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Der Mix macht’s
Wie üblich waren die geplanten und ungeplanten Highlights des Festivals dann am Abend des zweiten Tages versammelt – in dem Fall ein sensationeller Auftritt von Isolation Berlin und ein geradezu überwältigender von Noga Erez.
Tobias Bamborschke und seine Jungs sind sozusagen Knypi-Veteranen, denn sie spielten bereits bei der heute schon legendären 2020er Online-Edition mitten in der Pandemie auf. Wenn auch nicht vor Publikum – und deutlich anders als heutzutage. Es ist nämlich so, dass Tobias Bamborschke seine Schiffermütze beiseite gelegt hat und sich dafür wieder einen ordentlichen Postpunk-Crew-Cut zugelegt hat – wie zu Beginn der Karriere. Mit der Haarpracht und der Mütze ging dann auch die Hippie-Seligkeit, die Isolation Berlin zuletzt auf der Bühne (und auch noch bei der Produktion des aktuellen Albums „Electronic Babies“) ausgezeichnet hatte, den Weg alles Vergänglichen. Auf der Bühne des Heimspiels präsentierten sich Isolation Berlin dann nämlich – sicherlich für viele überraschend – als tighte, energische und ziemlich kompromisslose (Post)Rockband. Da wurden nämlich so ziemlich alle Songs im unerbittlich polternden Agitations-Sound präsentiert – also sowohl die neueren Songs wie „Electronic Babies“ oder „Ratte“ vom aktuellen Album oder der Opener „Kicks“ – wie auch ältere Nummern wie „Serotonin“ und „Isolation Berlin“ – dem Titeltrack der Band.
Bamborschke tobte dabei als manischer Prediger mit jeder Menge Wut im Bauch am Bühnenrand umher, kniete sich auf den Boden, um alles aus sich rauszuholen, oder stellte sich keifend auf eine der Verstärker-Boxen vor der Bühne. Dabei entwickelte die Band einen unerbittlichen Drive, der aufgrund der Arrangements der Live Tracks dann fast schon an die seligen Zeiten des NDW-Hardcore-Pop der frühen 80er erinnerte. Da kann man nur sagen, dass die Annäherung an den versöhnlichen Zeitgeist, die Isolation Berlin noch mit der LP-Produktion demonstriert hatten, hier so gar nicht fehlte. Wenn das dann Protopop sein sollte (wie die Band selbst das nennt), dann begeisterte der selbst Zweifler.
Seit die israelische Künstlerin Noga Erez ihren kommerziellen Durchbruch mit ihrem aktuellen Album „The Vandalist“ über einen Major Deal erzielte, ist es gar nicht mehr so selbstverständlich, dass sie auf einem für ihre Verhältnisse dann mittlerweile kleinen Event wie dem Heimspiel aufspielt. Die Beharrlichkeit, Überzeugungskraft und das Verhandlungsgeschick der Festival-Macher ermöglichten dann aber tatsächlich eine Zusage für 2025. Noga Erez zeigte sich dann auch ausgesprochen angetan vom Flair und Ambiente des Festivals – insbesondere über den Umstand, dass hier kein Bier, sondern Wein getrunken wird und dass es eine eigene Tribüne für die Kinder im Publikum gibt. (Kein Wunder – heißt doch ihr zweites Album schlicht „Kids“.)
Hatte sie sich vor der Show noch Zeit genommen, ein Insta-Video auf dem Festivalgelände zu drehen und Quality-Time mit ihrem Partner Ori und dem gemeinsamen Baby zu verbringen, so betrat sie gegen 21:30 Uhr bestens motiviert die Bühne und überrollte die Zuschauer gleich mit Tracks „The Vandalist“ oder „End Of The Road“. Die Tatsache, dass Noga Erez zwar mit ihren besten Freunden (wie sie sagte) Ori Rousso an Gitarre und Keyboard und Ran Jacobovitz an verschiedenen Percussion-Instrumenten auf der ansonsten leeren Bühne stand – aber auch viel mit Samples und Backing-Tracks gearbeitet wurde – sorgte zwar für Naserümpfen bei einigen Handmade-Puristen – das nahm der Sache aber nichts von ihrer performerischen Grandezza, die alleine von der Bühnenpersona Nogas befeuert wurde. Das variantenreiche Programm enthielt im Folgenden je eine Cover-Version des Kendrick Lamar-Tracks „Black Friday“ und „Industry Baby“ von Lil Nas, die brandneue – poppige – Mitsing-Single „Watch The News“, die Noga mit dem Publikum als Chor einstudierte oder im letzten Teil der Show eine Akustik-Session, mit der Noga Erez mit Tracks wie „Mind Show“ und „Tired“ auf ihre Jazz-Vergangenheit einging.
