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In Deutschland ist die französische Songwriterin Mélanie Pain vor allen Dingen über ihre Zusammenarbeit mit dem von Marc Collin und Olivier Libaux initiierten Projekt Nouvelle Vague bekannt – dem sie bis heute als Stamm-Mitglied angehört. Dass sie seit 2009 aber auch in eigener Sache als Songwriterin, Recording- und Touring-Artist unterwegs ist, ist hingegen weniger bekannt. Nicht zuletzt wohl auch deswegen, weil seit der Veröffentlichung ihres letzten Albums „Parachute“ ganze acht Jahre ins Land gegangen sind und ihre letzte Tour sogar noch länger zurückliegt. Nun liegt ihr viertes Album „How And Why“ vor, das Mélanie – wie gewohnt – in Zusammenarbeit mit ihrem Gitarristen und Produzenten Jérôme Plasseraud realisierte.
Der Titel des Albums „How And When“ deutet an, dass Mélanie Pain sich selbst die großen Fragen des Lebens stellt – vermutlich mit der Absicht, sich selbst besser kennenzulernen? „Ja, das war das erste Solo-Album, das ich alleine gemacht habe“, berichtet Mélanie, „es hat so lange gedauert, es fertigzustellen – weil mir einfach die Energie fehlte. Ich habe mich dann tatsächlich oft selbst gefragt: ‚Warum mache ich dieses Album eigentlich?‘ oder ‚Warum habe ich nicht genug Energie, es fertig zu machen?‘ Du hast schon recht – das Stellen von Fragen ist dann ein Werkzeug, um die Kreativität in Schwung zu bringen und sich mit sich selbst zu hinterfragen. ‚Warum ist das so und so‘ oder ‚Könnte es nicht anders sein?‘ Ich denke, dass das meinen Geisteszustand während der Produktion ganz gut zusammenfasst. Deswegen dachte ich mir, es wäre eine coole Sache, das Album ‚How And Why‘ zu nennen – ohne dann eine Antwort zu geben.“
Ist das Album eigentlich eine rein persönliche Angelegenheit, oder ist es auch Mélanies Absicht – beispielsweise über Songs wie ‚Colors In The Dark‘, in dem es darum geht, in eine Ecke gedrängt und eingeengt zu werden – größere, universelle Themen zu behandeln und anzusprechen? „Ich denke, dass alles, was man auf einem persönlichen Level tut, das widerspiegelt, was um dich herum passiert“, meint Mélanie, „ich strebe gar nicht an, universelle Zusammenhänge offenzulegen, aber wenn ich mir später meine Songs anhöre, dann stelle ich so etwas manchmal fest: ‚Natürlich – das habe ich geschrieben, als Trump wiedergewählt wurde.’ Ich kann dann verschiedene Querverbindungen nachvollziehen. Im Refrain des Titelsongs geht es zum Beispiel darum, auf eine Chance zu hoffen, die niemals eintritt. Für mich ging es um eine persönliche Beziehungsgeschichte auf der Familienebene – es hat aber auch eine politische Ebene, denn schließlich fragen wir uns heute alle, warum die Sachen so falsch laufen und hoffen darauf, dass sich etwas ändern möge. Aber so etwas plane ich im Vorfeld nicht – ich realisiere es erst im Rückblick.“
Das hat ja vermutlich damit zu tun, dass es in der Musik nicht unbedingt um Logik und Vernunft geht, sondern eher um Emotionen, oder? „Ganz genau“, bestätigt Mélanie, „ich denke, dass ‚Emotionen‘ genau der richtige Ausdruck ist. Immer dann, wenn ich zu viel darüber nachdenke, was ich tun sollte, weil ich an diesem oder jenem Punkt meiner Karriere angekommen bin, dann funktioniert das nicht. Man kann das dann aus dem Heraushören, was dabei entsteht. Ich arbeite nebenher auch an vielen Sachen, die aus kommerziellen Produktionen entspringen – und denen hört man das genau an. Es geht alleine um die Emotionen.“
