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Avec plaisir
Nach längerer Zeit war die französische Songwriterin Mélanie Pain wieder einmal in Deutschland unterwegs und nutzte die Gelegenheit, um zum einen ihr aktuelles Album „How And Why“ vorzustellen – zum anderen aber auch, um einen musikalischen Überblick über ihre gesamte Laufbahn als Solo-Künstlerin und festes Mitglied im Nouvelle Vague-Live-Universum zu präsentieren. In letzterer Eigenschaft hatte Mélanie auch den amerikanischen Musiker Brian Lopez kennengelernt, der auf die Frage, ob er Lust hätte, auf ihrem neuen Album mitzumachen und sie dann auf der nun stattfindenden Tour auch zu begleiten, geantwortet hatte: „Avec plaisir“.
Brian Lopez war es dann auch, der die Show im Berliner Quasimodo-Club mit einem Solo-Set eröffnete. Eine Besonderheit dieses Keller-Clubs ist dabei, dass die Shows dort erst relativ spät beginnen müssen, damit der Theater- und Kino-Betrieb eine Etage höher nicht gestört wird. Es ging dann also schon auf 23:00 Uhr zu, als Lopez schließlich die Show eröffnete. „Schön, dass hier auch Zuschauer sind“, witzelte der Mann aus Arizona, „…um 23:00 Uhr abends an einem kalten Mittwoch.“ Schließlich räumte er noch ein, dass er sich ja durchaus freue, endlich mal wieder Schnee sehen zu können – denn in seiner Heimat sei es ja grundsätzlich 400° wärmer als im zugeschneiten Berlin.
Musik gab es dann aber auch. Brian erklärte seine momentane Gemütslage und führte aus, dass er zurzeit eigentlich nur noch spanische Musik höre (also keine Musik aus Spanien, sondern solche, die auf Spanisch vorgetragen wird) und deswegen auch nicht nur einige Songs seines aktuellen, englischsprachigen Albums „Tidal“, sondern eben auch Material auf Spanisch vorstellte – das sich vermutlich dann auch auf seinem kommenden Solo-Album befinden wird, an dem er gerade arbeitet und das dann ganz auf Spanisch gehalten werden wird. Dieser Schritt kommt für Lopez gar nicht so unerwartet, denn auch bei seinen Kollaborationen mit Gabriel Sullivan (der seine Musik auch produziert) und/oder dem XIXA-Projekt war er ja stets für Latin-Vibes (und um die geht es) zu haben. Grundsätzlich trug Lopez sein Material auf der akustischen Gitarre solo vor – schaltete aber bei einigen Tracks dann noch ein paar Backing Tracks zu. Das galt auch für den Track „Road To Avalon“ vom „Tidal“-Album, den er zusammen mit seiner Kollegin KT Tunstall geschrieben hatte. Hier gab Lopez auch einen Einblick in die Mechanismen des Musik-Business. Aufgrund dessen, dass KT Tunstall in einer anderen kommerziellen Liga als Lopez agiert, musste diese über Anwälte und/oder Management erst ihre Freigabe für die Veröffentlichung des Songs klarmachen. Dabei geriet dieser dann auf Spotify-Playlists und wurde zu einem temporären Streaming-Hit, bis der Hype dann wieder zusammenklappte. Anyhow: „Das ist dann mein Superstar-Song“, kommentierte Lopez das Ganze dann in etwa. Dabei gibt es kaum einen ungeeigneteren Superstar-Kandidaten als Brian Lopez, denn der arbeitet sich seit Jahren verlässlich ohne jegliche Allüren, aber stets mit ganzem Herzen der Performance verpflichtet durch sein Programm.
