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„Reduced To The Max“ – das ist der Slogan, mit dem Tom und Veva Allan ihr gemeinsames Projekt False Lefty auf ihrer Website auf elegante Weise charakterisieren. Denn hier geht es mit den rudimentärsten Dingen zu: Tom Allan spielt auf einer dreisaitigen Gitarre und Veva bedient drei Trommeln (und eine verbogene Schrottzimbel). Woran False Lefty auf ihrem ersten richtigen Album „Time Will Tell“ allerdings nicht sparen, sind brillante Pop-Songs im rauen Indie-Rock-Setting. Im letzten Jahr legte das ungleiche Duo bereits ordentlich vor – mit der noch selbst produzierten EP „You’re Welcome“ und zahlreichen Live-Auftritten, die das Ehepaar bis kurz vor der Geburt der gemeinsamen Tochter durchzog. Die Aufnahmen zum Album fanden dann im legendären Haldern Studio statt, denn ihre neue musikalische Heimat haben False Lefty beim Haldern Pop Label gefunden. Damit ist einer der Punkte auf der inoffiziellen False Lefty-Bucket List auch bereits abgehakt. Was steht denn noch so auf dieser Liste? Gibt es einen Masterplan?
„Ein Masterplan würde unserer Philosophie der Leichtigkeit widersprechen – und auch der Philosophie der Band mit Kind“, erklärt Veva Allan, „ich glaube, wir haben immer so kleine Ziele. Letztes Jahr war es für uns, dass wir unbedingt Haldern Pop spielen wollten – was wir dann ja auch geschafft haben. Da schauen wir dann weiter – wir wollen natürlich auch wieder ein paar Festivals spielen. Unser Ziel ist – glaube ich – schon, mit der Musik erfolgreich zu sein, sodass es auch irgendwann lukrativ wird.“ „Wir müssen ja auch erst mal sehen, wie das Album ankommt, denn wir haben das Pferd ja von hinten aufgezogen und die Tour zum Album vor der Veröffentlichung gemacht“, ergänzt Tom, „wir sind gespannt. Ob die Leute das Album mögen. Schau’n wir mal.“
Das Album heißt ja „Time Will Tell“ – bedeutet das dann auch „schau’n wir mal“? Tom beantwortet die Frage so: „Nein – der Gedanke war einfach der, dass wir viele Songs geschrieben hatten, von denen wir an dem Tag gar nicht sagen konnten, ob die gut oder schlecht waren. Dann haben wir die erst mal liegen lassen und uns gesagt: Die Zeit wird schon zeigen, ob diese Songs von Dauer sind.“
Stilistisch wollen sich False Lefty dabei gar nicht festlegen und legen ihre Tracks grundsätzlich als Pop-Songs an, die allerdings in einem rauen Rock-Setting mit ordentlich Grunge-Power und stoisch polternden Beats angelegt sind. Die neue Scheibe bleibt dem Prinzip der Reduktion auf das Notwendige dabei durchaus treu – aber nachdem False Lefty die Debüt-EP – wie sie sagen – einfach so rausgehauen haben, nutzten sie die Möglichkeiten, die sich produktionstechnisch im Haldern Studio boten, um das Sounddesign nun mit Overdubs, Beatbox und Keyboard-Sounds auszuweiten.
