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BEN HARPER & CHARLIE MUSSELWHITE
 
Die Fußstapfen des Blues
Ben Harper & Charlie Musselwhite
"Ich habe mein ganzes Leben auf eine Platte wie diese hingearbeitet" - diesen Satz diktiert Ben Harper dieser Tage wohl so ziemlich jedem Journalisten in den Notizblock, wenn er über "No Mercy In This Land", seine neuerliche Kollaboration mit Charlie Musselwhite, spricht. Zunächst einmal hört sich das wie eine Floskel an, doch es ist durchaus etwas Wahres dran. Fünf Jahre nachdem der in vielen Genres heimische Tausendsassa mit dem kalifornischen Surfer-Charme und der aus Memphis stammende Südstaaten-Gentleman und Blues-Harp-Virtuose für "Get Up!" erstmals gemeinsame Sache gemacht haben, ist aus dem ungewöhnlichen Generationen-Treffen ein echtes Team geworden, das sich auf dem neuen Album ideal ergänzt. Auf dem Papier ist es zwar Harper, der als Sänger und Songschreiber den Ton angibt, doch der mit "Get Up!" und den folgenden Konzerten entwickelte Sound, der hier als eigentliche Inspirationsquelle diente, wurde Stück für Stück um Musselwhites Mundharmonikaspiel aufgebaut. Das Ergebnis ist eine beeindruckende Platte, die immer noch naturbelassen klingt, im Vergleich zum betont rustikalen Vorgänger aber bis ins letzte Klangdetail ausgetüftelt ist und so trotz Retro-Flair spürbar moderner klingt, ohne die erfrischende Simplizität des Erstlings einzubüßen. "No Mercy In This Land", daran besteht kein Zweifel, ist Blues für das 21. Jahrhundert.
Ihr erstes gemeinsames Album haben die beiden Amerikaner erst vor fünf Jahren aufgenommen, doch beim Treffen mit Gaesteliste.de im gediegenen Ambiente einer Berliner Fünf-Sterne-Herberge wirken sie wie alte Vertraute. Kunststück, schließlich machten sie bereits auf Musselwhites 2004er-Meisterwerk "Sanctuary" für ein, zwei Songs gemeinsame Sache, ganz abgesehen davon, dass gegenseitiger Respekt sie auch zuvor bereits zusammenschweißte. Der heute 48-jährige Harper verehrte Musselwhite schon in seiner Kindheit. Im Hause seiner Eltern liefen Platten wie "Stand Back" oder "Memphis Charlie" ebenso wie im Musikalienhandel seines Großvaters vor den Toren von Los Angeles. Musselwhite dagegen hörte erstmals von Harper, als der vor rund 25 Jahren den Grundstein für seine Weltkarriere legte. "Wenn ich mich recht erinnere, war das 1993 im Sweetwater Cafe in Mill Valley, Kalifornien", sagt der inzwischen 74-jährige Musselwhite. "Ben eröffnete den Abend für John Lee Hooker und ich gastierte bei John. Das kam damals häufig vor, aber wenn ich ehrlich bin, lag das wohl auch daran, dass er ab und zu ein Päuschen brauchte. 'Komm, Charlie, spiel du mal zwei Nummern' - und weg war er! Ben ist mir damals aufgefallen, weil er offensichtlich vom Blues beeinflusst war, kraftvolle Texte hatte und seine ganze Präsentation sehr tough war. Das mochte ich sofort!"

Bob Dylan hat sinngemäß einmal gesagt, dass er froh ist, inzwischen älter zu sein und mehr Lebenserfahrung zu besitzen, weil er erst jetzt das Gefühl habe, wirklich den Blues singen zu können. Für Harper dagegen ist das keine Sache des Alters: "Ok, ich erzähl jetzt mal eine tragische Geschichte. Meine Mutter und mein Vater haben ständig gestritten, und wenn du Streit mit meiner Mutter hast, dann setzt es Schläge! Oft sind sie die volle Distanz über zehn Runden gegangen und am Ende war das ganze Haus verwüstet! Ich war nur ein kleiner Junge von vielleicht fünf Jahren, der das alles miterlebte. Einmal wurde es richtig schlimm, denn mein Vater war ein irrer Alkoholiker. Ich stürzte mich auf ihn, um ihn von meiner Mom wegzukriegen. Wir rangen richtig miteinander und er schleuderte mich quer durch den Raum! Meine Mutter stand blutend da und schrie: 'Sieh nur, was du dem Jungen antust!' ... Was ich damit sagen will: Ich habe den Blues schon immer gehabt!"

