Lena Farr-Morrissey hat mit ihrem Dream- und Psycho-Pop-Projekt Coral Grief bis heute darauf verzichtet, sich den musikalischen Gepflogenheiten ihrer Heimatstadt Seattle anzuschließen – oder gar mit jenen der Jetztzeit zu flirten. Zwar ist Coral Grief nach der Hinzunahme von Drummer Cam Hancock inzwischen zu einem Trio geworden (während Lena und ihr musikalischer Partner Sam Fason früher alles alleine machten) – aber das heißt nicht, dass es auf der nun vorliegenden Debüt-EP eine musikalische Umkehr gegeben hätte. Wie schon auf ihrer selbst betitelten 2020er Debüt-EP fühlen sich Coral Grief nach wie vor der Ästhetik des 90er Jangle-Pop-Sounds, insbesondere der britischen Indie-Szene, verpflichtet – nur dass es nun statt einer Rhythmusmaschine echte Drumsounds zu hören gibt.
Das Dreampop-Flair erzielen Coral Grief dabei weniger durch die genretypischen Klangwolken, sondern über die filigran geschichteten, ätherischen Gitarrensounds, die dann mal an die Sundays, mal die Cocteau-Twins, mal an die Smiths und mal an die (frühen und mittleren) The Cure erinnern. Nur dann, wenn es an wenigen Stellen etwas lauter wird (wie beispielsweise in dem Track „Avenue You“), dann kommen US-Referenzen (beispielsweise in Richtung des NY-Sounds à la Television der 80er) zum Tragen. Das ist aber eher die Ausnahme als die Regel.
Und dann ist da natürlich noch Lenas mädchenhafter Gesang, der dann – tatsächlich genretypisch – mit ordentlich Hall und Delay unterlegt ist. Das Songwriting ist gegenüber der EP weniger poppig, dafür aber strukturell ambitionierter angelegt – so als ginge es hier weniger um Zugänglichkeit und Mitsing-Effekte, sondern um Stringenz, Unerbittlichkeit und klangmalerische Effekte. Richtig melodische Tracks, wie der Opener „Starboard“, das hymnische „Outback“ oder die folkige Ballade „Late Bloomer“ am Ende der Scheibe (bei der dann auch mal akustische Gitarren zu hören sind), sind dann auch eher die Ausnahme.
Insgesamt machen Coral Grief ihre Sache recht ordentlich, bedienen das Dreampop-Genre auf vielfältige Weise, ohne dabei allzu sehr auf Klischees zu setzen, und emulieren ihr Brit-Sound-Faible mit der heiteren Gelassenheit einer Band aus der Indie-Szene des amerikanischen Nordwestens (der ja auch weit genug von den angesagten Hotspots des Zeitgeistes entfernt ist). Grundsätzlich bringen sie dabei nicht unbedingt neue Aspekte in den Mix ein – aber das kann ja auch nicht das Ziel gewesen sein, denn Coral Grief geht es eher um die musikalische Vermittlung eines Lebensgefühls als um Experimente.
„Air Between Us“ von Coral Grief erscheint auf Suicide Squeeze.