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Die englische Songwriterin Lucy Kitchen war auf dem besten Weg, ihren Platz in der klassischen Folkszene ihrer Heimat zu reklamieren. 2013 begann sie, erste eigene Songs zu veröffentlichen. 2014 folgte ihre Debüt-LP „Walking“, auf der sie sich im akustischen Setting noch als klassische Folk-Künstlerin in einem pastoralen britischen Setting (und weitestgehend ohne Band-Unterstützung) präsentierte, während auf dem zweiten Werk „Sun To Moon“ dann noch Westcoast/Laurel Canyon-Vibes und dank des Einsatzes einer Pedal-Steel-Gitarre auch Country-Elemente hinzu kamen – was auf Lucys Interesse an Americana- und Cosmic American-Sounds zurückzuführen ist. Stilistisch war Lucy Kitchen also auf dem richtigen Weg und schien eine Richtung eingeschlagen zu haben, die ihrer klagenden Stimme mehr Raum zur Entfaltung bot. Eigentlich hätte das konsequent so weitergehen sollen und können – hätte nicht das Schicksal auf unangenehme Weise Einspruch erhoben: Als es nach der Veröffentlichung von „Sun To Moon“ eigentlich an ein neues Album hätte gehen sollen, erkrankte Lucys Ehemann Stephen McCleary – selbst Musiker und Songwriter – an Krebs; was alle Aktivitäten in Sachen Musik erst mal auf den Backburner verbannte.
Lucy pflegte in der Folge ihren Mann und durchschritt mit ihm alle Höhen und Tiefen, die solch eine Situation mit sich bringt – bis dann 2020 auch noch die Pandemie hinzukam. 2022 verstarb Stephen schließlich an den Folgen seiner Erkrankung und Lucy musste sich dann erst einmal sammeln, bevor sie überhaupt in Betracht ziehen konnte, an neuen Projekten zu arbeiten – nutzte das dann aber als Chance, mit einer Sammlung neuer Songs eine anrührende Hommage an ihren Mann zu erschaffen, indem sie in den neuen Songs die schweren Zeiten auf poetische Weise kommentierte, dokumentierte und auch verarbeitete. Das Ergebnis ist das nun vorliegende Album „In A Low Light“, mit dem sie zugleich dann auch die unterbrochene musikalische Entwicklung wieder aufnahm.
Kommen wir da gleich mal zu der großen Frage nach der universellen Bedeutung der Musik für Lucy Kitchen. „Mir hat die Musik in dieser schwierigen Phase definitiv sehr geholfen“, meint sie, „die Musik hat mich sozusagen wieder zu mir selbst zurückgeführt. Ich kümmerte mich ja die ganze Zeit um jemanden, dem es sehr schlecht ging, und die Covid-Pandemie machte die Welt ziemlich seltsam – und ich tendierte in dieser schwierigen Phase dazu, mich selbst zu verlieren. Als ich dann langsam begann, wieder zu schreiben, nachdem mein Mann verstorben war und den Song ‚Blue Light‘ fertig stellte – den ich zur Hälfte bereits angefangen hatte, als es ihm sehr schlecht ging – da fühlte sich das wie ein magisches Ding an; weil ich wieder etwas erschaffen konnte. Dann kamen die anderen Songs ziemlich schnell zu mir und ich fand durch die Musik wieder zu jenem Fokus zurück, der lange Zeit ein Teil von mir gewesen war. Dadurch fühlte ich mich dann wieder wie ich selbst.“
Die Musik als solche hat ja sowieso eine Art magischen Aspekt, oder? „Das denke ich auf jeden Fall“, bestätigt Lucy, „ich bin keine religiöse Person – aber ich würde definitiv sagen, dass ich eine spirituelle Person bin. Ich denke, dass die Musik uns in dieser Weise verbindet, oder? Verschiedene Menschen hören verschiedene Arten von Musik. Ich höre mir etwa im Laufe des Jahres alle möglichen Arten von Musik passend zu den Jahreszeiten an und ich finde, dass wir uns durch die Musik dann auch selbst in verschiedenen Phasen wiederfinden.
