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NIEDECKEN
 
Der Analog-Män
Niedecken
Der Kölner Dialekt heißt ja bemerkenswerterweise nicht "Kölnisch", sondern "Kölsch" (wohl auch deswegen, weil der Kölner an sich "kniestisch" ist und sich das "ni" sparen wollte) - was dann dazu führt, dass das identisch ist mit der lokalen Kölner Biergattung, dem Kölsch; und das führt dann - um zwei Ecken gedacht - dazu, dass Kölsch somit eine der wenigen Sprachen ist, die man auch trinken kann. Vor allen Dingen ist es aber eine Sprache, in der man sich besser, ehrlicher und humorvoller ausdrücken kann, als im eher gestelzten Hochdeutsch. Zumindest, wenn man - wie eben Wolfgang Niedecken - innerhalb der alten Stadtmauer-Grenzen der Domstadt aufgewachsen und heimisch geblieben ist.
Das führt dann dazu, dass auch das neue Solo-Album Wolfgangs, "Reinrassije Strooßekööter" (das den Untertitel ""Das Familienalbum" trägt und - neben dem neuen Titeltrack - eine Sammlung neu interpretierter, älterer Songs zum Thema "Familie" enthält) natürlich wieder auf Kölsch vorgetragen wird. Und das, obwohl es in New Orleans mit legendären US-Musikern eingespielt wurde und dortselbst von dem Engländer Julian Dawson (einem alten Freund und Wegbegleiter Wolfgangs) produziert wurde. Da ist dann die Frage angebracht, was dazu geführt haben mag, das Album so weit von der Heimat entfernt aufzunehmen? "Ich habe es immer ganz gerne, wenn sich das eine aus dem anderen ergibt", führt Wolfgang aus, "dass ich dieses Solo-Album in New Orleans aufgenommen habe, hat sich aus dem letzten Solo-Album ergeben, das ich 2012 in Woodstock aufgenommen hatte. Das hieß 'Zosamme alt' und das waren lauter Stücke, die ich irgendwann mal für meine Frau geschrieben hatte. Ich hatte ja damals diesen dämlichen Schlaganfall und hatte mir gedacht: Bedankst du dich mal ausführlich bei deinem Schutzengel. Meine Frau hat nämlich dafür gesorgt, dass ich überlebt habe. Die Musiker, mit denen ich das damals aufgenommen hatte, waren fast so etwas wie eine Familie. Gegen Ende dieser Session wurden wir fast ein wenig traurig. Und da das tatsächlich auch kommerziell funktioniert hat mit dem 'Zosamme alt'-Album, habe ich gesagt: Ich habe eine Idee für noch ein monothematisches Album und zwar zum Thema 'Family Affairs'. Da wir uns in Woodstock so oft über New Orleans unterhalten hatten - weil die Musiker in den USA alle auf New Orleans stehen -, war das dann auch die nächste Wahl. Als ich dann schließlich zum ersten Mal da war, fand ich das sehr nachvollziehbar. New Orleans ist einfach eine unfassbar schöne Stadt - die Bars, die Theater, die Musik... das ist alles einfach unfassbar schön." Was hat denn Julian Dawson damit zu tun? Hat er die Musiker zusammengeführt? "Julian Dawson war derjenige, der mir schon vor Jahren gesagt hat: Du musst unbedingt mal in Amerika mit amerikanischen Musikern aufnehmen, die ausschließlich 'songdienlich' arbeiten." "Songdienlich" in dem Sinne, dass sie den Song, und nicht ihre eigenen Fähigkeiten in den Vordergrund stellen? "Ja, Musiker, die nicht unbedingt zeigen müssen, was sie alles können", bestätigt Wolfgang, "denn Julian hat damals gestört, dass wir bei BAP manchmal Platten aufgenommen haben, die eben nicht 'songdienlich' aufgenommen worden waren." Julian kennt Wolfgang seit Anfang der 80er Jahre und hat auch oft bei BAP mitgemacht - der darf sowas also. "Als ich dann damals die Idee mit dem 'Zosamme alt'-Album hatte, habe ich Julian angerufen und gesagt, dass jetzt eigentlich die richtige Zeit dazu wäre und ihn gefragt, wo wir denn hingehen und mit wem wir zusammen spielen sollten", fährt Wolfgang fort, "dann ging das relativ flott. Er hat dann Stewart Lerman kontaktiert - einen zweifachen Grammy Gewinner und Produzenten aus den USA, mit dem er schon oft zusammen gearbeitet hatte und danach Steuart Smith, der bei den Eagles spielt. Und ich sage mal: Wenn du die drei zusammen hast, kann nichts mehr schiefgehen. Bei der Aufnahme damals hatten wir auch noch Larry Campbell von Bob Dylans Band dabei - der konnte aber dieses Mal leider nicht. Dafür haben wir dann Roscoe Beck, den Musical Director von Leonard Cohen für die letzten 30 Jahre als Bassisten und den Schlagzeuger J.J. Johnson von der Tedeschi-Trucks-Band bekommen."