Ein wenig spirituell ist das dann auch, mit der Musik, oder? „Musik ist nicht intellektuell“, antwortet Mélanie, „es geht darum, was ich fühle. Das ist dann ein bisschen wie eine Therapie. Musik ist auch größer als ich selbst – fast schon ein wenig magisch. Der Titel des Albums ‚How And Why‘ ist auch unter diesem Gesichtspunkt zu sehen – man stellt sich die großen Fragen, um die Dinge besser zu verstehen.“
Das bringt uns zu einem interessanten Punkt: Ließ Mélanie Pain früher öfter ein Mal französische Texte in ihr Wirken einfließen, so befindet sich dieses Mal die Coverversion des türkischen Songs „Senden Daha Günzel“ der türkischen Grunge-Band Duman auf dem Album – wobei Mélanie selbst noch kein Türkisch spricht und eigentlich nicht über den Inhalt des Songs gekommen sein kann, den sie musikalisch dann auch vollkommen neu interpretierte. Wie kam es denn dazu? „Ich lerne zurzeit aber gerade Türkisch“, erläutert Mélanie, „ich habe diesen Song betrachtet, wie ich ein Cover mit Nouvelle Vague betrachtet hätte. Ich habe versucht, ihn so zu singen, als wäre es mein Song. Ich fahre jedes Jahr in die Türkei, um dort zu touren, und ich mag die türkischen Menschen sehr. Die sind immer sehr nett und ich mag den Klang ihrer Sprache sehr. Ich hatte also schon länger die Idee, einen Song auf Türkisch aufzunehmen. Ein Freund hat mir dann eine Playlist von türkischen Songs geschickt und der zweite darauf war ‚Senden Daha Günzel’ von Duman – was so viel wie ‚Genauso schön wie du‘ heißt. Die Originalversion erinnerte mich an das, was ich als Jugendliche hörte – also Pearl Jam oder Nirvana. Es ist ein Rocksong mit emotionalem Text, der offenlegt, wie verletzlich der Erzähler ist; was dann aber herausgeschrien wird. Das war perfekt für mich – und ich betrachtete die Idee, den Song auf ein anderes musikalisches Level zu bringen, als Übung, die mir sehr viel Spaß gemacht hat. Ich wollte da gar nicht meine eigene Geschichte einbringen. Ich habe das Ergebnis dann an Duman geschickt – und die haben gesagt, dass ihnen meine Version gefallen habe, dass sie sie aber gerne mal auf Französisch gehört hätten. Ich bin dann gleich noch mal ins Studio und habe auch eine französische Version aufgenommen. Das war alles in allem eine spontane Sache. Ich würde gerne mehr türkische Songs aufnehmen.“
Das Album wird in der aktuellen Bio als Folk-Album angepriesen – was es eigentlich nicht ist. Denkt Mélanie selbst in Kategorien wie „Stil“ oder „Genre“? „Nicht wirklich“, räumt sie ein, „ich denke, dass alles, was ich mache, sowieso Pop ist. Das Album ist in dem Sinne folkier als meine bisherigen Alben, weil wir viel Zeit über den Sound der akustischen Gitarre nachgedacht haben und es keine elektrischen Gitarren und Electronica gibt. Es ist auch in dem Sinne folky, als dass wir es weitestgehend live eingespielt haben. Wir haben eng mit Jèrôme Plasseraud – meinem Produzenten und Gitarristen – zusammengearbeitet. Ich dachte mir dann, dass das in dem Sinne folkier war – aber die Melodien und mein Gesang sind definitiv Pop.“
Gab es denn ein Konzept, als Mélanie mit ihren Musikern ins Studio ging? „Also, wir hatten eine Playlist von Songs, die ich schon immer gehört hatte“, erinnert sich Mélanie, „ich mag zum Beispiel Kings Of Convenience oder Iron & Wine und solche Sachen. Eigentlich wollte ich, dass die Band dann auch so klänge – aber im Studio klingt es dann halt so, wie die Menschen, die beteiligt sind, es spielen. Ich war dann glücklich damit, es in einer organischen Weise anzugehen und vergaß die ganzen Referenzen, die ich im Kopf hatte – das war dann cool. Der Sound entstand dann durch die Musiker und wir haben das dann auch selbst – also ohne zusätzlichen Produzenten – aufgenommen. Ich habe mein ganzes Geld in das Projekt gesteckt und wollte es dann auch selbst produzieren. Ich habe einfach die Musiker zusammengebracht und wir haben dann auch alle zusammengearbeitet.“