Gleichzeitig glaubt Harper allerdings nicht, dass es eine unabdingbare Voraussetzung für einen großen Bluesmusiker ist, Leid am eigenen Leib erfahren zu haben, auch wenn er für "No Mercy In This Land" erneut die dunklen Momente der menschlichen Existenz textlich in den Mittelpunkt rückt. "Ich kenne seine Geschichte nicht so genau, aber soweit ich weiß, hat zum Beispiel Stevie Ray Vaughan ein gutes Leben gehabt - und er hatte trotzdem den Blues", glaubt Harper. "Es geht weniger um die Geschichte dahinter, sondern nur darum, die Wahrheit zu sagen! Der Blues zeichnet die Aufrichtigkeit menschlicher Erfahrungen besser nach als jedes andere musikalische Genre, das ich kenne. Er hinterlässt Fußstapfen entlang des Weges. Der Blues gibt dem Leid, der Konfusion einen Sinn."

Auch wenn die beiden das neue Album nicht grundsätzlich anders angegangen sind als ihre erste Kollaboration, gab es doch einen kleinen, aber wichtigen Unterschied: die Gewissheit, dass diese Zusammenarbeit etwas ganz Besonderes ist! "Dieses Wissen und das damit verbundene Selbstvertrauen ist ein entscheidender Teil des neuen Albums und das kann man in den Songs, in der Produktion hören", ist Harper sicher. "Wir hatten dieses Mal neben der Erfahrung eines ganzen Musikerlebens auch das Wissen um unsere persönliche Verbindung, die wir in die Arbeit einfließen lassen konnten." Für zusätzliche Motivation sorgten auch das positive Echo auf "Get Up!" und die folgenden Konzerte, dabei sollte man doch eigentlich glauben, dass gerade ein Veteran wie Musselwhite, der alle Höhen und Tiefen erlebt hat, heute nicht mehr die Bestätigung seines Publikums braucht. "Es ist ein Teil des Puzzles, ein Stück des Ganzen", ist er überzeugt. "Wie lange hältst du durch, wenn dein Publikum ständig verwirrt aus dem Saal läuft? Wenn du aber in strahlende Gesichter blickst, die Leute tanzen und mitsingen, dann weißt du, dass du mit ihnen auf der gleichen Wellenlänge bist!"

Die Idee hinter "No Mercy In This Land" war, den Faden von "Get Up!" aufzunehmen, aber auch nach vorn zu schauen und tiefer zu graben. War das erste Album noch durch ein Kennenlernen, ein Abtasten gekennzeichnet, ist nun nicht nur das musikalische Zusammenspiel dichter, auch mit den Texten ist Harper seinem Partner nun viel näher. Gleich mehrfach greift er Episoden aus Musselwhites Leben auf, wenn er im Titelstück den gewaltsamen Tod von Musselwhites Mutter streift oder er bei "The Bottle Wins Again" Alkoholismus thematisiert. (Musselwhite hat lange gesoffen wie ein Loch, bis er im Oktober 1987 abstinent wurde). "Ich denke, man kann sagen, dass wir nicht nur erkannt haben, was unsere Zusammenarbeit ausmacht, sondern auch, wo es uns noch hinführen kann", sagt Harper ein bisschen stolz.

Die Hingabe, die in die klangliche Perfektion des Albums geflossen ist, kann man "No Mercy In This Land" praktisch mit jedem Ton anhören. Dabei hat Harper erst mit der Zeit gelernt, wie wichtig nicht nur Songs und Performance sind, sondern auch die technische Umsetzung. "Es geht darum, sich klarzuwerden, welchen Sound man haben will, aber auch, mit welchem Tontechniker man ihn am besten umsetzen kann - und am schnellsten!", weiß er heute. Denn so akribisch Harper und Musselwhite auch am Sound gefeilt haben, letztlich ging es ihnen auch dieses Mal darum, die Spontaneität des Zusammenspiels, die Magie des Moments einzufangen. Nach 200 gemeinsamen Shows - "Das sind 400 Stunden Musik, Mann!" - waren die beiden zusammen mit den Musikern der Relentless7 nicht nur bestens für diese Aufgabe gerüstet, sondern hatten auch ihre ganz eigene Sprache entwickelt. Oder wie Harper es abschließend ausdrückt: "Wir haben mit Stenografie angefangen und sind am Ende bei Gedankenübertragung gelandet!"
Weitere Infos:
www.benharper.com
facebook.com/benharper
www.charliemusselwhite.com
www.facebook.com/CharlieMusselwhiteFanPage
www.anti.com/artists/ben-harper-and-charlie-musselwhite
www.nomercyinthisland.com
Interview: -Simon Mahler-
Foto: -Pressefreigabe-
Ben Harper & Charlie Musselwhite
Aktueller Tonträger:
No Mercy In This Land
(Anti/Indigo)




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