Niedecken
Das ist ja wirklich ein Line-Up, das von einer "normalen" BAP-Besetzung ziemlich weit entfernt ist. Ist das dann auch der Grund dafür, warum die Arrangements dieser Aufnahmen sich erheblich von jenen der ursprünglichen Aufnahmen unterscheiden - und eigentlich auch alle besser sind? "Schön zu hören", freut sich Wolfgang, "ich finde es sehr wohltuend, dass man durch so etwas die Perspektive auf das Material verändern kann. Aber das ergibt sich ja auch von selber, denn als 66-jähriger Mann gucke ich natürlich auf das Thema Familie ganz anders als mit 30, zu Zeiten meiner ersten Familiengründung. Jetzt bin ich mehr als doppelt so alt und da hat man dann halt mehr erlebt, wird gelassener und man kann die Dinge sehr viel besser in Zeitzusammenhänge einordnen. Und musikalisch ist es so, dass ich noch lange nicht mit allem, was ich jemals gemacht habe, zufrieden bin." Nun, die Möglichkeit, die eigene Geschichte durch eine solches Projekt quasi rückwirkend verändern zu können, ist ja zweifelsohne ein interessantes Privileg, das Künstlern vorbehalten ist. Wie blickt man da denn auf diese Geschichte zurück? "Ich beurteile Alben deswegen immer nach dem Repertoirewert", erklärt Wolfgang, "wenn ein Song gut ist, dann kann man den immer wieder anders arrangieren. Auf Tourneen kannst du den dann zum Beispiel so spielen, wie du ihn heute empfindest - was sehr hilfreich ist." Dafür gibt es auf "Strooßekööter" einige interessante Beispiele: "Chlodwigplatz" kommt ganz ohne Reggae-Elemente aus, der "Jebootstachspogo" kommt plötzlich als Cajun-Zydeco-Nummer daher und "Et ess wie't ess" erscheint im Gewand einer klassischen Southern-Swing-Nummer mit dezidiertem New Orleans-Touch und Bläsersektion. "Ich bin regelrecht dankbar dafür, dass es das Stück in dieser Version gibt, weil die erste Version, die wir davon hatten, die war mir zu sehr an diesem Stones-Riff kleben geblieben", räumt Wolfgang ein, "das Arrangement hat sich der Julian einfallen lassen. Es war seine Idee, das genau in diesem Stil mit den Bläsern zu machen. Da bin ich happy mit und ich bin auch froh, dass das Album mit dieser positiven, lebenbejahenden Note aufhört." Was aber nicht bedeuten soll, dass "Strooßekööter" ein besonders fröhliches Album geworden ist.
Niedecken
In der Tat blickt Wolfgang Niedecken durchaus besinnlich in sein musikalisches Familienalbum - allerdings ohne Verklärung. "Näää", meint er , "ich will ja auch keinen Kitsch produzieren. Wenn man den Begriff 'Familienalbum' hört, dann könnte der eine oder andere ja auch schon mal zusammenzucken. Aber da passe ich schon auf. Es muss authentisch sein. Wenn es authentisch ist, dann kann man auch zu allen Gefühlen stehen." Dazu gehört dann auch eine bestimmte Art von Humor, oder? "Ja, denn Humor heißt zu seinen Gefühlen zu stehen", überlegt Wolfgang, "Humor bedeutet nicht nur Schenkelklopfen. Humor heißt: Steh zu deinen Gefühlen. Steh zu deinen Körperflüssigkeiten - denn das ist derselbe Wortstamm. Das hat mir der Heinrich Böll mal erklärt. Steh zu deinen Körperflüssigkeiten: Tränen, Blut, Schweiß - weiß der Geier, was alles aus uns rausfließt. Da steht man zu." In der Tat: Wenn man da mal forscht, dann kommt man auf den Wortstamm: "Humor" im Lateinischen heißt "Feuchtigkeit" und bezog sich ursprünglich auf die Vier-Körpersäfte-Theorie, nach der im Körper ein Gleichgewicht zwischen Schleim, Blut, schwarzer und gelber Galle zu herrschen habe - was u.a. zum Aderlass führte und somit auch den Begriff "schwarzer Humor" erklärte. Diese Körpersäfte kontrollieren dabei die vier Temperamente - cholerisch, phlegmatisch, sanguinisch und melancholisch. Der Begriff "Humor" als Bezeichnung für lustige Sachen entstammt vermutlich einer Wortspielerei Shakespeares, der ja öfters von "good humour" spricht (also wohl der sanguinischen (fröhlichen) Natur des Menschen).