„Ja, aber auch nur in sehr geringen Mengen“, möchte Tom festhalten, „wir haben das ja auch wieder alles live eingespielt. Wir haben es dann bei ein oder zwei Overdubs pro Song belassen. Es passiert da eigentlich nicht viel. Das Einzige, wo wir ‚gemogelt‘ haben, war, als wir die alte, staubige Orgel, die im Haldern Studio steht, bei drei Songs eingesetzt haben, weil die so geil schäbig klang und in unser Konzept passte, weil die Orgel – wie auch unsere alten Instrumente, die wir verwenden – diesen ‚Shabby-Chic‘ hatte.“
Das Wichtige ist dabei ja, dass sich das alles trotzdem live noch gut umsetzen lassen muss, oder? „Das war ja auch unser Ziel“, bestätigt Tom die Annahme, „jeder Song musste live gut spielbar sein. Wir mussten da auch drauf achten, dass die Gitarrenlinien nicht zu komplex sind und dass wir dazu singen können mussten.“ „Das ist bei meinen Beats ja auch wichtig“, ergänzt Veva, „natürlich könnte man ja auch komplexere Beats machen – aber wenn man da meine Backings und mich als zweite Stimme noch drüber haben will, dann ist einfach vieles nicht möglich. Das limitiert es noch mal zusätzlich – ergibt dann aber auch einen anderen Anreiz.“
Worüber singen Tom und Veva eigentlich in ihren Songs? Geschichten werden jedenfalls keine erzählt. Stattdessen hören sich insbesondere die Tracks, wo beide im Duett aufspielen, an wie vertonte Unterhaltungen von Leuten, die sich so gut kennen, dass sie in einer codierten Assoziationswelt agieren können. „Ja – vertonte Unterhaltung ist gut“, pflichtet Tom bei, „wir setzen uns aber nicht hin und sagen uns, dass wir einen Song über etwas Bestimmtes – wie zum Beispiel mein Mittagessen – schreiben wollen. Es ist irgendwie alles und nichts. Es muss nicht explizit, sondern emotional Sinn ergeben.“ „Vertonte Unterhaltung ist eigentlich ein gutes Stichwort, weil viele Sachen auch in einem Miteinander entstehen“, ergänzt Veva, „wir machen viel Lautbildung zu dem, was wir spielen. Wir hören und dann an, was wir da von uns gegeben haben und finden dann Wörter, aus denen dann eine Erzählung in Form eines Gesprächs zwischen uns wird – und daraus entsteht dann erst der Song.“
Was hat es denn mit dem Song „Daddy“ auf sich? Der scheint mit Textzeilen wie „My Son Calls Another Man Daddy“ ja zumindest etwas aussagen zu wollen. „Ja, okay – das ist einer der wenigen Songs, die eine ganz klare Linie hatten“, räumt Tom ein, „wir waren auf St. Pauli auf der Reeperbahn in so einer Kneipe und da schauten wir auf ein Hank Williams-Plattencover. Die B-Seite dieser Single hieß ‚My Son Calls Another Man Daddy‘. Da haben wir unser Astra getrunken und mit diesem Satz und was er alles bedeuten könnte gespielt. In der heutigen Zeit kann ja ‚Daddy‘ auch sehr sexuell konnotiert sein. Vater zu sein ist bei uns ja auch ein großes Thema. Man muss dann ja nur noch Sachen implizieren. Worum geht es denn in ‚Strawberry Fields‘? Worum geht es in ‚Wonderwall‘? Worum geht es in ‚All Along The Watchtower‘? Du kannst keinen Finger drauflegen – es geht um alles und nichts; aber die Bilder, die über diese Zeilen emotional aufgemacht werden, machen es dann aus.“
Da läuft also viel über Assoziationen? „Ja – letztendlich ist der Song dann auch in dieser Kneipe auf diese Weise entstanden“, ergänzt Veva, „wir haben dann auch fast alles, was uns an diesem Abend eingefallen ist, als Momentaufnahme stehen lassen. Ich finde es dann auch ganz schön, so eine Art von Poesie in solchen Dingen zu finden. Ob es die Poesie der schäbigen Instrumente ist, ob es die Poesie in der Lyrik ist oder jene im Songwriting, im Bühnenbild oder in den Musikvideos, die wir auch drehen. Das steht immer so über allem, ohne dass wir es eigentlich forcieren.“
