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Mit Kind und Kegel
Peter Dohertys aktuelles Album heißt „Felt Better Alive“ und scheint das neu gewonnene Lebensmotto zu sein. Nach all den Exzessen, die wegen der Beziehung zu Supermodel Kate Moss auch in der Regenbogenpresse für Schlagzeilen sorgten, hat der 46-Jährige wohl seinen Frieden gefunden. Mit Kind und Kegel wohnt er zurückgezogen in einem normannischen Küstendorf in einem Haus mit Meerblick. Und Kind und Kegel sind auch auf Tour dabei: Seine Ehefrau Katia des Vidas sitzt an den Keyboards, zwischendurch trottet ihr Hund über die Bühne. Als sich die Musiker am Ende vor dem Publikum verbeugen, schleckt er allen mit langer Zunge durch die Gesichter. Und als nach der letzten Zugabe der Applaus nicht abreißt, kehrt Doherty noch einmal mit seiner zweijährigen Tochter zurück, um sich erneut zu verabschieden. Davor liegt ein eineinhalbstündiges Set mit Liedern aus den Soloalben, von den Babyshambles und ein paar Cover-Songs.
Im rappelvollen Capitol runden AmyJo Doh & The Spangles die Familienzusammenführung ab, ist Doh doch die Abkürzung von Doherty. AmyJo ist die Schwester von Peter und der lässt es sich nicht nehmen, sie vorher anzukündigen. 30 Minuten zwischen Blondie und The Specials, eine Mixtur aus Rock, Pop, Ska und Punk. AmyJo fegt wie ein Wirbelwind über die Bühne, sendet mit einem Palästinensertuch eine Botschaft und setzt mit „Coração“ einen beschwingten Schlusspunkt.
Doherty selbst pflegt die häuslich-familiäre Atmosphäre, wenn er nach der Umbaupause seinen Mantel an einen Garderobenständer hängt, später auch sein Jackett, die Krawatte und schließlich das weiße Hemd und den breitkrempigen Hut. Im Unterhemd wird deutlich, dass der spirrlige Heroin-Chic vergangener Tage längst Geschichte ist. Recht rundlich geworden feiert er das Leben: In dem melodietrunkenen „Calvados“ fließt der Apfelbrand in Strömen, das kantige „Stade Océan“ blickt aufs Meer und „Pots Of Gold“ richtet sich ans Töchterchen: „Hush my darling, no don’t you cry / Daddy’s trying to write you a lullaby so sweet / And if that lullaby is a hit / Dad can buy you loads of cool shit“. Wie auch „Ed Belly“ oder „Felt Better Alive“ leiden die neuen Stücke live unter dem Verzicht auf die hübschen Arrangements der Studioversionen mit Streichern und Bläsern. Immerhin kommt beim Libertines-Song „Baron’s Claw“ ein Trompeter hinzu. Der kryptische Text mag sich metaphorisch auf alte Sünden beziehen, Doherty stellt in Hannover jedoch einen Bezug zum verhassten Brexit her und fordert die Fans auf, ihre Hände zu Klauen zu formen. Der schunkelige Song taucht als „The Day The Baron Died“ auf dem aktuellen Soloalbum erneut auf. Deren entspannte Songs hatten sich bereits in der Zusammenarbeit mit Frédéric Lo angekündigt, wovon „The Fantasy Life Of Poetry & Crime“ zollt. Mit Mark Neary an der Pedal Steel Guitar, die auch den Walzer „I Am The Rain“ untermalt.
„Time For Heroes“ beweist noch einmal, dass die Libertines dem sterbenden Brit-Pop um Oasis und Blur neue Vitalität einhauchten. Die rotzige Hymne „Fuck Forever“ vom ersten Album der Babyshambles streckt der britischen Politik den Stinkefinger entgegen: „I can’t tell between death and glory / New Labour and Tory / Purgatory and no happy families“. Ein Song wie gemacht zum Mitgrölen. Die einzige Zugabe „There Is A Light That Never Goes Out“ weist Doherty als Fan von The Smiths aus, wenngleich er gesanglich Morrissey kaum das Wasser reichen kann. „How Soon Is Now“, das zweite Smiths-Cover im Programm, begeistert wegen der auf- und abschwellenden E-Gitarre von Mike Moore und der Slide-Gitarren-Flächen, die Jack Jones darüberlegt. Moore übrigens ersetzte im vergangenen Herbst bei der Oasis-Reunion-Tour den erkrankten Paul „Bonehead“ Arthurs. Und hey, am Schlagzeug sitzt mit Mike Joyce der Drummer der Smiths.
Ähnlich gelungen ist die Velvet Underground-Ausgrabung „Ride Into The Sun“, die die Band mit gleißenden Gitarren veredelt. Der Song beklagt das harte Leben in der Stadt und man denkt an Dohertys Umzug aufs Land, seinen Ritt in die Sonne. Favoriten wie „Last Of The English Rose“, „Killamangiro“ oder „Kolly Kibber“, Letzteres mit mehrstimmigem Chor dargeboten, klingen mitunter recht ähnlich, weil Dohertys nöliger, immer mal wieder ins Falsett oder gar ein manieristisches Jaulen kippender Gesang zwar Markenzeichen, aber auch Bürde ist.
Die Skizzenhaftigkeit vieler Stücke mag zur lässigen Attitüde Dohertys passen. Und so torkelt er mit einer Hand in der Hosentasche, Drehungen und hochgerissenem Bein über die Bretter, dass man mitunter fürchtet, dass er dabei zu Schaden kommt. Dann haut er versehentlich das Mikro an den Ständer, lässt es fast fallen, fängt sich wieder. Hätte man nichts Gegenteiliges gelesen, würde man vermuten, er hätte ordentlich beim Calvados zugeschlagen. Immer wieder fuchtelt er mit einer zusammengefalteten Zeitung herum, schlägt sie zwischendurch auf, scheint darin zu lesen, zerreißt eine Seite in Stücke und wirft die Schnipsel in die Höhe. Dann hält er eine Collage in den Händen, der Kommentar dazu bleibt rätselhaft, er schleudert das Bild in die Menge, es prallt am Balkon des ehemaligen Kinos ab und fällt ins Publikum. Doch noch ein bisschen wilder Peter. Am Ende pflückt Doherty die Kleidungsstücke vom Garderobenständer, vergisst auch die derangierte Zeitung nicht und gesellt sich zu Kind und Kegel.


























