Share This Article
Messerscharf
Seit die niederländische Wahlbelgierin Eefje de Visser mit ihrem dritten Album „Nachtlicht“ auch hierzulande allmählich bekannt wurde, ist sie seither mit ihrer Band auch regelmäßig in der Domstadt zu Gast gewesen (zuletzt 2024 im Club Volta). Auf die Idee, das Ensemble mit seiner perfekt inszenierten Bühnenshow in der Kölner Kulturkirche auftreten zu lassen, hätte man indes gerne schon früher kommen können, denn das gediegene, andachtsvolle, pastorale Setting ist ja schließlich wie gemacht für die ausgeklügelte Lichtdramatik und die ausgefeilte Choreografie, die die Show, Eefje und ihre Musiker auch zu einem optischen Genuss machen. Immerhin: Auf dem letzten Stop des Deutschland-Abschnittes der Tour zum aktuellen Album „Vlijmscherp“ (=“messerscharf“) war es dann soweit.
Wie üblich, betätigt sich Eefje de Visser auf ihren Touren nicht nur als Bandleaderin, sondern auch als Promoterin für ihre MusikerInnen. Nicht nur, dass sie in ihrer Band Künstlerinnen beschäftigt, die selbst auch als Musikerinnen/Songwriterinnen in eigener Sache tätig sind: Auch die Support Acts, die sie auf ihren Touren begleiten, sucht sie selber aus. Auf der Tour zum letzten Album war es die belgische Songwriterin Noa Lee, die Eefje als Support Act begleitete (und die auf der aktuellen Tour als Keyboarderin in der Band agierte), und dieses Mal hatte Eefje die belgische Songwriterin (und Aktivistin) Roufaida eingeladen, die Songs ihres Debütalbums „Coming Up For Air“ zu präsentieren.
Gleich eingangs ihrer Show machte Roufaida deutlich, dass es ihr bei ihrer Musik vor allen Dingen auf den kulturellen Bezug zu ihren marokkanischen Roots und den politischen Bezug zur Gegenwart ginge (in dem Fall den Gaza-Konflikt – markiert durch den Song „Ken Ness“). Mit einem Mix aus Arabisch, Französisch und Englisch arbeitete sich Roufaida durch ihr abwechslungsreiches Set, dem sie mit Triggerpad, Gitarre – vor allen Dingen aber einem dreiseitigen „Wüstenbass“ (so erklärte sie das marokkanische Instrument Guembri dem Publikum) – einen lebendigen Sound zwischen Tradition und Moderne entlockte. Dafür, dass das Ganze nicht in eine folkloristische Ersatzveranstaltung ausartete, sorgte schon alleine der Umstand, dass ihre Guembrils elektrisch verstärkt und der Rhythmus vom Triggerpad elektronisch unterlegt wurden. Das kam beim Publikum gut an und Roufaida hatte keine Mühe, dieses auf ihrem Trip mitzunehmen.
Mit ihrem aktuellen Album „Vlijmscherp“ hat Eefje de Visser nach eigener Aussage eine Narrative zum Abschluss gebracht, die sie mit dem letzten Werk „Heimwee“ angestoßen hatte. Ergo stand dann die aktuelle Tour ganz im Zeichen dieser beiden Alben (die nach der Show als Vinyl-Edition im Boxed-Set erworben werden konnten). „Vlijmscherp“ ist dabei als das düstere Gegenstück zu „Heimwee“ zu sehen, was auch durch das Artwork der beiden Scheiben deutlich gemacht wird. Obwohl die Show dann erst mal mit dem älteren Track „Lange Vinnen“ (= lange Flossen) vom „Bitterzoet“-Album begann und am Ende auch eine Art „Best Of“ mit Songs wie „De Parade“ oder „Bitterzoet“ für Laune sorgte, stand der Rest der Show dann doch im Spannungsfeld der beiden Schwesteralben.
Auf der neuen LP hat Eefje de Visser alle Bestandteile der kunstvoll aufgetürmten Vokalarrangements selber eingesungen (weil sie das so gerne mag und es ihr keinerlei Mühe bereitet, wie sie sagt). So etwas geht natürlich auf der Bühne nicht, wo die besagten Vokalarrangements ja nur ein Teil des Produktionsvolumen ausmachen und in die Performance und die Choreografie eingepasst werden müssen. Deswegen verlässt sich Eefje de Visser auf der Bühne schon lange auf die Qualitäten ihrer beiden Kolleginnen.
Aysha de Groot a.k.a. Meis und Teun Truijen (die beide auch als Tänzerinnen, Songwriterinnen und Solo-Künstlerinnen tätig sind), die ihre Lead-Vocals nicht einfach nur harmonisch untermalen, sondern auf gleicher Ebene kommentierend interpretieren. Der Umstand, dass es Teun Truijen aufgrund einer starken Erkältung nicht besonders gut ging und sie erst kurz vor dem Soundcheck zur Band stoßen konnte, machte sich dabei für die Zuschauer kaum bemerkbar, denn selbst die ausgefeilten Choreographie-Passagen macht die junge Belgierin mit echten Steher-Qualitäten anstandslos mit.