Aber nicht nur auf den Humor achtet Wolfgang Niedecken in seinen Texten: "Bei einem guten Text muss immer darauf acht gegeben werden, dass der reduziert genug ist", erklärt er, "überflüssige Sachen müssen rausgekürzt und verdichtet werden. Insgesamt ist der Gedanke der Reduktion in jeder Kunstform wichtig. Das trifft auch auf Bilder zu - ich bin ja eigentlich ausgebildeter Maler. Wenn ich collagiere - teilweise mit richtig schweren Materialien wie Lack oder Sand oder Teer - dann ist dieser Punkt, wann man fertig ist, schon etwas kritischer als bei der Musik. Wenn man den Punkt nämlich verpasst, wird das Bild scheiße." Und das kann man dann leider nicht mehr verdichten oder reduzieren.

Eine Sache im Zusammenhang mit songdienlichen Arrangements und verdichteten Texten fällt bei der Produktion dann auch noch ins Ohr: Wolfgang Niedecken singt hier teilweise noch "kölscher" als auf den ursprünglichen Versionen der Stücke. Kommt hier vielleicht auch so eine Art musikalisches Heimweh zum Ausdruck? "Da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht", räumt Wolfgang ein, "es kann aber durchaus sein und verschiedene Gründe haben. Zunächst mal hat keiner im Studio angemahnt, dass ich ein bisschen verständlicher singen könnte. Diese Ermahnung kommt nämlich schon mal, wenn wir hier in Köln aufnehmen. Es kann aber auch sein, dass ich mich durch das Thema Familienalbum - und meine Familie ist ja nun mal urkölsch - dermaßen wohl fühlte, dass ich noch tieferes Kölsch singe … Da ist dann eben noch mehr Seele. Wenn ich Kölsch singe, singe ich mit meiner Seele. Es die Sprache meiner Seele - meine Muttersprache halt." Zum Titel der Story kommen wir erst, als das Gespräch quasi schon beendet ist. Angesprochen auf die Thematik Musik im Web meint Wolfgang nachdenklich: "Für meine Generation ist das nichts mehr. Ich bin ein 'Analog-Män'. Auch wenn ich ohne meinen Mac gar nicht mehr auskommen würde. Den nutze ich aber nur als Werkzeug."

Weitere Infos:
www.bap.de/start/musik/musiker/wolfgang-niedecken
de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Niedecken
www.bap.de
www.facebook.com/NiedeckensBAP
Interview: -Ullrich Maurer-
Fotos: -Ullrich Maurer-
Niedecken
Aktueller Tonträger:
Reinrassije Strooßekööter - Das Familienalbum
(Vertigo/Universal)




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