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Obwohl es so scheint, als sei das Album „The Lighthouse“ das Debüt der britisch/niederländischen Songwriterin Tessa Rose Jackson, hat die zurzeit in den Niederlanden lebende multidiziplinäre Künstlerin eine veritable Laufbahn als Visual-Artist, Komponistin für Film- und TV-Soundtracks und TV-Commercials und auch als Songwriterin vorzuweisen. Es ist nur so, dass sie – nach einer ersten (inzwischen zurückgezogenen) Pop-LP namens „(Songs From) The Sandbox“, die sie im Jahr 2013 als Teenagerin veröffentlichte, ihre eigentliche Karriere als Musikerin ab 2017 mit einer neuen musikalischen Ausrichtung unter dem Projektnamen Someone einleitete und unter diesem Namen eine Reihe von EPs und die Alben „Shapeshifter“ und „Owls“ veröffentlichte, mit denen sie sich als einfallsreiche Indie-Pop-Auteurin einen Namen machte.
Beziehungsweise machte sie sich ja eigentlich keinen Namen, weil sie mit dem ambivalenten Pseudonym „Someone“ die Assoziationen, die sich in Bezug auf ihren richtigen Namen bilden könnten, aushebeln wollte. Auf der (erneuten) Suche nach musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten nahm sie für das kollaborative Projekt „A Mirror Sometimes“ – für das sie sich mit einer Reihe befreundeter Indie-Kollegen zusammentat – wieder ihren eigenen Namen an. Diesen behielt sie dann auch für das Projekt „The Lighthouse“ bei, mit dem sie sich mit einem musikalisch radikal anderen Ansatz als Folk-orientierte, sensible Singer-Songwriterin präsentiert.
Die sich als erstes aufdrängende Frage ist dann die, warum dieser Stil- und Namenswechsel notwendig war und in welcher Beziehung die aktuelle Musik zu den bandorientierten Psycho-, Dream- und Elektropop-Ansätzen des Someone-Projektes steht? „Nun ja – eigentlich versuche ich ja mit jeder neuen Veröffentlichung, etwa Neues zu machen“, meint Tessa Rose, „ich weiß gar nicht, ob das Absicht ist. Ich versuche einfach, verschiedene Klangwelten zu erforschen. Es geht dabei um Sachen, die mich inspirieren. Ich setze mich also nicht hin und sage: ‚Oh – jetzt bin ich eine Folk-Künstlerin‘ oder ‚jetzt bin ich eine Pop-Künstlerin‘. Das ist natürlich für mein Promo-Team ziemlich frustrierend, weil es so ja schwierig ist, mich zu vermarkten.“
Ja gut – aber warum dann die Sache mit den Namenswechseln? „Ich habe ja sehr lange als ‚Someone‘ agiert, weil ich die Freiheit genoss, die mir dieses Alias gegeben hatte – das ja auch irgendwie geschlechtslos war. Für mich bedeutete ‚Someone‘ immer: ‚Hör dir die Musik an und bilde dir selbst eine Meinung – aber zugegebenermaßen bin ich da auf ein paar PR- und Google-bezogene Probleme gestoßen. Vor zwei Jahren habe ich dann beschlossen, mich allmählich wieder meinem eigenen Namen zuzuwenden. Das war aber ein langer, langsamer und sanfter Prozess – denn das Internet ist ja groß und da gab es eine Menge Zeug da draußen, das ich dann neu verlinken und formatieren musste. Das war eine Menge Arbeit.“
Das Projekt „A Mirror Sometimes“ erschien dann aber schon wieder unter dem eigenen Namen. „Ja, vor einem Jahr habe ich dann die EP ‚The Mirror Sometimes‘ unter meinen eigenen Namen veröffentlicht“, bestätigt Tessa Rose, „und die ist dann ein gutes Beispiel dafür, wie ich mit der Musik umgehe. Es ist eine Zusammenarbeit mit befreundeten KünstlerInnen, mit denen ich immer schon mal Songs zusammen schreiben wollte. Deswegen ist das auch eine recht eklektische Angelegenheit. Es gibt da im Kern aber immer irgendetwas, was mich ausmacht. Das hat dann den eigentlichen Prozess, mich wieder meines Namens bedienen zu wollen, befeuert. Das war also sehr nützlich.“
„The Lighthouse“ ist demzufolge – fast schon zwangsläufig – persönlicher geworden als die bisherigen Veröffentlichungen. Das Ziel war es dabei, die Songs auf akustischer Basis auf das Wesentliche zu reduzieren. Das bedeutet nicht, dass es hier um eine frugale Folk-Scheibe geht. Es ist nur so, dass die elektronischen und elektrischen Elemente, die Beteiligung der Studio-Musiker und nicht zuletzt auch die schwelgerischen Streicher-Arrangements (von Tessas Jugendfreund Samuel Rowe) – anders als früher – nicht im Vordergrund stehen, sondern zur Unterstützung des Vortrages eingewoben wurden.
