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Also, eine Songwriterin von der Stange ist die österreichische Künstlerin Eva „LYLIT“ Klampfer ja nun wirklich nicht. So begann die Musikerin ihre Laufbahn erst einmal mit einer soliden Ausbildung. Sie besuchte das Musikgymnasium Linz und studierte klassisches Klavier und Jazzgesang an der Anton Bruckner Privatuniversität – bevor sie ihre Karriere als Musikerin zunächst mit einer eigenen Band und dann als Sängerin von Parov Stelar startete.
Es war jedoch eine Begegnung mit dem ehemaligen Motown-CEO Kedar Massenburg, der Eva als LYLIT in NYC unter Vertrag nahm, die das Ganze so richtig ins Rollen brachte und 2009 die erste EP „Unexpected“ zeitigte. Parallel dazu arbeitete sie mit dem Gitarristen Matthias Löscher an dem Projekt Lylit Löscher Duo, das 2011 das Album „Duo“ herausbrachte. Seither tanzte Eva auf vielen Hochzeiten und arbeitete etwa als Session- und Tour-Musikerin, Film-Komponistin, Dozentin für Jazzgesang und nicht zuletzt als Songwriterin für KollegInnen wie z.B. Conchita Wurst. Ab und an findet sie aber Zeit, ihr Projekt LYLIT mit eigenen Produktionen zu krönen. Der EP „Aurora“ von 2018 folgte 2019 das Debüt-Album „Inward Outward“ und nun liegt mit „Her“ auch das zweite LYLIT-Album vor.
Anders als das Debüt, welches LYLIT als eher experimentelles Pop-Album mit vielen elektrischen und elektronischen Bestandteilen und einem kompletten Band-Sound konzipierte, verfolgt LYLIT mit „Her“ einen ganz anderen Ansatz. Die Künstlerin präsentiert sich musikalisch hier alleine mit ihrer Stimme, dem Klavier, einem Streichensemble und Harmoniesängerinnen – legt sich stilistisch dabei aber in keiner bestimmten Richtung fest. Das klingt dann so anders als das, was LYLIT bislang gemacht hat, dass sich fragt, warum sie diesen Weg wählte und in welcher Beziehung „Inward Outward“ und „Her“ denn überhaupt stehen.
„Das rührt ein bisschen daher, dass ich in meiner Jugendzeit Anfang 20 ganz viel R’n’B und HipHop gehört habe“, erklärt Eva, „und davor habe ich ganz viel Tori Amos und Klassik gehört. Das heißt, dass es immer diese zwei Seiten von mir gegeben hat und ich mich immer schon gefragt habe, wie die jemals zusammengehen sollten. Das erste Album ist dann noch ein bisschen in dieser etwas düsteren, groovigen Amerika-Phase von mir angesiedelt, während ich bei dem neuen Album zum ersten Mal das Gefühl habe, dass beide Seiten zusammenkommen. Denn meine Stimme wird für immer dunkel und soulig sein, aber meine klassische Prägung – die eigentlich sehr massiv ist – hat da zum ersten Mal Einzug gefunden. Wenn ich mich zum Beispiel ans Klavier setze und schreibe, dann kommt diese klassische Prägung voll durch. Es war außerdem schon lange ein Traum von mir, einmal ein auf Stimme und Klavier basierendes Album zu schreiben. Das bin nämlich wirklich ich. Da ist kein Trend drin und kein Stil, den ich mir angeeignet habe – das ist wirklich meine Essenz und das, woher ich komme. Das Klavier war immer schon mein erstes Instrument – damit habe ich begonnen, als ich vier war.“
Hat ihre Familie diese Bestrebungen unterstützt und/oder gefördert? „Ja“, bestätigt Eva, „mein Opa war ein Ländler-Sänger – das ist ein Volksmusik-Sänger, der die traditionelle, ursprüngliche, ganz lokale Variante repräsentierte. Ich habe mit meiner Schwester mit vier oder fünf Jahren begonnen, mit ihm mehrstimmig zu singen. Das Singen war also auch schon immer in der Familie. Und mit dem klassischen Klavier bin ich halt aufgewachsen.“