Was ist der Grund, warum Tom und Veva überhaupt Musik machen? „Ha – ich glaube aus Langeweile“, meint Tom. Veva nimmt die Sache etwas ernster: „Um einen Ausdruck zu finden“, erklärt sie nämlich, „ich komme ja eigentlich gar nicht aus der Musik, sondern ich wollte eigentlich so etwas werden wie eine Steinmetzin oder Goldschmiedin. Dann habe ich Theater gemacht – und heute spiele ich Schlagzeug. Irgendwie ist es ja auch ein Weg, sich über die Musik mitzuteilen und sich zu präsentieren. Warum stellt man sich auf die Bühne? Ich glaube, wir tun das, weil wir etwas zu sagen haben.“
Das ist ein gutes Stichwort: Auf der Bühne entwickelt sich nämlich eine interessante Dynamik zwischen Tom und Veva: Während Tom mit coolem Rockstar-Gehabe auch vor klassischen Posen und Gesten nicht zurückschreckt, drischt Veva mit versteinerter Miene und stoischer Konsequenz auf ihre Trommeln ein. Hat sie denn dabei überhaupt Spaß? „Ich habe wahnsinnig großen Spaß auf der Bühne und genieße jede Sekunde“, lacht Veva, „das strenge Schauen hat damit zu tun, dass ich nicht so diese Person bin, die sich lachend gut verkaufen kann. Ich will mich dann auch nicht so präsentieren – weil ich einfach so nicht bin. Ich bin zwar ein fröhlicher Mensch – aber nach außen präsentiere ich mich gerne verschlossen und bin auf der Bühne auch sehr konzentriert. Es ist ja auch so, dass ich sehr heftig im Stehen spiele und das sehr anstrengend ist. Und wenn du dir andere Drummer anschaust, die sehr physisch spielen, lachen die ja auch nicht.“
Dabei kommt ja noch dazu, dass Veva keine gelernte Drummerin ist. „Genau – das ist alles nicht inszeniert“, klärt Tom auf, „Veva hat ja vor zwei, drei Jahren auch zum ersten Mal Drumsticks in der Hand gehabt. Als sie losgelegt hat, hatte sie auch sofort diesen Blick drauf. Das war nichts, was geplant war.“
Wie kommt denn eine potentielle Steinmetzin oder Goldschmiedin dann an ihren Rhythmus? „Ich habe keine Ahnung“, gesteht Veva, „ich wusste gar nicht, dass der da ist. Wir haben auch überlegt, ob ich Schlagzeugunterricht nehmen sollte. Dann haben wir uns aber auch dagegen entschieden. Ein guter Freund hat mich zwei, drei Mal gecoached und mir auch Tipps gegeben, wie ich mir Rhythmen schneller merken könnte. Man hat mich dann aber auch schnell in Ruhe gelassen, mit Meinungen, wie es richtig gehen könnte. Ich habe dann auch viele Rückmeldungen bekommen, dass das, so wie ich es mache, gut ist und dass das Rhythmusgefühl da ist. Es gibt natürlich Selbstzweifel, weil ich eigentlich gar keine Ahnung davon habe, was ich da eigentlich tue und auch vom Fachjargon keine Ahnung habe. Aber so lange es eben funktioniert, funktioniert es.“
Was haben False Lefty denn durch diese Scheibe über sich selbst gelernt? „Ich glaube, ich habe über mich gelernt, dass ich strapazierfähiger bin, als ich dachte, und dass ich mir ganz dringend mehr weibliche Vorbilder finden sollte und möchte“, führt Veva aus, Tom ergänzt: „Ich habe gelernt, wie viel Talent Veva an den Drums mitbringt. Es gibt auf der Scheibe diesen Song ‚Heaven Sold‘ im Dreivierteltakt, den sich Veva nach einem halben Tag üben draufgeschafft hat, obwohl sie vorher noch nie einen Dreivierteltakt gespielt hatte. Das fanden wir schon beeindruckend.“
Da False Lefty bereits zwei Monate vor der offiziellen Veröffentlichung der LP auf Tour gegangen sind (und dort auch bereits das neue Material präsentieren), ist jetzt erst mal keine neue Konzertreise angesetzt. False Lefty werden erst mal schauen, wie die LP ankommt, dann ein paar Festivals spielen und – wie Tom sagt – auch mal ins Ausland schielen, um die Möglichkeiten abzuchecken, die sich für False Lefty im internationalen Raum ergeben können. Eines ist jedoch sicher: False Lefty ist keine musikalische Eintagsfliege, sondern als Langzeitprojekt angelegt.
„Time Will Tell“ von False Lefty erscheint auf Haldern Pop Recordings.




