Die Sex Pistols hätten drauf gespuckt, denn die Punker hassten die Rocksuiten von Bands wie Yes, die sich über ganze LP-Seiten ausbreiteten. Aber ausufernder Progressive-Rock ist 50 Jahre später immer noch da. Und ihm geht es wunderbar. Die ausgeklügelten Satzgesänge von Gentle Giant, die Fantasie der frühen Genesis-Platten mit all ihren Windungen, der Orgel-Sound von Deep Purples Jon Lord, das Popgespür von Kansas und Styx – all das vereinen Spock’s Beard zu einem eigenen Sound zwischen Anspruch und einprägsamen Melodien.
„Hello out there, can you see me? Can you see anything at all? I hope it’s not right, but I fear that I might be turning invisible“; so beginnt – a cappella und mehrstimmig gesungen – das neue Album von Spock’s Beard. Und tatsächlich war die Band in den letzten sieben Jahren fast unsichtbar: keine Tonträger, kaum Konzerte, keine in Deutschland. Mit Michael Whiteman (I Am The Manic Whale) hat man sich nun einen externen Songschreiber ins Boot geholt. Der kreative Kopf scheint aber Ryo Okumoto gewesen zu sein. Als Komponist, Produzent, vor allem jedoch mit tollen Orgelkaskaden, hübschen Klavierpassagen und fantasievollen Keyboard-Exkursionen. Kein selbstverliebtes Geklimper, sondern immer songdienlich, auch in dem 21-minütigen Titelsong. Eine siebenteilige Suite, wie es sich für Prog-Rock gehört, mit einem Dialog zwischen Vater und Tochter. Nach einer weltweiten Naturkatastrophe bleibt für die Überlebenden nicht viel Hoffnung. Doch das Mädchen will sich nicht ihrem deprimierenden Schicksal ergeben und der Vater muss schließlich anerkennen, dass Optimismus die einzige Alternative für die Zukunft ist. In „The Archaeoptimist“ steckt das Wort „Arche“ und so mag die zur jungen Frau gereifte Tochter zur Leitfigur werden, die die Kraft hat, den Neuanfang zu gestalten. Sicher, ein typisches Sujet zwischen Endzeitszenarien, Fantasy, Heilsgeschichte und Generation Gap, nicht ganz kitschfrei. Doch was (in Vinyl gedacht) auf Schallplattenseitenlänge so alles passiert, strotzt von instrumentalen Ideen und hat mit Ted Leonard einen Sänger mit großem Stimmumfang am Start. Gitarrist Alan Morse, der die Band 1992 mit seinem Bruder Neal gründete, ist als einziger durchgehend dabei. Bassist und Keyboarder Dave Meros und Schlagzeuger Nick Potters komplettieren das Quintett aus Los Angeles.
Spock’s Beard hat etliche Besetzungswechsel durchlaufen. Neal Morse war lange Jahre die treibende Kraft, später musste mit Nick D’Virgilio der singende Schlagzeuger ersetzt werden. Doch „The Archaeoptimist“ beweist, dass es der Band gutgetan hat, wenn immer wieder andere Köpfe sich an die Spitze setzten. So wie diesmal Okumoto. Kein Song unter sechs Minuten, also ein Album, um sich an langen, dunklen Winterabenden darin zu versenken.
„The Archaeoptimist“ von Spock’s Beard erscheint bei Madfish/Snapper Music.




