Mit ihrem letzten Studioalbum „Stories From A Rock’n’Roll Heart“ (dem ersten nach ihrem Schlaganfall von 2020) ließ Lucinda Williams 2023 sozusagen ihr Leben als Rockmusikerin auf universelle Weise Revue passieren – und verstärkte diesen Eindruck noch, als sie auf der sich anschließenden Tour den Hintergrund und die Geschichte ihrer Songs (auch der älteren) explizit erläuterte – fast so, als verfasse sie da ihren eigenen Nachruf. „Can you hear me?“ fragte sie bei diesen Shows das Publikum, „I want the words to be understood.“ Dass es sich bei dieser Tour dann aber dann nicht um einen irgendwie gearteten Abschied gehandelt haben konnte, wurde schon deutlich, als Lucinda 2024 ihre in der Pandemie losgetretene Jukebox-Reihe mit einer Hommage an die Beatles ergänzte – und nun legt sie mit „World’s Gone Wrong“ ein neues Album vor.
Das Thema ist dieses Mal aber kein – wie auch immer gearteter – Rückblick auf irgendetwas, sondern eine Art bitterböser, sarkastischer Bestandsaufnahme unserer Tage. Tatsächlich ist „World’s Gone Wrong“ im Prinzip eine klassische, sozialkritische Protestsong-Scheibe alten Stils geworden, auf dem Lucinda Themen aufgreift, sie sie früher nur gelegentlich behandelte – beispielsweise 2003 mit dem Track „American Dream“ von der LP „World Without Tears“ und dessen Tagline „Everything Is Wrong“, der ein direktes, intimes Pendant zum Titeltrack des neuen Albums sein könnte oder der Anti-Trump-Song „Man Without Soul“ von 2020.
Die Songtitel sprechen dabei alleine schon für sich: „The World’s Gone Wrong“, „Something’s Gotta Give“, die Bob Marley Nummer „So Much Trouble In The World“ (im Duett mit Mavis Staples), „Black Tears“, „Freedom Speaks“ und die abschließende Ballade „We’ve Come Too Far To Turn Around“ (bei der Norah Jones hinter dem Klavier sitzt und singt) behandeln die Probleme unserer Zeit so unverblümt, wie das zuletzt vielleicht Neil Young 2006 mit seinem (leicht blauäugigen) Album „Living With War“ gemacht hatte. Allerdings: So weit, Ratschläge wie „Let’s Impeach The President“ zu geben, geht Lucinda nicht. Ihre Songs leben alle auf der Augenhöhe der kleinen Leute, der Krankenschwestern und Tankwarte, der Ausgegrenzten und Systemverlierer – und der jungen Generation. Denn wenn Lucinda Williams im letzten Track der LP (eigentlich ein recycelter Song von 2018) feststellt, dass wir zu weit gegangen sind, um umkehren zu können, dann kann die Schlussfolgerung doch nur sein, dann eben weiter nach vorne gehen zu müssen.
Lucinda beobachtet, beschreibt und analysiert den Zustand der Welt (logischerweise aus einer amerikanischen Perspektive) und bemüht dabei sowohl die Geschichte, wie auch die Politik und die Spiritualität (was soll man auch tun, wenn Gott in seiner Narrative die „Punchline“ vergessen hat?). Unter dem Strich ist das Ganze dann aber ein Plädoyer dafür, sich nicht mit dem Gegebenheiten abzufinden und sich darüber zu beklagen, sondern die Initiative zu ergreifen, um unsere Welt besser zu machen. Am deutlichsten wird Lucinda dabei in der souligen, unterlegten Empowerment-Hymne „Freedom Speaks“ – die sicherlich auch musikalisch auch zu den attraktivsten Tracks des Albums gehört. Dieser Track – wie auch der druckvoll groovende Rocksong „Sing Unburied Sing“ begeistern dabei mit mitreißenden Backing-Chören und langen Jam-Passagen.
Musikalisch setzten Lucinda und ihre Band auf die Elemente, die sich auch schon auf den letzten Alben als Gamechanger erwiesen haben: Rock, Blues, Gospel und Soul geben sich auf diesem Album sozusagen stilistisch die Hände und der Sound des live im Room & Board-Studio in Nashville eingespielten Albums sorgen für ein immersives, kraftvolles Hörerlebnis. Besonders herauszuheben wäre auch noch der klassische Ur-Blues „Black Tears“, in dem Hammond-Orgel und die schneidend scharfen Blues-Gitarren der „Ersatz-Gitarristen“ Doug Pettibone und Marc Ford (Stuart Mathis ist aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr dabei) fröhliche Urstände feiern bzw. sich duellieren. Wer an dieser Stelle etwa bemängelt, dass die Dynamik älterer Williams-Alben hier fehle (etwa weil es keine Country-Elemente und Akustik-Passagen gibt), der hat dann nicht verstanden, worum es bei diesem Album geht.
„World’s Gone Wrong“ von Lucinda Williams erscheint auf Highway 20/Thirty Tigers.