Die Band musste für diese Tour kurzfristig umbesetzt werden. So gastierte dieses Mal die Songwriter-Kollegin Noa Lee (die gerade zur besten neuen Musikerin Belgiens gekürt worden war) statt Daan Scheepers als Pianistin neben der langjährigen Keyboarderin Annelie De Vries und statt des Drummers Klaas De Somers war kurzfristig Elias Devoldere eingesprungen. Auch das wirkte sich nicht negativ auf das Klangbild aus. Es gab dann halt weniger Gitarrensounds und -Soli, da Noa Lee eben nur Keyboard spielte. Der größte Unterschied zu den Studioaufnahmen des „Vlijmscherp“-Albums war dann der, dass Eeefjes Haus-Bassist Boris van Overschee die Basslinien, um die herum Eeefje die neuen Tracks „Ontsnapt“, „Blindelings“, „God Los“ oder „Normal Toen“ bewusst angelegt (und so für überraschend viele Up-Tempo-Momente gesorgt) hatte, weniger offensiv auslebte – und so der hymnischen Wirkung der dreistimmigen Vokal-Partien mehr Raum zur Entfaltung bot.
Noch auf der Heimweh-Tour folgte die Performance mit Bezug auf die Choreografie (neben den Vocals ja der Hauptbestandteil der Eefje de Visser Show) einem festen Plan, bei dem alle Songs exakt durchgeplant waren. Für die neue Tour hatte Eefje aber nicht einfach eine neue Choreographie festgelegt (man will sich ja nicht wiederholen), sondern verfolgte ein etwas anderes Konzept. Der erste Teil der Show spielte sich in einem vergleichsweise statischen Setting ab, bei dem Eefje in der Mitte der Bühne stand, während ihre Kolleginnen Teun und Aysha auf der linken Bühnenhälfte hinter ihren Mikro-Ständern standen und die vier Vlijmsherp-Titel „Net Na De Val“, „God Los“, „Normal Toen“ und „Ontsnapt“ sozusagen in Eigenregie interpretierten. Statt einer einstudierten Choreographie gab es bei diesen Stücken dann nämlich eher so etwas wie einen intuitiven Ausdruckstanz der drei Sängerinnen. Erst danach versammelten sich die Damen und präsentierten dann die gewohnt einfallsreichen, theatralischen, synchronisierten Choreographien, die das Markenzeichen der Eefje-Shows (und der Video-Produktionen) ausmachen.
Hier hatte sich Eeefje dann aber durchaus neue Moves und Positionen einfallen lassen. Beispielsweise ließen sich Teun und Aysha für einige Tracks Rücken an Rücken zu Füßen ihrer „Queen“ nieder, die dann – mal mit Gitarre und mal mit zwei Strahlern in der Hand (mit denen sie sich selbst und das ansonsten dunkle Kirchenschiff filmreif beleuchtete) – die dramatische Inszenierung vorgab. Auch Szenen, in denen die Damen die langen Haare im Takt schwangen, das Publikum mit koordinierten Armbewegungen zum Mitschwingen animierten, sich auf drei Stühlen niederließen oder (ähnlich wie in dem Video zu „De Parade“) auf der Stelle liefen und so einen Eindruck von Bewegung erzeugten, sorgten für ordentlich Abwechslung. Der Umstand, dass Eeefje und ihre Kolleginnen diese Choreographien im Zusammenspiel mit den motivierten Bandmusikern relativ frei gestalteten und die Songs dabei in „Extended Versions“ präsentierten (die Eefje auf der Setlist mit Bemerkungen wie „langes Intro“, „schnell zusammen tanzen“ oder „4 x wiederholen“ markiert hatte), nahm der Sache – trotz großer Ernsthaftigkeit – jedweden Anflug abstrakter Theatralik. Das ist dann einfach bestmögliche Unterhaltung in mehreren Disziplinen, die hier in optimaler Weise zusammengeführt werden.
Eine Frau großer Worte ist Eefje auf der Bühne nicht. So stellte sie zwar ihre Bandmitglieder vor und machte deutlich, wie sehr sie es genieße, in Köln zu spielen – ließ aber ansonsten ihre Songs für sich sprechen, was kein Problem darstellte, da der Großteil des Publikums aus Niederländern und Flamen bestand, die die Chance nutzten, in Deutschland ihre Heldin (die in Benelux zu den absoluten Superstars zählt) noch einmal in einem vergleichsweise intimen Rahmen zu erleben.
Das Mitsingen ist aber selbst bei Textkenntnis nicht so ganz einfach, da die Songwriterin Eefje de Visser an ein schier unerschöpfliches Repertoire an melodischen und harmonischen Ideen und vor allen Dingen Wendungen hat, die sich konventionellen Strukturen entziehen. Songs wie zum Beispiel der LP-Opener „Onomkeerbar“ oder auch der Titeltrack „Vlijmscherp“ kommen selten mit klar definierten Strophen und Refrains aus und überraschen immer wieder mit ungewöhnlichen Richtungswendungen, die auch erst mal einstudiert werden müssen.
Nach dem – wie auf dem Album – letzten Track „Blindelings“ gab es dann nach dem Ende des offiziellen Sets noch eine überraschende Zugabe in Form des etwas atypischen „Nachtlicht“-Tracks „Scheep“, der als psychedelische Ballade mit langem Intro und ebenso langer A-Cappella-Passage ausgeführt wurde. So hatte es beim letzten Köln-Besuch Eefjes ebenso wenig gegeben wie den Umstand, dass sich Eefje nach der Show am Merch-Stand blicken ließ.
Fazit: Mit ihrem sehr eigenständigen Konzept, ihre Songs konsequent auf Niederländisch zu singen, das Ohrenmerk dabei vor allen Dingen auf die vokale Performance und das Augenmerk auf die visuell und performerisch stets beeindruckend inszenierten Choreografien zu lenken, nimmt Eefje de Visser eine Ausnahmestellung unter den europäischen Songwriterinnen ein, die sie mit der Show in Köln wieder einmal eindrucksvoll belegte.





