Es waren aber nicht alleine musikalische und performerische Highlights, die diese Show so besonders machten, sondern die empathische Art, mit der sich Noga Erez dem Publikum gegenüber öffnete – und zwar nicht so, wie zu erwarten gewesen wäre, denn auf politische Akzente ging sie nur am Rande ein – etwa durch die Auswahl von Songs wie „We Don’t Need Bombs – We Have Firekites“ oder „Dumb“. Es waren dann die Botschaften, die sie ans Publikum richtete, die uns die Künstlerin und den Menschen Noga Erez näher brachten. So wandte sie sich etwa an die Kinder auf der Bühne und bat die Erwachsenen, denen die Botschaft auszurichten, dass man alles im Leben erreichen und seine Träume erfüllen könne, wenn man nur an sich selbst glaube – so wie es ihr ergangen sei, als sich ihr verehrtes Idol Missy Elliott (deren größter Fan sie selber sei) bei ihr gemeldet habe, um zusammen den Song „Nails“ einzuspielen. Und abschließend ließ sie noch anklingen, dass die Freiheit das höchste Gut der Menschheit sei – wieder ohne konkrete Details anzusprechen, aber mit einer klaren Botschaft für die Nacht.
Hatte das Wetter – abgesehen von kleineren Regen-Intervallen – bis dahin noch halbwegs mitgespielt, so deutete sich am anschließenden Sonntag schon an, dass es dann nicht mehr so lustig sein würde. Die angedachten Yoga-Kurse für Frühaufsteher mussten matschbedingt abgesagt werden und auch während des Programmes gab es dann die eine oder andere böse Regen-Überraschung. Musikalisch hatte das aber – wie zu erwarten – keine großen Auswirkungen.
Es war ja sowieso nur eine Frage der Zeit gewesen, bis Wencke Wollny mit ihrem Kleinorchester Karl die Große auf der Knypi-Bühne stehen würde, denn die gerade nach Süddeutschland umgezogene Troubadourin hatte ja schon mit diversen Musikern, die zuvor hier auftraten (etwa Dota Kehr oder Moop Mama), zusammengearbeitet. Im September gibt es ein neues Album von Karl die Große mit dem Titel „Aufgehoben“. Das spielte aber zu dieser Zeit noch keine große Rolle, da die neuen Songs gerade erst im Kasten gelandet sind. So gab es davon nur „Bau nicht auf mich“ und die bereits veröffentlichte Single „Zielloses Blatt im Wind“ zu hören – und diese wurden dann, wie die alten Gassenhauer vom letzten Album plus „Hamsterrad“ – deutlich druckvoller, tighter, weniger verspielt und vor allen Dingen organischer gespielt als auf den Tonträgern. Das hing auch damit zusammen, dass hier alle Musiker (sogar Posaunistin Antonia) auch gesanglich aktiv werden und Wencke selbst gerne auch mal zur Gitarre greift. Der während des Konzertes einsetzende Nieselregen flaute dann erst gegen Ende desselben ab. Normal.
Das Quartett Chartreuse aus Birmingham hat sich einen recht eigenen Weg im Indie-Pop-Kosmos gesucht und reichert seinen leichtfüßigen Gitarrenpop mit jazzigen Harmonien, souligen Grooves aber auch flächigen Dark- und Artpop-Elementen an. Dabei setzt das Quartett weniger auf große Gesten und ausholende Melodiebögen, als vielmehr auf den ausgefeilten Harmonie-Gesang von Frontmann Harry Wagstaff und Keyboarderin Hattie Wilson. Das ebenfalls von den Regengöttern geplagte Set der vier Briten bestach dabei weniger durch dynamische Grandezza – geschweige denn rockige Noten – sondern eher durch atmosphärische Stringenz und die konzentrierte Intensität, mit der sich insbesondere Harry Wagstaff ins Geschehen einbrachte. Tatsächlich ist das eher Musik zum Zuhören, als zum Abfeiern.
Den Schlusspunkt des Heimspiels 2025 setzte das Essener Ruhrpott Trio International Music. Pedro Goncalves Crescenti, Peter Rubel und Joel Roters haben es seit ihrer Gründung im Jahre 2018 geschafft, mit Mitteln des Schrammel-Pop, Krautrock-Unerbittlichkeit, Post-Punk-Elementen, Retro-Flair, einem Hauch Psychedelia und destruktivem Indie-Pop mit deutschen Texten so etwas wie eine Art Power-Schlager-Anarchie auf die Beine zu stellen. Der eigenartige Auftritt beim Knypi-Festival ließ dann die Frage unbeantwortet, ob die Jungs ihre Mission nun ernst nehmen oder gute Schauspieler sind oder einfach nur die Sau rauslassen wollen oder wahnsinnig sind oder provozieren möchten oder alles auf einmal. Produzent Olaf O.P.A.L., der ihr aktuelles Album „Endles Rüttenscheid“ produzierte (dessen im Vergleich dann eher versöhnlichen Titeltrack die drei natürlich auch zelebrierten), ist sich zumindest sicher, dass es sich um ordentliche Musiker handelt. Die Herren selbst sagen von sich, dass sie „timeless melancholic music“ machen, obwohl ihr Set dann eher von nervöser Hyperaktivität gekennzeichnet schien. Nun ja: Man muss ja nicht alles verstehen.
Als das Festival dann kurz nach 16 Uhr ausklang, stand fest, dass die diesjährige Ausgabe die vermutlich vielseitigste, abwechslungsreichste und eklektischste der gesamten Knypi-Historie gewesen war. Die Weigerung der Festival-Macher, einen stilistischen Schwerpunkt zu bilden, hatte sich wieder einmal als goldrichtig erwiesen. Der Mix machte es eben! Das Heimspiel 2026 ist für den 31.07. bis 02.08. angekündigt. Erfahrungsgemäß sollte man sich dann mit der Ticket-Bestellung nicht allzu viel Zeit lassen.