Was hat Lucy für dieses Album denn auf der musikalischen Seite inspiriert? Die Country-Aspekte, die sie auf ihrem letzten Album einführte, finden sich ja nicht mehr. Insgesamt klingt das Album demzufolge „europäischer“. „Ich muss aber gestehen, dass ich nach wie vor viel Americana höre“, schmunzelt Lucy, „ich habe viel Waxahatchee gehört, von deren Album ‚Tigers Blood‘ ich geradezu besessen bin. Wenn ich schreibe, dann habe ich immer noch ein bisschen Americana-Einfluss – aber meine englische Folk-Seite ist stärker ausgeprägt – und ich liebe die Singer/Songwriter der 70er Jahre. Dazu gehören offensichtlich Leute wie Joni Mitchell, Nick Drake oder Sandy Denny – die ja für die englische Seite stehen. Wie gesagt liebe ich Waxahatchee – aber auch Julie Byrne, deren ruhige Low-Fi-Arrangements ich sehr liebe. Darüber hinaus mag ich aber auch verschiedene Sachen wie Bat For Lashes, Mazzy Star bzw. Hope Sandoval. Hauptsächlich höre ich mir übrigens am liebsten weibliche Sängerinnen an.“
Ein bestimmtes Rezept verfolgt Lucy aber nicht als Songwriterin, oder? „Nein – ich schreibe Songs auf verschiedene Arten“, erklärt Lucy, „mir ist natürlich schon klar, dass einige KollegInnen eine bestimmte Art haben, auf die sie Songs schreiben – aber das bin nicht ich. Ich fokussiere mich auf die Texte und auf die Melodien – denn ich bin ursprünglich eine Flötistin und da sind mir Melodien immer besonders wichtig. Ich habe immer eine Sammlung von Noten und Textzeilen, die ich nutzen kann. Manchmal setze ich mich hin und schreibe einen Song in einem Rutsch. Manchmal fummele ich auf der Gitarre herum und komme so auf Ideen, meistens kommt die Inspiration aber von den Texten.“
Denkt Lucy Kitchen eigentlich über Genres oder Stile nach, wenn sie ihre Songs schreibt? „Nein, ich gehe eher mit dem Flow“, gesteht sie, „dabei gehe ich durch Phasen. Manchmal möchte ich mich herausfordern, indem ich schwierige Gitarren-Parts schreibe, und manchmal such ich nach etwas Einfachem. Ich bewege mich also zwischen diesen beiden Polen und es ist auch für mich interessant, was dabei für Songs herauskommen. Für gewöhnlich gehe ich dann in die Folk-Richtung, wenn ich mich herausfordern möchte, und in die Americana-Richtung, wenn es simpler sein soll.“
Dabei kommen Lucys Songs ja gewissermaßen geerdet und realistisch daher. Gibt es denn überhaupt ein Element des Eskapismus in ihrer Musik? „Nun ja – wenn ich meine Songs singe, dann transportieren die mich schon an einen anderen Ort“, überlegt Lucy, „aber andererseits erdet mich das dann auch. Wenn ich mit etwas zu tun habe, das mich zu überwältigen droht oder wenn es schwierig wird – und ich mich dann mit der Gitarre hinsetze und singe, dann holt mich das auf mich selbst zurück. Es gibt also zwei Seiten der Medaille: Man kann in seinem Kopf an einen anderen Ort reisen, wenn man schreibt – aber wenn man spielt und singt, dann holt dich das auf den Boden zurück.“
Was macht dabei dann am meisten Spaß? „Das ist eine knifflige Frage“, meint Lucy. „Musik ist eine Sache, von der ich mir einfach nicht vorstellen kann, sie nicht zu machen. Ich liebe es zu singen und live zu spielen. Ich mag es aber auch im Studio abzuhängen und die Magie passieren zu sehen – wenn alles zusammenkommt und passt und man diese Energie im Raum verspürt. Ich denke, das hängt mit der Beziehung zusammen, oder? Wenn man im Studio mit den Musikern zusammenspielt, gibt das ein gutes Gefühl – und wenn man auf der Bühne steht und für ein wundervolles Publikum spielt und alle dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit spüren und alles passt und man die Energie spürt, dann ist das auch großartig.“
Und was ist dann nicht so schön an diesem Job? „Die administrative Seite und das ganze Zeug, was man drumherum machen muss – was so viel Zeit in Anspruch nimmt“, erklärt Lucy, „man muss immer rödeln und so viel Energie da reinstecken, ständig Content zu produzieren. Ich werde allmählich besser darin, mit den sozialen Medien umzugehen. Tatsächlich habe ich sogar einen kleinen Kurs gemacht, um mich besser darstellen zu können. Es gibt aber einige Dinge, die ich niemals machen werde – zum Beispiel werde ich niemals tanzen. Ich muss da meinen eigenen Weg finden. Es muss sich immer noch nach mir anfühlen und ich will mich nicht verbiegen.“
Wie steht denn eine Musikerin, die sich einem konventionellen Old-School-Setting verpflichtet fühlt und grundsätzlich organische Musik macht, zu der AI in der Musik? „Da muss man aufpassen“, meint Lucy, „mein Problem mit der AI ist, dass die Leute glauben, sie machen Musik, wenn sie das verwenden. Sie machen aber keine Musik – sie geben einen Prompt ein, der Musik erzeugt, die auf Mustern bereits vorhandener Musik erzeugt. Die Leute, die diese AI-Plattformen anbieten, haben auch gar nicht verstanden, worum es geht und was sie da erschaffen haben. Sie vermarkten diese Plattformen mit dem Argument, den Musikern helfen zu wollen – aber unter der Annahme, dass die Musiker es als Mühe betrachten, Musik zu schreiben und das demzufolge gar nicht gerne machen würden. Das ist aber doch Unsinn. Kein Musiker will diesen Teil des Prozesses doch umgehen – denn Musik zu erschaffen, ist doch das Beste, was es gibt.“
„In the Low Light“ von Lucy Kitchen erscheint auf Make My Day/Indigo.