Das setzte sich dann auch fort, als Lopez dann – neben Mélanie Pains Gitarristen und Co-Author Jérome Plasseraud – als zweiter Mann an der Gitarre in der Band von Mélanie Platz nahm und sich – jeweils stets im Dienste des Songs – vollständig hinter dem präsentierten Material zurücknahm. Gleich mehrfach betonte Mélanie an diesem Abend, wie sehr sie es genieße, auf dieser Tour wirklich die ganze Bandbreite ihres Oeuvres präsentieren und dabei alle Facetten ihres Könnens unter Beweis stellen zu können. Neben den Songs des neuen Albums gab es dann auch die obligatorischen Cover-Versionen, wie wir sie ja auch aus dem Nouvelle Vague-Umfeld kennen: In dem Fall waren das dann „The Killing Moon“ von Echo & The Bunnymen und „The Model“ von Kraftwerk, das Mélanie auf Englisch vortrug, weil sie es einfach nicht geschafft habe, es auf Deutsch zu lernen – beide Versionen gab’s dann in leichtfüßig auf Mélanies Bedürfnisse angepassten Formaten. Dafür gab es dann diverse Songs (und Ansagen) auf Französisch – so zum Beispiel das Chanson „Celle de mes 20 ans“, „Non“, „Bye Bye Manchester“ und „La Cigarette“, das Mélanie als Hommage an die Rolle der kürzlich verschiedenen Brigitte Bardot im Godard-Film „Le Mepris“ geschrieben hat. Das sind alles ältere Tracks, denn auf dem neuen Album gibt es keine Songs auf Französisch. Dass Mélanie aber Chansons auf Französisch vortragen würde, war ja dennoch klar – aber eine Überraschung war dann ihre Version des Songs „Senden Daha Günzel“ (= schöner als Du) der türkischen Rockband Duman, den sie dann tatsächlich auch auf Türkisch sang – und nicht etwa in der extra für die Band Duman angefertigten französischen Variante.
Die echten Highlights verbargen sich dann aber im letzten Drittel der Show. Da war zum Beispiel das Duett „Cold Hands“, das Mélanie mit Brian Lopez Rücken an Rücken performte und dabei eine theatralische Darbietung sondergleichen inszenierte. Mélanie Pain hat es als Performerin eh mit der Theatralik – aber auf eine charmante, bodenständige Art. So turnt sie gerne mit Rasseln und anderen Perkussion-Instrumenten auf der Bühne herum und begleitet ihren Vortrag mit weit ausholenden, dramatischen Gesten – räumt dann aber auch ein, dass sie ihr Kazoo-Solo auf einem unprofessionellen Spielzeug-Instrument geblasen habe.
Gegen Ende wurde es dann immer existenzialistischer, als Mélanie mit den Songs wie „Bluer Than Blue“, dem 2009er Frühwerk „My Name“ oder dem Titeltrack des Albums „How And Why“ die großen Fragen stellte, die man sich im Leben so stellt – ohne dabei nach Antworten zu verlangen. Ihr Lieblingsstück war dann allerdings „The Bare Truth Of Me“ – eine sympathisch offenherziges musikalisches Selbstporträt, von dem sie sagte, dass die Band im Quasimodo die beste Version des Songs gespielt habe.
Was die handwerkliche Umsetzung anging, so gab es da nichts zu meckern. Sympathisch war dabei der Umstand, dass die Band zwar mit Bassist – aber ohne Drummer – unterwegs war, was dem federleichten Flow von Tracks wie dem eingangs gespielten, leicht atypischen Track „Dreamloop“ durchaus Vortrieb leistete (nun gut – hier kam zumindest ja auch eine Rhythmusmaschine zum Einsatz). Schön auch, dass es hier keine elektrischen Rockgitarren brauchte, um Drive und Psychedelia zu erzeugen – das erledigte Brian Lopez mit seiner akustischen Gitarre und seinem Effektpedal. Kurzum: Nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Künstler gingen am Ende mit einem zufriedenen, wärmenden Bauchgefühl nach Hause (was auch ganz gut so war, da dann so gegen 1 Uhr nachts wieder der Frost eingesetzt hatte).

