Vielleicht aufgrund des reduzierten musikalischen Settings erscheint das Album sehr viel persönlicher als z.B. das Debüt. Ist dieser Eindruck richtig? „Also die Sache ist die“, führt Eva aus, „ich habe für dieses Album ganz viel mit einem Schauspiel-Coach zusammengearbeitet. Normalerweise mache ich so etwas alleine – aber da der Coach (der ursprünglich aus Berlin kommt) immer mal wieder in Wien ist, habe ich ein paar Kurse bei ihm belegt. Der ist so ein Verfechter der Method-Actor-Methode und hat viel mit MusikerInnen zusammengearbeitet, um die Essenz der Einzelnen herauszuholen. Es geht dabei immer darum, dass man sich nicht hinter irgendwelchen Virtuositäten oder Trends versteckt, sondern eben die Essenz herausarbeitet. Für dieses Album habe ich ihn dann gefragt, ob er mit mir zusammenarbeiten wolle, denn weil es so reduziert ist, gibt es Platz für so etwas. Der war dann also mit an Bord und ist dann auch mit der Grund dafür, warum sich das so verändert hat. Der hat zum Beispiel gesagt, dass ich unbedingt die Texte zuerst schreiben sollte.“
War das etwas Neues für Eva? „Ja, denn normalerweise schreibe ich immer zuerst die Musik. Er sagte aber, dass die Musik von selbst käme, wenn der Inhalt stimmt. Da war ich zuerst super-skeptisch – habe mich dann darauf eingelassen. Wir haben dann zusammengearbeitet und er war dabei sehr unbarmherzig. Jedes Mal, wenn ich mich vom Kern der Sache entfernt hatte oder in der Narrative verlor, hat er mich darauf aufmerksam gemacht und mich dazu gedrängt, die Karten auf den Tisch zu legen. Deswegen ist das Ganze dann auch so persönlich geworden, weil er mir immer dabei geholfen hat, nicht aus Angst zu persönlich zu sein in etwas Generelles zu verfallen.“
Ist die Musik dann von selber gekommen? Hat sie Eva gesagt, wohin sie wollte? „Ja, voll“, räumt sie ein, „wenn ich mich ans Klavier setze, dann spiele ich immer As-Moll – warum auch immer. Da gehen meine Finger hin und da gibt es so Automatismen, die von selbst kommen – und so fängt die Musik an, sich zu verselbständigen. Wenn ich aber mit dem Inhalt anfange, dann passt sie sich dem an und kann sich dann nicht so wegbeamen. Der Coach hat immer gesagt, ich solle nicht so viele Schnörkel machen. Da habe ich erst gemerkt, wie viel sich da automatisiert hatte – auch beim Singen. Wenn du aber wirklich auf den Inhalt gehst und die Prämisse ist, dass man den Inhalt so klar wie möglich rüberbringt, dann haben Schnörkel auch keinen Platz. Das heißt also, dass meine soulige Ecke ein bisschen rausgenommen werden musste, denn die war so automatisiert beim Singen, dass diese kleinen gesanglichen Ornamente da störten. Das war auch für mich ganz spannend, weil ich das selber gar nicht gemerkt hätte. Ich musste dann einiges tatsächlich entlernen – weil Soul und Gospel doch gerade die Dinge sind, die mich geprägt haben, weil sie mich immer schon angesprochen haben … und eigentlich der Grund sind, warum ich überhaupt singe.“
Was ist denn Evas Motivation, überhaupt Songs zu schreiben – sei es für LYLIT oder andere? „Oh – das ist mehr so ein Bedürfnis als eine Motivation“, meint sie bestimmt, „das ist eine Möglichkeit für mich, mich auszudrücken. Ich bin auch ein Mensch, der nicht ständig schreibt. Ich trage auch nicht ständig ein Notizbuch mit mir. Es gibt Phasen, in denen ich merke, dass etwas raus will und dann wird viel geschrieben – und dann gibt es auch wieder Monate, in denen ich gar nichts für mich selbst schreibe. Aber improvisieren tue ich ganz viel – das Bedürfnis habe ich immer wieder – aber ohne es in eine Form gießen zu wollen. Es gibt also keine Motivation außer dem Selbstausdruck – allerdings nur, wenn etwas stark fühlbar ist; für Belangloses bin ich nicht zu haben. Man kennt ja das Leben – und da gibt es nicht immer etwas zu sagen. Wenn es nichts zu sagen gibt, dann schreibe ich auch nichts.“
