Es liegt ja aufgrund des Sprachproblems nicht so offensichtlich auf der Hand – aber sogar in Italien gibt es eine lebendige Indie-Szene, in der KünstlerInnen mit überraschend eigenständigen, genresprengenden musikalischen Konzepten in englischer Sprache reüssieren und zu begeistern wissen. Die aus Mailand stammende Songwriterin Marta Del Grandi gehört zweifelsohne zur Speerspitze dieser Szene und überzeugt auf ihrem dritten Album „Dream Life“ zum wiederholten Male mit einer musikalischen Übersicht, Neugier und einer Experimentierlust, die aufhorchen lässt.
Einem bestimmten Stil lässt sich Marta dabei genau sowenig zuordnen wie einer bestimmten musikalischen Vorliebe. Munter hüpfen Marta und ihre Musiker auf diesem Album von Stil zu Stil, Stimmung zu Stimmung und Genre zu Genre. Der Umstand, dass sich Marta nicht festlegen möchte, hat vermutlich damit zu tun, dass sie als klassisch ausgebildete Musikerin, prämierte Jazz-Sängerin, Soundtrack-Komponistin und Songwriterin über einen immensen Fundus an zuweilen gar nicht zu einander gehörenden Ideen verfügt, die sie ohne Dünkeldenken zusammenwürfelt.
Auf dem aktuellen Album stellt sich das in etwa folgendermaßen dar: Der Opener „You Could Perhaps“ ist ein psychedelischer E- und Dreampop-Song, der Titeltrack „Dream Life“ eine Folk-Pop-Nummer, „Antarctica“ hakeliger Artpop mit Talking Heads Flair, „20 Days Of Summer“ eine eher ambientmäßig ausgerichtete E-Pop-Nummer, „Alpha Centauri“ überrascht mit Prog-Strukturen und verstiegenen Harmonien, bei „Shoe Shaped Cloud“ prallen Steel-Gitarren-Sounds auf jazzigen Gesang, „Neon Lights“ ist eher verstiegen Avantgarde, „Gold Mine“ eine knapp zweiminütige Tontaubenschießerei, bei der Ambient-Dystopie gibt Fenne Kuppens von der belgischen Band Whispering Sons ein gänsehauterzeugendes Gastspiel und das abschließende „Oh My Father“ ist eine mit Saxophon-Sounds unterlegte, semi-akustische Kontemplation, die sich am Ende zu einer von hymnischen Chören beflügelten Psychedelia-Ballade auftürmt.
Das Thema des Albums ist im übertragenen Sinne das von John Lennon populär gemachte Credo „Life is what happens to you while you’re busy making other plans“. Gerade eben weil das so ist und wir unsere Zukunft nicht wirklich steuern können, muss man sich dann eben ein alternatives Leben erträumen. Interessanterweise zeitigt dieser konstruktive Eskapismus-Ansatz dann im Vergleich zu früheren Del Grandi-Produktionen (wie dem letzten Album „Selva“, bei dem sich Marta die Songs als Ölgemälde gesehen hatte) erstaunlich konkrete songwriterische Lösungen – ohne die ihr zugeschriebene, oft dem Einfluss David Lynchs attributierte Noir-Note dabei zu vernachlässigen.
„Dream Life“ von Marta Del Grandi erscheint auf Fire Records.