Worum ging es Tessa Rose denn auf der songwriterischen Seite? Denn griffige Pop-Songs wie bei Someone finden sich nicht wirklich. „Oh, mir ging es um das Erzählen von Geschichten“, führt Tessa Rose aus, „tatsächlich entstand das Album musikalisch auf einer Konzert-Reise, die mich mit meiner Band 2024 durch England führte. Das war eine Grassroots-Angelegenheit, bei der wir sogar auf einen eigenen Tontechniker verzichteten. Wir kamen dann bei den Clubs an – einige groß, andere klein, manchmal mit guter Akustik und manchmal mit einer schrecklichen. Das war aber gut für uns, weil wir so alle Hürden, die sich uns in den Weg stellten, über unser Zusammenspiel und die Art, wie wir unsere Instrumente einsetzen, überwinden mussten. Wir mussten den Raum lesen und aufeinander achten. Auf diese Weise atmete unser Spiel so viel freier – weil wir auf so viel verzichten mussten. Wenn man mit leisen Tönen beginnt, auf die man dann aufbaut, ist der Effekt nämlich viel größer, als wenn man gleich mit 80% beginnt. Das hat uns dann so gut gefallen, dass es uns schwer gefallen wäre, dann wieder in einen großen Produktionsmodus mit vielen Overdubs und Backing Tracks zurückzufinden. Ich denke, dass ich selbst kaum je wieder in dieser Richtung zurückgehen könnte. Deswegen wollte ich für diese Scheibe genau dieses Gefühl auch beim Songwriting wieder entfachen. Dabei wollte ich mich dann von der Musik leiten lassen.“
Macht denn die Musik sowieso nicht immer, was sie will? „Ja, schon – aber in der Vergangenheit meinte ich immer, das bestimmen zu können, indem ich mir vornahm, eine bestimmte Art von Song – etwa einen Psychedelik-Song – schreiben zu wollen“, führt sie aus, „ich hatte mir immer eine Art Grenze oder Struktur vorgegeben. Bei diesem Album ging es um etwas anderes – Worte zum Beispiel.“
Moment mal. Braucht man nicht gerade für Worte eine Struktur, nach der man sich richten kann? „Das ist interessant“, meint Tessa, „denn ich kann gar nicht mit den Texten anfangen. Ich habe zwar einen immensen Respekt vor Leuten, die so etwas können – aber ich habe immer zuerst die Musik gemacht. Da ich aber auch als Filmkomponistin tätig bin, arbeite ich immer sehr visuell. Ich habe immer Bilder im Kopf und das hilft mir auch bei der Produktion. Für dieses Projekt fing ich also mit einem Bild an. Für den Song ‚The Lighthouse’ hatte ich zum Beispiel das Bild eines Leuchtturms im Kopf, das mir bei einem längeren Spaziergang in den Sinn kam, den ich machte, um einen klaren Kopf zu bekommen. Dann habe ich mit dem Gedanken herumgespielt und mir dieses Bild von einem Seemann vorgestellt, der im Nebel unterwegs ist und dann in der Ferne das Leuchten eines Leuchtturms sieht. Mir gefiel dieses Bild sehr, weil das im übertragenen Sinne auch die Situation erfasste, in der ich mich zu diesem Zeitpunkt befand. Dieses Bild hat mir dann geholfen, diesen Song zu schreiben – und es war der, der das Projekt ins Rollen brachte – weswegen er auch am Anfang der Scheibe steht. Also habe ich mit einem Bild angefangen und habe die Songs dann auf der Gitarre – meinem Kerninstrument – fertig geschrieben.“
Die Sache mit den Bildern lässt sich auch von der Hörerseite leicht nachvollziehen, da Tessa Rose Jackson in ihren Songs weniger Geschichten erzählt, als dass sie Szenarien beschreibt. Sogar die Songtitel – wie „Dawn“, „Prizefighter“ oder „Wild Geese“ – evozieren Bildwelten im Kopf des Zuhörers. Was hat Tessa aber – neben Bildwelten – auf der musikalischen Seite inspiriert? „Meine Bandmates“, erklärt Tessa, „ich habe ihnen sehr viel mehr Zugang zu dem Prozess gewährt, als in der Vergangenheit. Das ist das Schöne daran; denn bisher war ich immer ein Controlfreak, der alles selber machen wollte. Außerdem bin ich ja als Produzentin eine Frau in einer Männerwelt – da wollte ich immer alles kontrollieren. Nach den Erfahrungen unserer gemeinsamen Tour wollte ich den Musikern aber Freiheiten geben. Ich wollte etwa, dass der Bassist Dave Wismeijer sein Ding macht, anstatt ihm zu sagen, was er zu spielen hätte. Meine Bandmitglieder sind also eine große Inspirationsquelle für mich.“
Und gab es auch stilistische Vorbilder? Das neue Setting deutet das ja schon an. „Ja, ich bin ein großer Fan von Laura Marlings letztem Album ‚Patterns In Repeat‘, das 2024 herausgekommen ist“, räumt Tessa Rose ein. Das ist nicht besonders überraschend, denn wie Laura Marling erweist sich Tessa Rose Jackson auf dem Album „The Lighthouse“ als Meisterin darin, Songstrukturen aufzulösen und setzt ebenfalls auf gewisse Laurel Canyon Vibes, die ja auch Laura Marling stets inspiriert hatten.
