Share This Article
Auch wenn sie selber sagt, dass sie gerne noch mehr in Deutschland spielen würde, hat die niederländische Wahlbelgierin Eefje de Visser auch in unseren Breiten inzwischen eine treue Anhängerschaft etablieren können. Gerade war sie in Deutschland unterwegs, um mit ihrer „Allstar-Band“ (zu der zurzeit mit Annelie de Vries, Noa Lee, Teun Truijen und Ayscha de Groot (Meis)) gleich vier Kolleginnen gehören, die nicht nur als Session-Musikerinnen, sondern auch als Songwriterinnen in eigener Sache tätig sind) ihr aktuelles Bühnenprogramm vorzustellen. So ergab sich in Köln die Gelegenheit, Eefje de Visser unsere zehn Fragen zu stellen. Zuvor musste jedoch abgeklopft werden, worum es bei der Tour geht, die unter dem Motto des gerade erschienenen neuen Albums „Vlijmscherp“ („messerscharf“) steht und zurzeit in den Niederlanden fortgesetzt wird.
Die Sache ist nämlich die, dass „Vlijmscherp“ ein Schwesteralbum des letzten Tonträgers „Heimwee“ ist und Eefje im Vorfeld erklärt hatte, dass mit diesem Album dann die mit „Heimwee“ begonnene Geschichte aus-erzählt sei – weswegen sich das aktuelle Bühnenprogramm auch auf die beiden genannten Alben fokussiert. Hier muss dann die Frage erlaubt sein, um welche Geschichte es sich denn dabei handelt. Dabei geht es nicht darum, dass Eefje ihre Songs konsequent auf niederländisch schreibt und vorträgt, sondern darum, dass sie das auf eine höchst poetische, bildhafte und metaphernreiche Weise tut, die eine geradlinige, eindeutige Interpretation selbst dann nicht möglich macht, wenn die Übersetzungen der Songs vorliegen.
Kann es vielleicht sein, dass es auf dem neuen Album „Vlijmscherp“ um die Heimkehr als solche geht? Ziemlich persönlich gefärbte Songs wie z.B. der Track „Net da de val“ (in etwa „kurz nach dem Herbst“), den Eefje über ihren kleinen Sohn Pablo schrieb, legen eine solche Vermutung zumindest nahe.
„Also ich bin mir gar nicht sicher, ob es da um die Heimkehr geht“, erklärt Eefje, „es ist nur so, dass die Songs der beiden Alben im selben Jahr entstanden und deswegen für mich zusammengehören. Für mich geht es bei den Texten darum, Verbindungen herzustellen – um dann feststellen zu müssen, dass diese Verbindungen dann nicht funktionieren. Es geht darum, menschliche Wärme in einer kalten Welt zu suchen und auch in abgekühlten Beziehungen. Das Album handelt auch von Verlust und dem Versuch, sich wieder zu finden. Ich wollte auch Beruhigung und Trost für mich selber finden, denn ich glaube, dass Musik für mich schon immer eine Art von Trost gewesen ist. Dabei verwende ich auf der lyrischen Ebene Bilder aus der Natur – Wasser, Regen, Frost, Schnee – die für die angesprochene Kälte, Distanz und Traurigkeit stehen. Wenn ich dann nach Trost suche, dann singe ich eher über die Sonne und schöne Dinge.
Ich denke, das ist der springende Punkt: Nach der Schönheit zu suchen. Das äußert sich auch dadurch, dass ich auf der musikalischen Seite mehr organische Elemente verwende – die Songs etwa um interessante Basslinien aufbaute. Und ich habe die Songs lebendiger angelegt, denn ich singe auf der Scheibe ja auch viel über Dinge, die nicht wirklich lebendig sind – und darüber, dass ich deswegen nach Farben, Wärme und einem Leben, das es sich lohnt zu leben, suche. Deswegen habe ich die neuen Songs musikalisch lebhafter angelegt.“
1. Was ist deine Definition von „guter Musik“?
Oha. Ich denke, gute Musik ist für mich intuitive Musik. Ich kann alle Arten von Musik wertschätzen, so lange sie intuitiv ist. Wenn es zu technisch oder zu rational wird, wenn es um Stile geht oder ein bestimmtes Image, das vermittelt werden soll, dann bin ich draußen. Musik muss von Herzen kommen – und nicht vom Hirn. Dann ist es egal, um welche Musik es geht. Es können dann simple Jamie xx-Songs ohne große Akkordwechsel sein oder komplexe Songs mit schönen Melodien wie z.B. von Steely Dan. Es ist das Gefühl – das Bauchgefühl – das gute Musik auszeichnet.
2. Was war der wichtigste Einfluss bei den Aufnahmen zur neuen Veröffentlichung?
Da muss ich nachdenken, weil es viele verschiedene musikalische Inspirationen gibt. Ich bin ein großer Fan von Blood Orange, Talking Heads und Kate Bush. Aber ich bin gar nicht so sehr von anderer Musik inspiriert – höchstens natürlich unbewusst, denn davon kann sich niemand freisprechen. Was mich aber sehr viel mehr inspiriert, sind meine innersten Gedanken. Ich würde also sagen, dass die Inspiration eher vom Inneren kommt als vom Äußeren.
