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CHUCK PROPHET
 
Sklave der Tradition
Chuck Prophet
Chuck Prophet hat den Bogen raus. Entgegen vieler Verfechter der sogenannten "handgemachten Musik" hat er es stilistisch eh nie bei der bloßen Suche nach dem perfekten Rock-Riff belassen, sondern - beginnend mit dem sehr zurückhaltenden "Brother Aldo" in seiner Solo-Karriere eine stets schlüssige Entwicklung durchlaufen, an deren Ende nun die neue Scheibe "No Other Love" steht, die sich soundtechnisch und songwriterisch meilenweit vom "normalen" Gitarrenrock entfernt hat und die Freunde von Chuck Prophet, die über sein nicht so gelungenes letztes Album "The Hurting Business" nicht so erfreut waren (einfach weil da ZUVIEL rumgefrickelt wurde), wieder versöhnen dürfte. Man tut sich schwer, den Sound des Albums in Worte zu fassen. Von "Lounge-Act" ist da die Rede und von "Easy Listening Elementen" oder ähnlichem. Merkwürdigerweise sieht Chuck selbst das ganz anders.
"Ich denke nicht, daß das Album so verschieden von meinen anderen Sachen ist", meint der flamboyante Mann souverän, "es ist nämlich so, daß ich ein Sklave der traditionellen Arbeitsweise bin. Wir haben die Stücke zunächst mal live im Studio eingespielt und dann mal gesehen, was sich daraus machen läßt." Nun, ganz so einfach kann das doch nicht gewesen sein. Manche Tracks klingen ja geradezu so, als habe Chuck diese zunächst mal seziert und dann wieder zusammengepatched. Doch das täuscht. "Es geht dann darum, herauszufinden, wie du ein Stück voranbringen kannst", verrät er, "wenn es ein Bläser-Arrangement oder Streicher sind, dann ist das eben so. Da gibt es aber keinen Master-Plan. Überleg mal: Das Theremin in 'Good Vibrations', Roger Daltreys Stottern in 'My Generation', die Fuzz Gitarre in 'Satisfaction' - das war es, was diese Songs ausmachte. Nach so etwas suche ich." Und wie findet man das? "Nun, das ist ein kosmischer Prozeß", sagt der Freund großer Worte, die aus seinem Mund indes stets den Nagel auf den Kopf treffend sitzen, "die neue Scheibe ist extremer als die letzten. Sie ist quasi bipolar. Ich mache eigentlich nichts anderes, als meine Augen offenzuhalten für neue Sachen, indem ich meinen Blick auf den Horizont richte." Und auf andere Musik? "Das gebe ich gerne zu", gibt er gerne zu, "ich bin ein gefräßiger Musikhörer und ich höre alles - vom Rock bis zum Hip Hop. Deswegen stürze ich mich aber noch lange nicht auf die Elektronik - wie gesagt ich bin ein Sklave der Tradition."
So sind die Songs denn auch alle mehr oder minder behutsam an die Moderne herangeführt. Es wird mehr mit den Möglichkeiten des Studios agiert als etwa mit Samplern oder mit der Elektronik. Das setzt sich auch live fort. "Du bist manchmal erstaunt, was man mit fünf Leuten auf der Bühne alles machen kann", schwärmt er, "deswegen benutzen wir zwar Keyboards [Stephanie Finch], aber keine Sampler." Wie entstehen denn die Songs zur Musik? "Ich bin kein traditioneller Storyteller", räumt Chuck ein, "wenn ich einen Song mit einer Person drin schreibe - wie z.B. 'Elouise' - dann versuche ich mich, in einen Charakter hineinzuversetzen. Aber eine Story gibt das noch nicht - vielleicht ein Thema. In 'Elousie' geht es um Selbsthilfe durch das Internet." Deshalb heißt das Stück im Untertitel auch "Self-Help-Bogaloo" - wobei "Boogaloo" ein Groove ist und nicht etwa "Blödsinn", wie das Wort assoziiert (wobei Chuck einräumt, daß es tatsächlich klinge, als könne es Blödsinn sein.). Andere Songs sind dagegen weniger konkret. Öfters gibt Chuck gar zu, gar nicht zu wissen, worum es geht. "Ich weiß nicht, was 'No Other Love' ist", sagt er zum Titelstück - was weiter keinen Text hat als "There's no other love, I'm flying" (was dann dauernd wiederholt wird). "Wir hatten dieses Stück soweit fertig und ich hatte ursprünglich vor, noch einen richtigen Text dazuzuschreiben. Aber je länger ich drüber nachdachte, desto besser gefiel es mir so. So habe ich es dann praktisch bei diesem 'Mantra' belassen. Manchmal ist es besser, nicht zuviel an einem Song zu arbeiten - er wird dadurch nicht unbedingt besser." D.h.: Das Element des Zufalls spielt eine große Rolle? "Ich weiß nicht", überlegt Chuck," du mußt dich natürlich an bestimmte Regeln halten - meist solche, die du dir selbst auferlegst. Dann geht es aber darum, sich inspirieren zu lassen. Ich greife Sachen auf, die herumschwirren - und trage auch ein Notizbuch bei mir, um das alles aufschreiben zu können. Ich nenne das 'Skywriting'." Was ja zugegebenermaßen ein ziemlich cooler Begriff ist - wie aber wird aus solchen Ideen dann ein Song? "Wie gesagt, ich bin kein Storyteller", erklärt Chuck, "ich arbeite eher wie ein Regisseur. Ich versuche, einen Song zu 'casten' und einem Genre zuzuordnen. So wie David Mamet, der mein Lieblings-Regisseur ist." Woraufhin er dann ganze Passage aus dem brillianten "State & Main" zitiert (Mamets komödiantische Abhandlung über das Filmemachen schlechthin - im Stile von Robert Altman - bei uns leider nicht im Kino zu sehen). Und wie sieht's mit Filmmusik aus? "Kann ich", ereifert sich Chuck, "wenn du jemanden kennst, der einen Song für einen Film braucht: Ich mach's umsonst. Kennst du jemanden? Das würde ich gerne machen. Ich kann auch Instrumentalmusik. Wenn du die Texte von meinen Songs wegläßt, dann sind das alles prima Instrumentaltracks. Und wie gesagt: Ich mache es umsonst." Leider haben wir bei Gaesteliste.de noch nicht den notwendigen Fundus, Filme zu produzieren - wäre aber mal eine Maßnahme. Okay: Jetzt tourt Chuck zunächst mal ein bißerl. Was kommt danach? "Ich denke, ich werde als nächstes mal eine Folkscheibe aufnehmen", plant er, "ich weiß, daß ich das kann." Was hätte man sonst von einem Sklaven der Tradition auch anderes erwarten dürfen?
Weitere Infos:
www.chuckprophet.com
Interview: -Ullrich Maurer-
Foto: -Pressefreigabe-
Chuck Prophet
Aktueller Tonträger:
No Other Love
(Blue Rose Records/In-Akustik)

 
 

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