Das mal eingedenk: Wie geht Eva dann mit Auftragsarbeiten um? „Da schreibe ich ja nicht über mich“, wirft sie ein, „da schreibe ich ja über andere Leute – und die haben dann ja etwas zu sagen. Wenn die nichts zu sagen haben, dann wird natürlich mein Job schwierig – genau. Ich gehe das so an, dass ich die Auftraggeber immer interviewe und nach den Themen suche. Als ich zum Beispiel für Conchita Wurst geschrieben habe, habe ich gesagt: Schreib mir in der Frühe ein langes Interview, in dem du einfach deine Gedanken auflistest. Und daraus habe ich alles genommen – denn so habe ich das Seelenleben ein bisschen gefunden. Und ich bin auch jemand, die sich hinsetzt, wenn sie ein Album für andere schreibt und dann konzentriert arbeitet wie eine Autorin. Das funktioniert besser, als man denkt – denn wenn man nur auf die Kreativität und die Muse wartet, dann passiert in solchen Fällen nichts; jedenfalls ist das bei mir dann so.“
Was hat Eva für das Album „Her“ in stilistischer und musikalischer Hinsicht inspiriert? Es passiert ja – trotz des reduzierten Settings – eine ganze Menge. „Da kann ich nur ganz blöd antworten, denn da hat es überhaupt kein Konzept gegeben“, räumt Eva ein, „ich habe auch ganz viel geschrieben, was ich dann wieder weggeschmissen habe, weil es den Text zugedeckt hat. Ich habe eher darauf geachtet, was der Text braucht, um funktionieren und greifen zu können.“
Und was braucht der Text, um funktionieren zu können? „Um das mal zu erklären: Zu Beginn habe ich mich ganz eingesperrt gefühlt vom Rhythmus der Texte. Da habe ich gedacht – okay, jetzt fühle ich mich aber gar nicht frei und hier kommt nichts von selbst, wie mir versprochen worden war. Ich musste also richtig was tun, damit ich den Inhalt in die Musik übersetzen konnte. Ich habe dann immer mal wieder gemerkt, dass ich zu komplizierte Sachen geschrieben habe. Der Grund dafür, dass die Musik dennoch stilistisch so abwechslungsreich ist, ist der, dass das einfach durch meine Erziehung kommt. Gleichzeitig hoffe ich doch, dass alles wie aus einem Guss klingt, denn ich habe eine bestimmte Art der Instrumentierung und eine bestimmte Art, wie ich Klavier spiele, gibt. Es hat aber kein Konzept gegeben, was die Musik betrifft – auch wenn man vielleicht etwa meine Tori Amos-Prägung heraus hört.“
Ein Konzept gab es aber zumindest die Produktion betreffend – denn das Album wurde live im Studio eingespielt. „Ja – und es war mir ganz wichtig, das Material live im Studio ohne Overdubs einzuspielen – viele Songs auch in einem Take – damit es rau und persönlich klingt. Ich bin nämlich diesen Perfektionismus in der Pop-Produktion und dieses ganze Fine-Tunen satt. Es gibt heutzutage ja kaum noch Produktionen, die ohne Autotune auskommen – und die hören sich dann alle gleich an und man kann das kaum noch von künstlicher Intelligenz unterscheiden. So etwas wollte ich auf jeden Fall vermeiden.“
Ein solches Projekt kann man na nicht gut wiederholen. Wird das nächste Album dann auch wieder ganz anders werden? „Oh – darüber habe ich mir noch nicht groß Gedanken gemacht“, meint Eva, „wenn ich mich frage, was darauf folgen soll, muss ich sagen, dass ich das erst mal offen lasse, denn das weiß ich selbst noch nicht. Ich habe das Gefühl, dass dieses Album jetzt erst veröffentlicht werden muss – und dann schaue ich, was passiert.“
Live-Auftritte sind zunächst mal in Österreich angepeilt – aber danach sind auch Shows in unseren Breiten angedacht. Hierbei wird LYLIT dann entweder solo oder mit zwei Gast-Sängerinnen auftreten. Ob sich auch Ressourcen für ein Streichensemble finden lassen, wird noch ausgelotet – denn es ist Eva Klampfer wichtig, als Indie-Künstlerin alle Fäden selbst in der Hand zu halten.
„Her“ von LYLIT erscheint auf Syrona Records.