3. Warum sollte jeder deine neue Veröffentlichung kaufen?
Ich denke, es ist ein abwechslungsreiches Album mit vielen unterschiedlichen Energien. Es gibt Songs, die einen Rausch auslösen, aber auch solche, die besonders einfühlsam und gefühlvoll sind. Und es geht hauptsächlich um die Melodien – warme akustische und elektronische Sounds und reichhaltige Arrangements mit einer Menge melodischer Elemente.
4. Was hast du dir von deiner ersten Gage als Musiker/-in gekauft?
Einen Boden. Mein erstes Engagement als Songwriterin war eine Auftragsarbeit für 24 englischsprachige Songs in einem Schulprojekt. Ich wollte ja zunächst eine professionelle Songwriterin sein, bevor ich mich selbst als Musikerin sehen konnte. Ich hatte also diese 24 Songs geschrieben und war gerade in eine neue Wohnung gezogen und habe mir vom Lohn für dieses Projekt dann einen neuen Boden gekauft. Aber kein Parkett, sondern Laminat, denn das wäre für mich damals zu teuer gewesen, denn ich war ja erst 22.
5. Gab es einen bestimmten Auslöser dafür, dass du Musiker/-in werden wolltest?
Nein, es gab keinen Auslöser. Ich wollte zunächst ja nur eine Songwriterin für andere Leute oder Filme werden. Meine Familie ist aber sehr musikalisch. Mein Vater ist zum Beispiel ein Chorleiter und Gesangscoach und hat sich viel mit Vokal-Arrangements beschäftigt – was ich heute ja auch gerne mache. Ich bin dann mit der Musik aufgewachsen und habe mit 11 angefangen, eigene Songs zu machen. Schon als ich noch gar kein Instrument hatte, habe ich mir Songs ausgedacht. Da gab es immer dieses intrinsische Bedürfnis, Musik machen zu wollen – aber einen bestimmten Auslöser gab es nicht.
Erst als ich mit 22 meine ersten Songs auf Niederländisch schrieb und mir klar wurde, dass ich zwar auf Niederländisch richtig interessant sein könnte – aber nicht so sehr auf Englisch – habe ich mich dazu entschlossen, Musikerin werden zu wollen. Das war dann so um 2007/2008, als ich mein Solo-Projekt startete.
6. Hast du immer noch Träume – oder lebst du den Traum bereits?
Oh – ich lebe definitiv meinen Traum; aber ich habe auch Träume. Wenn es darum geht, dass ich das machen möchte, was ich will – ohne Kompromisse eingehen zu müssen – dann habe ich das in Holland und Belgien bereits erreicht. Ich denke also, dass ich in Holland und Belgien dort angekommen bin, wo ich hinwollte – aber ich möchte einfach mehr in Deutschland oder Skandinavien spielen und generell mehr in Europa. Nicht alleine – aber auch – weil ich möchte, dass die Menschen meine Musik kennenlernen können, sondern vor allem, weil ich es einfach liebe, mit meinen coolen Leuten auf Tour zu gehen und herumzureisen. Das ist für mich eine angenehme Weise, mein Leben zu führen.
7. Was war deine größte Niederlage?
Niederlage? Ich denke, die Niederlagen habe ich vergessen. Ich tendiere dazu, mich auf die Zukunft zu fokussieren. Ich mache das ja jetzt seit 15 Jahren. Vielleicht kann es ja mal Zeiten geben, in denen es nicht mehr so gut klappt – aber bislang bin ich glücklich damit, wie es läuft. Ich vergesse wirklich immer, dass jedes Album und jede Tour auch immer einen Kampf darstellen. Es ist ein Auf und Nieder – wobei ich halt dazu tendiere, die Tiefen auszublenden.
8. Was macht dich derzeit als Musiker/-in am glücklichsten?
Oh – ich denke, das Schreiben von Songs und im Studio zu produzieren und außerdem mit all den netten Leuten, mit denen ich herumreise, zusammen zu sein.
9. Welches ist das schlechteste Lied, das je geschrieben wurde?
Oh, das kann ich gar nicht sagen. Aber ich kann dir sagen, dass ich „Bohemian Rhapsody“ wirklich nicht mag. Ich weiß natürlich, dass das kein schlechter Song ist – er ist sogar brillant und ich mag ja auch Queen – aber dieser Song geht mir wirklich auf den Keks; und zwar deshalb, weil er in Holland für die letzten 30 Jahre jedes Mal bei der Top 2000 Bestenliste auf dem ersten Platz landet und irgendwann habe ich ihn wirklich zu hassen gelernt.
10. Wer – tot oder lebendig – sollte auf deiner Gästeliste stehen?
Das ist wirklich schwierig, denn wenn ich zu jemandem aufschaue, dann möchte ich eigentlich gar nicht, dass er kommen sollte – weil ich dann gleich ein Imposter-Syndrom bekäme und total nervös wäre. Wenn ich mich dann wirklich entscheiden müsste und darüber nicht nachdenken müsste, dann würde ich mich vielleicht für David Bowie oder David Byrne entscheiden.
„Vlijmscherp“ von Eefje de Visser erscheint auf Sony Music Entertainment Netherlands.




