich zur Zeit für mich an, als sei ich noch gar kein richtiger Mensch - weil ich mich als Musikerin betrachte, aber noch nicht mal eine Scheibe veröffentlicht habe." Nun - dieses Problem hat sich ja inzwischen erledigt, so dass Phoebe Bridgers nun auch in diesem Sinne ein vollständiger Mensch ist. Nicht, dass vorher aber wirklich ein diesbezüglicher Zweifel hätte aufkommen können...

Weitere Infos:
www.phoebefuckingbridgers.com
www.facebook.com/phoebebridgers
www.instagram.com/_fake_nudes_
twitter.com/phoebe_bridgers
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Phoebe Bridgers
Aktueller Tonträger:
Stranger In The Alps
(Dead Oceans/Cargo)




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