Fast 20 Jahre hat Evan Dando gebraucht, bis er mental und künstlerisch wieder in der Lage war, eine Platte mit neuen Songs aufzunehmen, die er selbst – oder genauer gesagt mit Hilfe von langjährigen Wegbegleitern und seiner derzeitig wichtigsten Songwriting-Partnerin Marciana Jones – verfasst hat.
Aus dem jungen Wirrkopf der 90er-Jahre, der mit den bis heute zeitlos schönen College-Rock-Songs der Alben „It’s A Shame About Ray“ (1992) und „Come On Feel The Lemonheads“ (1993) unerwartet, aber nicht unverdient zum Slacker-Posterboy wurde, ist längst eine tragische Figur geworden.
58 Jahre ist der heute in Brasilien lebende Amerikaner jetzt, und dass er erst vor wenigen Jahren seinen Drogenkonsum zumindest halbwegs in den Griff bekommen hat, macht sich auch auf „Love Chant“ bemerkbar. Dass er tatsächlich keinen einzigen der zwölf Songs allein verfasst hat, spricht Bände. Da hilft es auch nicht, dass sich Dando zumindest textlich mit betont selbst-reflexiven Texten an die eigene Nase fasst.
Ein Faible für das Schräge hatte Dando schon immer. Selbst zu seinen besten Zeiten wirkten manche seiner kaum an der Zwei-Minuten-Marke kratzenden Songs ob ihrer Laissez-faire-Melodik skizzenhaft unvollendet, skurrile (Platzhalter-)Zeilen und abrupte Tonartwechsel inklusive.
Doch was einst noch als jugendlicher Leichtsinn oder ein Über-die-Stränge-Schlagen eines Indierock-Helden, der sich damals (fast) alles erlaubten konnte, durchging, wirkt auf dem bisweilen chaotisch anmutenden neuen Album dann doch spürbar wie das Resultat jahrzehntelanger Drogenabhängigkeit.
Um es positiv auszudrücken (was wirklich nicht leichtfällt): Mit diesen neuen Songs trifft Dando die Flucht nach vorn an und rückt seine Idiosynkrasien und seine Neigung zum Unkonventionellen ungeniert in den Mittelpunkt. Kaum ein Song ist wie der nächste, ohne dass es deshalb wie bewusster künstlerischer Eklektizismus klingt.
Wer hier nach Songs sucht, die es mit Dandos Großtaten aus den 90ern aufnehmen können, wird nur einmal fündig. „In The Margin“ ist ein punkig-explosiver Ohrwurm, der abgesehen von dem uninspirierten Fade-out auch auf dem ersten Lemonheads-Majorlabel-Album „Lovey“ von 1990 eine gute Figur gemacht hätte, doch das war es dann auch schon.
Dass gemeinsam mit Dandos altem Partner-in-Crime Tom Morgan entstandene „Deep End“ versucht nicht zuletzt mit einem Gastauftritt von Juliana Hatfield klanglich an die Glanzzeiten anzuknüpfen, kommt aber nicht über die Qualität einer besseren B-Seite hinaus.
„Togetherness Is All I’m After“, bei dem mit John Strohm ein weiterer 90er-Jahre-Lemonhead mitwirkte, hört sich trotzdem eher nach Dinosaur Jr. an, bevor der Titelsong als Krautrock-Fiebertraum eines Ex-Punks gegen die Wand fährt. Selbst das rührselige „The Key Of Victory“, eine der Akustikballaden, die sich Dando einst so mühelos aus dem Ärmel schüttelte, lässt ihn nun klingen wie einen fallen angel.
So schön es ist, dass Dando nach all den Jahren noch einmal die Kurve gekriegt hat: Am Ende ist man dann doch froh, dass dieses Trauerspiel nur 36 Minuten lang ist.
„Love Chant“ von The Lemonheads erscheint auf Fire Records/Cargo.