Ist das dann auch der Unterschied zu den bisherigen Alben? „Absolut“, bestätigt Mélanie, „ich hatte zuvor immer jemanden, der produzierte – und die waren auch immer sehr toll – aber am Ende ging es immer darum, mit diesen Personen Kompromisse eingehen zu müssen. Es ging darum, Songs auszusuchen, Gimmicks zu finden und dann wollte immer irgendjemand, dass ich auf Französisch singen sollte. Das wollte ich dann irgendwann nicht mehr mitmachen. Ich habe diese Scheibe dann nach meinen eigenen Vorstellungen und meinem eigenen Zeitplan in anderthalb Jahren gemacht. Ich war komplett frei in meinen Entscheidungen. Ich habe die Sachen dann mischen lassen und bin erst dann – mit dem fertigen Produkt – auf die Suche nach einem Label gegangen. Das ist der Grund, warum ich ‚How And Why’ dann auch als mein erstes richtiges Solo-Album betrachte. Ich meine, ich mag auch meine anderen Alben – aber ich finde auf jedem davon Stücke, zu denen ich genötigt wurde oder bei denen ich Kompromisse machen musste.“
Auf dem Album gibt es noch das Duett „Cold Hands“, das Mélanie zusammen mit Brian Lopez einspielte. Wie kam denn diese Zusammenarbeit zustande? „Brian Lopez hat mal bei Nouvelle Vague gastiert“, führt Mélanie aus, „ich bin ein großer Calexico-Fan und habe den Song als Duett mit einem Mann angelegt – das mache ich auf jedem Album. Ich denke dabei immer an Nick Cave und Kylie Minogue. Deswegen sind diese Songs auch etwas düsterer. Ich mag es, meine Stimme mit einer sonoren, dunklen Männerstimme zu kombinieren, die sich an meinem Gesang reibt. Die Geschichte von zwei Leuten und deren Beziehung zu erforschen, finde ich sehr spannend. Da gibt es immer komplexe Emotionen zu erforschen. Da ich ein romantisches Mädchen bin, liegt mir so etwas nahe. Es muss dabei gar nicht immer um eine Mordgeschichte gehen.“
Was interessiert Mélanie Pain auf der musikalischen Seite? „Das sind jedenfalls nicht die technischen Aspekte“, schmunzelt sie, „die interessieren mich überhaupt nicht. Was ich hingegen interessant finde, ist dieser Moment, wenn ich einen Song singe und aufnehme – der mir selbst dann eine Gänsehaut gibt. Man muss hart daran arbeiten, es passiert nicht oft und man darf nicht so lange darauf hinarbeiten, bis alle Emotionen ausgelaugt sind. Aber manchmal passiert es eben. ‚Colors In The Dark‘ ist ein Song, von dem ich von Anfang an wusste, dass es damit klappen könnte. Ich habe einen Monat lang mit der Melodie herumgespielt, bis ich dann eines Tages den Schlüssel zum Gänsehaut-Moment fand. Ich bin keine versierte Musikerin und ich arbeite sehr intuitiv – also konzentriere ich mich darauf, nach diesen Gänsehaut-Momente zu suchen. Die größte Herausforderung dabei ist dann herauszufinden, ob diese Momente dann nur für mich Gänsehaut erzeugen, oder ob sie auch für andere funktionieren könnten. Bei dem Song ‚Bluer Than Blue‘ war ich mir dann sicher, dass er auch für andere funktionieren könnte. Deswegen war ich sehr glücklich, dass das Label und andere den Song dann auch mochten.“
Im nächsten Jahr geht Mélanie Pain dann auch mit ihren Songs auf Tour bei uns. Das soll nicht bedeuten, dass das Projekt Nouvelle Vague abgehakt ist: „Ich könnte Nouvelle Vague niemals verlassen“, sagt Mélanie Pain zu diesem Thema.
„How And Why“ von Mélanie Pain erscheint auf Lucky 13/Capitane.




