Besonders geradlinig ist die Karriere der israelisch/französischen Songwriterin Yael Naim ja nun wirklich nicht verlaufen. Trotz des internationalen Hits „New Soul“ konnte und wollte sie sich nicht als sichere Bank in Sachen pflegeleichter organischer Pop-Musik etablieren – zumal sie sich weigerte, auf ihre spezifischen Eigenarten wie z.B. den Nutzen der hebräischen Sprache in ihren Songs zu verzichten. Sie selbst betrachtete diesen Umstand aber eher als Chance, die sie im Folgenden nutzte, um sich musikalisch so aufzustellen, wie sie selbst das als richtig empfand – und nicht so, wie es die Erwartungshaltungen geboten hätten.
Mit dem leichtfüßigen Album „She Was A Boy“ von 2011 und dem nachdenklicheren „Older“ von 2015 schien sie ihren Weg der musikalischen Selbstfindung abgeschlossen zu haben. Wie aber bereits das 2020er Werk „Nightsongs“ zeigte, war dem doch nicht so. Geprägt von einer Sinnkrise, die sich bereits vor der Pandemie angekündigt hatte, suchte sie auf diesem neuen Album auch nach neuen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten und experimentierte darauf erstmals mit elektronischen Sounds und Effekten (während sie bis dahin stets auf ihre organische Arbeitsweise stolz gewesen war).
Die angesprochene Sinnkrise stellte sich als massive Midlife-Crisis heraus, die sie nun erst – musikalisch in Sachen Electronica geradezu runderneuert – mit dem aktuellen Album „Solaire“ als überwunden markiert. Erstmals produzierte sie hier selbst, setzte ihren bisherigen musikalischen Partner Daniel Donatien als Kollaborateur vor die Tür und ließ sich stattdessen das Material von dem E-Pop-Spezialisten Tom Elmhirst mischen. Das ist für jemanden, der sich selbst produziert, ein mutiger Schritt, der aber letztlich auch davor schützt, betriebsblind zu werden.
Inhaltlich ist das Werk als subtiler Aufruf zu verstehen, mit Empathie und Aufmerksamkeit durch das Leben zu gehen, nicht nur auf die eigenen Bedürfnisse, sondern auch die anderer – und letztlich auch die der Umwelt, der Natur und der Spiritualität – zu achten. Freilich wird das nicht mehr in catchy Pop-Songs oder Storyteller-Songwriting verpackt, sondern in klangorientierte Tracks mit aufgelösten Songstrukturen, coolen elektronischen Grooves, Beats und Effekten, R’n’B-Ästhetik und Club-Appeal, aber auch World-Musik-Aspekten, atmosphärischen Ambient-Momenten und homöopathischen Hip-Hop-Dosen. Auch Textzeilen auf Französisch und Hebräisch, die Yael Naims komplexe Persönlichkeitsstruktur stets prägten, finden sich wieder (denn diese hob sie sich schon früher für besondere Anlässe auf).
Im Vergleich zu den älteren Scheiben ist das ziemlich radikal – und insbesondere mit dem Verzicht auf offensichtliche Pop-Elemente dürfte Yael sich nicht nur Freunde gemacht haben. Yael Naim hat sich in den langen Phasen, die zwischen ihren Projekten liegen, die Sache aber gut überlegt und nutzt das fast kompromisslose Eintauchen in die neuen Klangwelten dazu, sich von ihrem alten Ich abzunabeln und sich so einen neuen, in die Zukunft gerichteten Kosmos zu erschaffen, der dann eher auf Akzeptanz denn auf Konfrontation ausgerichtet ist.
„Solaire“ von Yael Naim erscheint auf Mouselephant/Cargo.




