Share This Article
Wie im Museum
Ein Konzert von Kraftwerk ähnelt dem Besuch eines Kunstmuseums. Man betrachtet das Artefakt, aber nicht den Künstler. Nun gut, neben dem Band-Gründer Ralf Hütter stehen Henning Schmitz, Falk Grieffenhagen und Georg Bongartz an Work-Stations auf der Bühne. Die ersten drei fungieren als Audio-Operator, letzter als Video-Operator. Man weiß nicht, was bereits vorgefertigt ist und abgerufen wird. Es ist egal. Nach drei Krautrock-Alben haben die Düsseldorfer Elektro-Pioniere zwischen 1974 und 2003 auf sieben bahnbrechenden Werken ihre Vision der Maschinen-Musik verewigt. Damit haben sie alles gesagt und präsentieren sie weiterhin auf Tour. Gern vor Schlössern und tatsächlich auch in Museen. Oder in Mehrzweck-Locations wie der Volkswagen-Halle in Braunschweig.
Zum städtischen VW-Werk und der VW-Halle passt natürlich der Käfer, der zu „Autobahn“, dem unwahrscheinlichen Durchbrucherfolg, über die Fahrbahn gleitet: „Vor uns liegt ein weites Tal, die Sonne scheint mit Glitzerstrahl.“ Während „Spacelab“ erklingt, erkundet auf der riesigen Projektionsfläche ein Raumschiff den Braunschweiger Altstadtmarkt und landet später auf dem Dach des Konzertsaals. Die 70er-Jahre-Fahrzeuge auf der Autobahn, die ersten Heimcomputer, dem Brutalismus geschuldete Hochhausbauten, die Faszination des Transeuropa-Express, Mannequins heißen jetzt Super-Models – nostalgische Erinnerungen an einen vergangenen Zeitgeist. Aber auch Gesellschaftskritik, die mit wenigen Schlagworten auskommt. „Die Mensch-Maschine“ nimmt die zunehmende Aufweichung der Grenze zwischen Mensch und Maschine, zwischen Individuum und KI vorweg. Zu „Geigerzähler“ listet Hütters Vocoder-Stimme neben Hiroshima die Atombruchbuden Tschernobyl, Harrisburg und Sellafield auf, seit 2011 ergänzt durch Fukushima. Das Stück ist die Exposition zum sarkastischen Song „Radioaktivität“: „Radioactivity/Is in the air for you and me/Radio Aktivität/Für dich und mich im All entsteht/Radio Aktivität/Strahlt Wellen zum Empfangsgerät/Radio Aktivität/Wenn’s um unsere Zukunft geht.“
Sonst für die Band unüblich: Vor „Radioaktivität“ bauen Kraftwerk eine Fremdkomposition ein. Man sieht ein Foto von Hütter mit dem japanischen Avantgardisten Ryūichi Sakamoto bei einer Begegnung in Tokio im Jahre 1981. Sie seien seitdem befreundet und Sakamoto habe damals einen japanischen Text zu „Radioaktivität“ verfasst. Zu Ehren des 2023 Verstorbenen spielen Kraftwerk die von Sakamoto stammende Filmmusik aus „Furyo – Merry Christmas, Mr. Lawrence“. In dem Antikriegs- und Culture-Clash-Streifen übernahmen Sakamoto und David Bowie die Hauptrollen. Es bleibt das einzige Mal, dass Hüter ein wenig erzählt. Es ist ihm ein Anliegen. Sonst verharren die Musiker in ihren Leuchtanzügen hinter ihren Pulten.
Mehrere Auszüge gibt es aus dem „Tour de France“-Album. Die Freude am Siegen, die Begeisterung der Zuschauer, die Tortur der Sportler, Doping – das Spektrum zwischen Faszination und dem Preis dafür spiegelt sich in den historischen Videosequenzen, aber auch in der 3-D-Animation der dem Publikum entgegenpurzelnden Pillen. Die dreidimensionalen Effekte gab es schon eindrucksvoller, so 2009 beim Movimentos-Kulturfestival in der Autostadt Wolfsburg, als 3-D-Brillen verteilt wurden. Unvergessen, als damals die Technik streikte und in einer ungeplanten Pause ein Neustart erfolgen musste. Das bei den Technik-Pionieren! Und doch beruhigend menschlich.
Kraftwerk-Konzerte sind ein Gesamtkunstwerk, das ohne die Visualisierungen kaum denkbar ist. Die Elektro-Beats hauen in die Magengrube, Synthesizerklänge flirren durchs Rund, die zugespitzten Texte raunt Hütter mit verfremdeter Maschinenstimme, zu „Neonlicht“ wird sogar mehrstimmig gesungen und auf dem Screen erscheinen so hübsche altmodische Wörter wie „Herrenausstatter“. Der „Trans Europa Express“ fließt zu der aufsteigenden Tonfolge über die Schienenstränge, darunter hört man „Metall auf Metall“ rattern. Der Sound ist über die Jahre noch pointierter, vielleicht sogar kühler geworden. Zu „Music Non Stop“ verlassen die vier Elektroniker sich verbeugend einzeln die Bühne. Die Musik erklingt weiter. Schließlich gab es Konzerte, bei denen „Die Roboter“ von Klonen der Musiker präsentiert wurde. In Braunschweig kehren sie zur Zugabe jedoch leibhaftig zurück und werden anschließend minutenlang gefeiert.
Die elektronische Popmusik wäre ohne Kraftwerk vielleicht einen anderen Weg gegangen. Elektro-Funk, Industrial, New Wave – kaum ein Vertreter dieser Genres beruft sich nicht auf Kraftwerk und ihre repetitiv-monotonen Soundschleifen, die metallisch-perkussiven Beats und die cleveren Synthie-Tricks. Begleitet von einer an Bauhaus und Minimalismus geschulten Ästhetik ihrer Cover und ihrer Videoprojektionen. Ein Museumsbesuch, der Spaß macht.




