Woher kommt eigentlich der Wunsch, in einer solchen Richtung zu arbeiten? Macht das vielleicht das Live-Spielen für die Musiker interessanter? „Ja, auf jeden Fall“, bestätigt Tessa Rose diese Vermutung, „das ist so schön. Ich liebe es, in dieser Richtung zu arbeiten. Das hat auch damit zu tun, dass einige Songs wie „Wild Geese“ oder „The Prizefighter“ einer meiner Mütter gewidmet sind, die verstarb, als ich noch jung war.“ Dazu muss man wissen, dass Tessa Rose von zwei Müttern – einer englischen und einer amerikanischen Herkunft – aufgezogen wurde. „Ja, genau – das führt dazu, dass sich es auf eine wirklich schöne Art emotional anfühlt, diese Songs live zu spielen. Gerade weil sie auch so offen sind und es um die Geschichten geht. Ich nehme mir heute – anders als früher – auch viel Zeit, die Songs anzusagen und zu erläutern. Es hilft und macht die Sache sehr viel intimer, wenn ich zunächst etwas über die Songs erzähle, bevor ich sie dann spiele. Ich hoffe, das bleibt so – aber zurzeit habe ich jeweils eine Gänsehaut, wenn ich diese Songs live spiele und sehe, wie die Leute darauf reagieren.“
So – sortieren wir das mal: Tessa Rose Jackson mag es nicht, mit den Texten anzufangen und beginnt den Prozess des Song-Schreibens mit der Musik. Sie sagt aber, dass dieses Album besonders persönlich ist und gleichzeitig nutzt sie ihre Texte dann, um auf eine poetische Weise Geschichten zu erzählen. Wie passt das alles dann zusammen? „Oh – da kann ich dir eine klare Antwort darauf geben“, meint Tessa Rose, „ich war nämlich noch nie in Therapie – obwohl ich das vielleicht mal ins Auge fassen sollte. Musik ist aber meine Therapie. Meine Freunde würden mich wohl als offenen Menschen bezeichnen – während ich gleichzeitig ziemlich zurückhaltend bin. Ich liebe es, mich mit Menschen über alle möglichen Dinge zu unterhalten, aber wenn es um Themen geht, die mich aufregen, um Ängste oder um Dinge, die etwas schwerer zu verdauen sind, überspiele ich das für gewöhnlich mit einem sonnigen Gemüt. Was ich aber eigentlich brauche, ist ein Setup, in dem ich meine eigentlichen Gedanken zum Ausdruck bringen kann. Und dieses Setting ist dann die Musik. Musik hilft mir also.“
Das heißt also, dass Tessa Rose mittels der Musik ihr Leben verarbeitet? „Ja. Immer wenn ich mich schlecht fühle, dann wende ich mich der Musik zu. Aber noch etwas: Wenn ich mit meiner Gitarre den kreativen Prozess beginne, dann denke ich nicht viel darüber nach. Würde ich hingegen mit den Texten beginnen, würde ich alles durchdenken und alles würde viel zu kompliziert. Das Gitarrenspiel erlaubt meinem Geist zu wandern und so kommen dann Worte zum Vorschein, die sehr ehrlich sind. Und was die poetische Natur von Worten betrifft: Diese Neigung hatte ich immer schon. Ich mag auch Texte, die eine gewisse interpretatorische Freiheit erlauben. So etwas bewegt mich mehr, als wenn es besonders spezifisch wird. Wenn ein Film oder ein Song abstrakte Ebenen hat, die abhängig von der jeweiligen Stimmung des Zuschauers oder Zuhörers eine andere Bedeutung annehmen können, dann fühlt sich das gleich emotionaler und menschlicher an.“
Hat Tessas Musik denn auch eine spirituelle Note? „Das hängt davon ab, was du unter ‚spirituell‘ verstehst“, überlegt Tessa Rose, „wenn ich zum Beispiel Musik mache, verliere ich jeden Zeitbezug. Ich ziehe mich dann auf meine inneren Gedankenwelt zurück. Musik verbindet einen ja auch mit anderen Menschen. Musik gibt dir auch ein Gefühl der Unsterblichkeit. Der Umstand, dass wir Musik von Menschen hören können, die lange verstorben sind, bedeutet doch, dass diese immer noch irgendwie da sind. Es ist doch verrückt, dass wir diese Menschen über die aufgenommene Musik tatsächlich hören können. Ich glaube an die Güte der Musik und was sie bewirken kann und wie sie die Menschen zur Empfindsamkeit und zur Empathie leiten kann.“
Im März wird Tessa Rose Jackson mit ihrer Band auch einige Termine hierzulande bestreiten – und dabei das mit ihren Musikern ausgearbeitete Konzept, die Songs auf das Wesentliche zu reduzieren, auch auf der Bühne implementieren.
„The Lighthouse“ von Tessa Rose Jackson erscheint auf Tiny Tigers Records.




