Gregory Spawton, einzig verbliebenes Gründungsmitglied der britischen Prog-Band Big Big Train, stammt aus einer Eisenbahnerfamilie. Als Kind schenkte ihm jemand ein Eisenbahnset des Herstellers Big Big Train, Namensgeber für ein Musiker-Kollektiv, das seit 1990 existiert und allein in der letzten Dekade neun Studioalben aufnahm. Dabei musste die Band im November 2021 den Unfalltod ihres Leadsängers David Longdon betrauern. Eine der prägenden Kräfte mit einer Stimme zwischen Peter Gabriel und Phil Collins. Kein Wunder, dass er nach Collins‘ Demission bei Genesis im Kreis der Nachfolgekandidaten war. Vielleicht hätte man ihm mehr Input gestattet als dem unglücklichen Ray Wilson, der mit dem kurzen Gastspiel immerhin seine Solokarriere befeuerte.
Seit 2022 hat nun Alberto Bravin die Leadvocals übernommen. Zunächst auf dem eher pastoralen Album „The Likes Of Us“. Auf „Woodcut“ nun ist er kompositorisch und als Produzent noch einen Schritt nach vorn gerückt. Es ist das erste komplette Konzeptalbum mit einer Story, die im Wesentlichen von Greg Spawton unter Mithilfe der Violinistin Claire Lindley verfasst wurde. Die Idee zur Geschichte allerdings kam Bravin beim Besuch des Edvard-Munch-Museums in Oslo. Sie dreht sich um einen Holzschnitzer, der auf der Suche nach künstlerischer Perfektion zwischen Genie und Wahnsinn pendelt.
Nach dem Intro aus Streichern und Bläsern wird diese Thematik bereits mit „The Artist“ deutlich. Gitarrist und Keyboarder Rikard Sjöblom hatte ursprünglich eine über 16-minütige Suite im Sinne, doch die Band wollte die Songs weniger ausufernd gestalten. Mit über sieben Minuten ist es immer noch das längste Stück geblieben und erinnert nicht nur in den Orgel- und Gitarren-Parts an Yes, sondern auch durch den präsent groovenden Chris-Squire-Gedächtnis-Bass. Das lange Intro zu „Albion Press“ geht in eine ähnliche Richtung, fügt ein Glockenspiel hinzu und verwandelt sich in puren Pop, wenn der in Schwarz/Weiß denkende Holzschnitzer seinen Sinn für Farbe entdeckt als Abglanz der Natur. Im nachfolgenden „Arcadia“ scheint dann die Morgensonne ins Atelier, der Künstler bleibt in seinem manischen Tun gefangen, untermalt durch ein Keyboard-Dröhnen, das Lindleys gen Himmel jubilierende Violine zurückdrängt, bis das Stück mit perlenden Klaviertönen ausklingt. Doch der Künstler verharrt in seinem zwanghaft wirkenden Arbeitsprozess („trapped as I create“), hörbar gemacht durch ein hektisches Gitarrenriff und aufgeregte Drums in „Warp And Weft“, bis er – Pygmalion gleich – die Belebung seines Kunstwerks erfährt: „I lose the days – I can’t explain / I see it move – I feel it breathe / The more I cut – the more I feel“. Das zu Beginn folkig-perkussive „Chimaera“ stellt nicht nur die Verlässlichkeit der Wahrnehmung, sondern gleich auch den Sinn des Lebens in Frage: Sind wir eine „Reflexion auf einer Linse“, eine „optische Täuschung“, ein „über das Wasser hüpfender Stein“ oder das „Glimmen einer Flamme“, die zu erlöschen droht?
Während „The Lie Of The Land“ und „Light Without Heat“ dreiminütige Popsongs sind, in die man hineinfällt wie in einen gemütlichen Sessel, punktet „Dreams In Black And White“ mit mehrstimmigem Gesang à la Gentle Giant. Das instrumentale „Cut And Run“ könnte man wegen des Orgel/E-Gitarren-Duetts so ähnlich bei Deep Purple finden, bis sich flirrende Synthies darüberlegen. Insgesamt blitzen Passagen auf, die Fans von Styx, Kansas und Genesis nicht verachten werden, und bei „The Sharpest Blade“ kommt Steven Wilson in den Sinn. „Counting Stars“ gerät gesanglich etwas pathetisch, hübsch aber der Keyboardteppich, auf dem zunächst Akustikgitarre und Klavier Platz nehmen, bis sich mittels E-Gitarre ein gewaltiger Wall of Sound auftürmt. Nick D’Virgilios (Ex-Spock’s Beard) mächtiges Schlagzeug und Oskar Holldorff als 2023 hinzugestoßener weiterer Keyboarder tragen zu klassischem Progressive Rock bei, der nahtlos in das Schlussstück „Last Stand“ hinübergleitet.
Wo mag der Weg des Künstlers hingegen? Der Holzschnitzer dient als Metapher für Musiker, Maler, Bildhauer oder Schriftsteller in deren Streben nach Perfektion. Mit „Woodcut“ kommen Big Big Train nahe dran – ohne freilich Gefahr zu laufen, dem Wahnsinn zu verfallen.
„Woodcut“ von Big Big Train erscheint auf InsideOut/Sony.




