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Ganz schön verrückt!
Eigentlich heißt die Künstlerin, die in der Kölner Wohngemeinschaft an diesem „historischen Tag“ ihren ersten Auftritt auf deutschem Land mit ihrer Band Bellefolie absolvierte, ja Isabell Engelsen. Da aber das „Bell“ schon im eigenen Namen enthalten ist und die Musik, des Projektes ja ganz schön verrückt ist, nannte sich die junge Dame, die aus Bergen in Norwegen stammt, aber so lange in Frankreich lebte, dass sie heute lieber französisch lehren, als deutsch lernen und englisch sprechen würde, ihre Band dann eben Bellefolie und das Debüt-Album in der englischen Übersetzung „Beautiful Madness“. Das ist dann ganz schön verrückt – denn in der bestmöglichen Auslegung des Begriffes „verrückt“ machen Bellefolie hinreißend schöne, verschrobene, aber musikalisch attraktive und ausgefeilte, organische Popmusik. Und die galt es eben bei der Show in der Kölner Wohngemeinschaft zu präsentieren.
Eine etwas andere Auslegung seiner Kunst hat der Wahlkölner Songwriter Marek Johnson (der im richtigen Leben David Helm heißt) sich als sensibler Songwriter auf die Fahnen geschrieben. Dieser spielte ein kleines Support-Set zur Einstimmung auf das Konzert seiner Kollegin und präsentierte dabei ein paar Songs seines vor kurzem veröffentlichten, dritten Tonträgers „Limbs“ und aus seinem umfangreichen Back-Katalog sowie ein Cover des von ihm hochverehrten Elliott Smith. Smiths Vorliebe für „lustige Tunings“ und abenteuerliche Harmonien spiegeln sich in gewisser Weise auch in Mareks Songs wider. Auch kapriziöse Kollegen wie Rufus Wainwright oder Ben Howard scheinen Johnson zu gefallen. Da Marek Johnson aber unter seinem richtigen Namen David Helm ursprünglich eher Jazz macht und als Songwriter (mit Ausnahmen von Stücken wie beispielsweise „Limbs“) eher an Atmosphären, Strukturen und Klängen interessiert ist als an Akkordfolgen oder Melodien, hat das, was er hier sitzend in der Wohngemeinschaft präsentierte, mit Pop-Musik irgendwelcher Art nicht so viel zu tun. Das soll keine Kritik am Vortrag sein – nur der Hinweis, dass es hier musikalisch nicht so recht passte.
Pop-Musik gab es dann aber anschließend, als Isabell nach einem kurzen Intro ihrer Band mit viel Verve und Begeisterung in die Performance stürzte und gleich zu Beginn mit „Modern Apathy“ und „Grey Area“ zwei der stärksten Songs ihres Debüt-Albums „Beautiful Madness“ präsentierte (und damit die in unserer Rezension bereits gelobte Big-Beat-Opulenz demonstrierte). Nicht schlecht und ziemlich überraschend für eine Show in einem Club, der sich ansonsten seiner Wohnzimmer-Qualitäten rühmt. Interessant war dabei das Set-Up der mit Klavier/Keyboard, Bass und Drums organisch besetzten Band, denn Isabell selbst spielt keine Instrumente und kann somit ihre ganze Energie in eine von weit ausholenden Gesten unterstützte Performance investieren. Etwas seltsam war allerdings die Idee, das hauseigene Klavier, an dem die Pianistin und Harmoniesängerin Tyra Forsheim Eide Platz genommen hatte, zum Publikum hin gedreht aufzustellen. Der Grund dafür war wohl darin zu sehen, dass das Klavier für gewöhnlich an der Bühnenwand steht und die Musiker, die dieses dann verwenden, von einem Teil des Publikums nur von hinten zu sehen sind. Allerdings war Tyra auf diese Weise von einem anderen Teil des Publikums dann gar nicht zu sehen.
Sei es drum. Isabell stolperte sowohl was die Lyrics wie auch die Ansagen betraf, charmant und munter durch die verschiedenen Sprachen und verstand es im Zusammenspiel mit ihrer Band, den Sound und die Attitüde des Albums elegant ins Live-Ambiente zu übertragen – und das nicht, indem das ganze Produktionsvolumen als Backing-Tracks eingespielt wurde, sondern indem sie den Musikern den Freiraum gab, das Material inspiriert zu umspielen, sodass echte Live-Versionen – teilweise mit Jam-Charakter dabei – herauskamen. Sie selbst begab sich hierzu des Öfteren an den Bühnenrand, um das Publikum direkt anzuspielen. Eigentlich eine gute Idee – hätte sich die Gute zu diesem Zweck nicht hauptsächlich auf der rechten Bühnenhälfte außerhalb des eng bemessenen Lichtkegels aufgehalten, sodass sie dann selbst kaum mehr zu sehen war.
Das Material des Sets bestand logischerweise aus den Tracks des Debütalbums „Beautiful Madness“, einem (neben „Montagne“) zweiten Song namens „Souvenirs“ auf Französisch und dem Calvin Harris/Rag’n’BoneMan-Cover „Giant“, das Isabell aber nach eigener Aussage stark verändert hatte (sodass ihre Aufforderung ans Publikum, diesen Song mitzusingen, wenn man ihn erkennte, ins Leere lief). Nach einer Stunde war dann auch schon wieder Schluss mit Lustig – denn Bellefolie hatten alles gespielt, was momentan im Angebot ist. Ergo konnte es auch keine Zugabe geben. Aber: Das Projekt steht ja noch am Anfang – und nach dem, was die Zuhörer in Köln zu hören bekamen, ist da noch einiges für die Zukunft zu erwarten. Im Anschluss an die Show gab es dann noch Gelegenheit, sich mit der Künstlerin in verschiedenen Sprachen auszutauschen.
Es erscheint also durchaus nicht unwahrscheinlich, dass Bellefolie nach dieser Show eine solide Karriere als kontemporäre Pop-Künstlerin auch in unseren Breitengraden bevorsteht – zumal sie sich mit ihrem eklektischen Stil von ihren für gewöhnlich streng formatierten skandinavischen Kolleginnen absetzt. (Immerhin hatte etwa Alice Merton ihre bemerkenswerte Karriere mit einem ähnlichen Ansatz ebenfalls an gleicher Stelle ins Laufen gebracht.) Noch ein Hinweis: Bei der Suche nach „Bellefolie“ im Web sollte unbedingt auf die Schreibweise in einem Wort geachtet werden, denn es gibt auch eine australische Künstlerin, die sich den Moniker „Belle Folie“ gegeben hat – und die ist definitiv hier nicht gemeint.
























