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In der Welt von David Lynch
„My mother’s sleeping, I touch her face / The nose is a mountain, the mouth is lake“. So beginnt Sophia Kennedys „Nose For A Mountain“ und wer sich auf den Text einlässt, taucht ein in einen surrealistischen Kosmos à la David Lynch. Die Gegensätzlichkeit von innerer und äußerer Welt, zwischen denen der Faden zu reißen droht, ein Leben an der Grenze zum Schizophrenen, sich von der irdischen Gebundenheit zu erheben, um dem drohenden Fall ausgeliefert zu sein. Die anspielungsreichen Texte geben viel Raum für eigene Kurzfilme. Im kleinen Saal des Kulturzentrums Pavillon steht für die 130 Gäste eher die ebenso spannende musikalische Gestaltung des Abends im Vordergrund mit oft gespenstischen Elektro-Sounds.
Sophia Kennedy, weißes Hemd, Krawatte und Sporthose, sitzt meist hinter ihrem Keyboard, kommt aber beim dritten Stück, „Up“, an die Rampe, um zu tanzen und zu schauen, „wer so da ist“. Denn trotz ihrer Düsternis zeugen viele Lieder von großem Popappeal und laden ein, sich dazu zu bewegen. Die Hälfte der Songs stammen von dem aktuellen Album „Squeeze Me“, das die 36-jährige Wahl-Hamburgerin mit Mense Reents geschrieben und produziert hat. Reents spielt Bass und bedient den Sequencer, Manuel Chittka sitzt hinter dem Schlagzeug. Die traditionellen Instrumente sorgen für Erdung, hebt die geballte Elektronik doch gern ab in spooky Soundscapes und geschredderte Beats, unterlegt durch eine Drummachine. Ein gespenstisches Dröhnen durchzieht Kennedys vielleicht bezauberndstes Lied, „Oakwood 21“. Hier wünschte man sich ein wenig mehr elektronische Zurückhaltung, um der wunderbaren Gesangsmelodie und dem traumverhangenen Klavier mehr Raum zu geben. Und um gedanklich einen eigenen Film dazu zu drehen. Ebenso schön „Orange Tic Tac“ mit seinem poppigen Refrain, dem kreiselnden Keyboard und einem Sprechgesang, der an Grace Jones erinnert. Wie auch das minimalistischere „Hot Match“ mit seinem treibenden Drumbeat.
„Runner“ verträgt die zuckenden Sequencer-Blitze und den Schlagzeug-Donner, die sich in einem Elektrogewitter entladen, sehr gut. „Drive The Lorry“ gleitet über einem federnden Loop dahin, mit Kennedy als Lastwagenfahrerin, die den Laster zwar fahre, wie andere ihren Hund ausführen, zu der man sich aber mit Vorsicht auf den Beifahrersitz begeben sollte („got the devil’s golden locks“). Ein Klackern und orgelartige Synthies untermalen das mit viel Hall in der Stimme gesungene „Seventeen“ vom Vorgänger-Album „Monsters“. Erinnerungen an Unsicherheiten im Umgang mit anderen, ein Sturz vom Baum, und der Teufel schaut auch hier vorbei.
Reents und Kennedy haben einen eigenständigen Soundkosmos erschaffen, der trotz kühler Elektronik erstaunlich viel Wärme ausstrahlt, vor allem durch Kennedys Stimme. Das als letzte Zugabe geplante „Imaginary Friend“ ist bestechend eingängig, und der brandende Applaus lockt Kennedy noch einmal allein auf die Bühne und ans Keyboard. „Closing Time“ zeigt einen Besuch auf der Kirmes, das lyrische Ich als nachdenklicher Beobachter: „Everything keeps spinning / The end has no beginning / The bottom is the ceiling / Everything’s upside down.“ Trotz aller Mystik und Entfremdung – Sophia Kennedy wirkt dann doch recht aufgeräumt und gut gelaunt.



















